Fast jedes Mal, wenn der Industriekonzern ABB seine Finanzkennzahlen verkündet, herrscht gewisse Unschlüssigkeit darüber, wie die Resultate aufzufassen sind. Auf der einen Seite sind die Ergebnisse beim Blick auf Umsatz und Konzerngewinn in letzter Zeit meist ernüchternd. Auf der anderen Seite gibt sich das Management um Konzernchef Ulrich Spiesshofer viel Mühe, die Aussenstehenden mit allerlei Zahlen von einem anderen Bild der Lage zu überzeugen.

Das war auch wieder am Donnerstag so, als der auf Elektrotechnik und Automation ausgerichtete ABB-Konzern seine Resultate für das zweite Quartal publizierte. Der Konzerngewinn ist demnach von April bis Juni um 31 Prozent auf rund 400 Millionen Dollar eingebrochen. Der Umsatz gab um 5 Prozent auf rund 8,7 Milliarden Dollar nach. Die Auftragseingänge sanken um 8 Prozent auf 8,3 Milliarden Dollar. Der Bestellungseingang in der Division Prozessautomation sackte sogar um 22 Prozent auf rund 1,4 Milliarden Dollar ab.

Die Aktie legt um 2 Prozent zu

Alles nicht so dramatisch, hiess es dann während zweier Telefonkonferenzen für Medien vom Konzernchef. Der Gewinn im zweiten Quartal sei lediglich aufgrund von Restrukturierungskosten und restrukturierungsnahen Aufwendungen von 367 Millionen Dollar eingeknickt. Zudem seien auf vergleichbarer Basis der Umsatz nur um 2 Prozent und der Auftragseingang nur um 5 Prozent zurückgegangen.

ABB legt ausserdem ein besonderes Augenmerk bei den Geschäftszahlen nicht auf die oberste und unterste Zeile der Erfolgsrechnung, sondern auf ungefähr die Mitte, wo der Betriebsgewinn auf Stufe Ebita zu finden ist. ABB konzentriert sich also auf ein operatives Ergebnis, bei dem bestimmte Positionen bereinigt wurden. Dieses Betriebsergebnis hat sich nun im zweiten Quartal insbesondere infolge von Einsparungen um 4,5 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Dollar erhöht. Die sich daraus ergebende operative Gewinnmarge stieg um 1 Prozentpunkt auf 12,7 Prozent.

An der Börse goutierten die Anleger offenbar die Worte Spiesshofers: Die Aktie legte bis gegen 16:30 Uhr um rund 2 Prozent zu – und war damit der beste Titel der 20 SMI-Unternehmen.

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Bestellungen steigen

Konzernchef Spiesshofer zeigte sich obendrein sehr erfreut über das Wachstum der Bestellungen im zweiten Quartal auf vergleichbarer Basis von 18 Prozent in China und von 16 Prozent in Indien. Wenig Sorgen bereitet ihm auch der Brexit-Entscheid, weil in Grossbritannien, wo ABB ungefähr 2 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet, der Bedarf an Energie-Infrastruktur und an Effizienzsteigerungen mittels Automation in etwa gleich gross bleiben oder sogar steigen dürfte.

Der ABB-Konzern erzielte für das erste und zweite Quartal 2016 zusammen einen Umsatzrückgang um 6 Prozent auf 16,6 Milliarden Dollar. Der Konzerngewinn brach im ersten Semester um 21 Prozent auf rund 900 Millionen Dollar ein. Das besagte operative Ebita blieb in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres bei rund 2 Milliarden Dollar nahezu konstant.

Allerdings sank laut einer Publikation der ZKB die Finanzkennzahl Ebit, die für weite Teile der Öffentlichkeit meist mehr ein Begriff ist, um rund 33 Prozent auf 647 Millionen Dollar. Damit reduzierte sich im ersten Semester 2016 die Ebit-Marge um 3 Prozentpunkte auf nunmehr 7,5 Prozent.

Optimismus in der Zukunft

Den Ausblick liess Spiesshofer unverändert und auch die strategischen Ziele bleiben unangetastet, obwohl in einigen Märkten weiterhin mit Gegenwind gerechnet werden muss, wie es hiess. Insbesondere in den USA sind nämlich einige makroökonomische Signale positiv und in China dürfte sich das Wachstum fortsetzen, wenn auch auf einem geringerem Niveau als 2015.

Für Aussenstehende ist es angesichts solcher positiver wie negativer Angaben schwer, die Sachlage und die Entwicklungen genau zu verstehen. Bereits im vergangenen Geschäftsjahr schrumpfte der ABB-Konzern nämlich vergleichsweise stark. So lag der Reingewinn 2015 um 25 Prozent tiefer bei 1,9 Milliarden Dollar. Und der Konzernumsatz sank um 11 Prozent auf rund 35,5 Milliarden Dollar.

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Finanzanalysten werteten am Donnerstag denn auch einige Halbjahresresultate, wie etwa die von ABB ausgewiesene operative Profitabilität, als besonders positiv. Andere Entwicklungen, wie etwa die Umsatzzahlen, strichen Analytiker dagegen als negativ heraus. An der Börse fanden die Informationen jedenfalls Anklang. Die ABB-Titel stiegen in einem leicht freundlichen Marktumfeld gleich zu Handelsbeginn um rund 2 Prozent.

(sda/gku)