Haben die beiden deutschen Harddiscounter Aldi und Lidl die Schweizer Detailhandelslandschaft aufgemischt?Thomas Hochreutener: Aldi und Lidl haben die Schweizer Detailhandelslandschaft noch nicht gross verändert. Ihre Bedeutung ist noch gering. Aldi hat 2 bis 3% Marktanteil und Lidl ist erst vor kurzem, am 19. März, gestartet. Trotzdem haben die beiden deutschen Harddiscounter in der Schweiz bereits vieles in Bewegung gebracht.

Was haben sie bewegt?

Hochreutener: Die grossen Detailhändler haben sich seit Jahren auf den Eintritt von Aldi und Lidl ausgerichtet und vorbereitet. Sie haben die Sortimente angepasst und zum Beispiel die Preise gesenkt. Ob es richtig ist, die Preise bereits im Voraus zu senken, bleibt dahingestellt.

Sind tiefere Preise die einzigen Auswirkungen der Harddiscounter?

Hochreutener: Nein, Migros und Coop haben ihre Prozesse verbessert und vereinfacht.

Was heisst das genau?

Hochreutener: Coop hat zum Beispiel die Führungsstrukturen vereinfacht. Das ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg von Coop. Migros und Coop haben in ihre Infrastrukturen, aber auch in Informatik und Logistik investiert. Das sind wichtige Trümpfe bei der Konfrontation mit den Harddiscountern.

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Werden die Preise weiter fallen?

Hochreutener: Die Preise werden weiter sinken, weil Grundnahrungsmittel wie Milch, Weizen, aber auch Rohstoffe wie Erdöl günstiger werden. Benzin ist in den letzten Monaten viel billiger geworden.

Werden die Detailhändler diese Preissenkungen an die Konsumenten weitergeben?

Hochreutener: Davon bin ich überzeugt.

Werden die Preise wegen des zunehmenden Wettbewerbs oder wegen der tieferen Rohstoffpreise sinken?

Hochreutener: Beides wird der Fall sein. Die sinkenden Rohstoffpreise werden einen grossen Einfluss haben. Der Wettbewerb im Lebensmitteldetailhandel spielt - denn der Konsument kann zwischen verschiedensten Einkaufskanälen wählen. Dabei ist der Preis nur ein Kriterium. Für viele Konsumenten zählen andere Faktoren, wie Nähe, Frische, Nachverfolgbarkeit oder soziale Kontakte eine so grosse Rolle wie der Preis. Die Schweizer beurteilen vor allem das Verhältnis zwischen Preis und Leistung. Dies im Gegensatz zu Deutschland, da zählt nur der Preis.

Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel ist doch gering, weil Coop und Migros rund 75% des Foodbereichs beherrschen.

Hochreutener: Diese Zahl ist eine Frage der Marktdefinition. Laut offiziellen Zahlen betragen die Marktanteile von Coop und Migros etwas über 50%. Es wäre wünschenswert, wenn die offiziellen Marktstatistiken zum Detailhandel überarbeitet würden, vor allem die Abgrenzungen Food und Non-Food.

Das sagen Sie, der die «Bibel» des Detailhandels vollgespickt mit Zahlen herausgibt.

Hochreutener: Die Dokumentation «Detailhandel Schweiz» bietet jährlich einen Überblick über die wichtigsten Firmen im Schweizer Detailhandel. Sie zeigt Entwicklungen und Trends auf, aber sie ersetzt die offizielle Statistik nicht. Zum Beispiel fehlen Informationen über die Fachgeschäfte - im Lebensmittelhandel wie in den NonFood-Märkten gibt es nur sehr punktuell Informationen.

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Kann man im Lebensmitteldetailhandel angesichts der Marktdominanz von Migros und Coop überhaupt noch von Wettbewerb sprechen?

Hochreutener: Sicher. Jeder Konsument entscheidet, ob er zu Migros, Denner, Coop, Volg oder zum Metzger geht. Viele Konsumenten gehen in die Migros und zusätzlich in eine Bäckerei, um ihre bevorzugten Produkte zu kaufen. Das sind Gewohnheiten, die sich nur langsam verändern. Die Konsumenten sind diesbezüglich träge.

Verhindern solche Gewohnheiten, dass Konsumenten zu Lidl oder Aldi gehen?

Hochreutener: Der Standort eines Ladens ist entscheidend. Je nach Lage geht der Konsument auch mal zu den Harddiscountern, doch zum Stammladen wird der Harddiscounter nur für eine Minderheit werden. Die Sortimente sind zu bescheiden. Es gibt aber eine Schicht von Leuten, die sehr preisbewusst einkaufen muss oder will und die geht vor allem zu Aldi und Lidl.

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Hilft die Krise den Harddiscountern?

Hochreutener: Von einer Krise können wir gegenwärtig im Schweizer Detailhandel nicht sprechen. Der Detailhandel stagniert nach zwei Superjahren - also auf einem sehr hohen Niveau. Dabei muss zwischen dem Food- und Non-Food-Handel unterschieden werden. Der Lebensmittelhandel ist träge und bleibt stabil. Der Non-Food reagiert viel schneller auf die konjunkturelle Entwicklung.

Das zeigt sich im Verkauf von Möbeln, der rückläufig ist.

Hochreutener: Richtig, aber insgesamt stagniert der Non-Food-Markt 2009 auf einem hohen Niveau.

Zurück zu den Lebensmitteln. Wie entwickeln sich Aldi und Lidl?

Hochreutener: Bis 2010 werden sie einen Marktanteil von rund 5% aufweisen.

Offenbar nimmt Aldi Migros Kunden weg. Wie ist es mit Lidl?

Hochreutener: Aldi hat auch von ehemaligen Carrefour-Kunden profitiert. Wir analysieren gegenwärtig, wem Lidl Kunden abjagt. Lidl nimmt auch Aldi Kunden weg. Man spricht immer nur von Coop, Migros, Aldi und Lidl. Dabei gibt es andere sehr erfolgreiche Detailhändler, wie zum Beispiel Volg oder Spar oder selbstständige Detaillisten. Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.

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Ist das nicht auch eine Folge der Preissenkungen, weil kleine Läden nicht mehr mithalten können?

Hochreutener: Kleine Läden, die sich profilieren - etwa durch einen speziellen Service oder spezielle Sortimente -, werden auch mit ihren höheren Preisen überleben.

Eine Eigenheit der Schweiz sind Aktionen auf dem regulären Angebot. Werden diese trotz Dauertiefpreisen überleben?

Hochreutener: Der Konsument in der Schweiz will einfach Aktionen. Das hängt mit seiner Gewohnheit zusammen und lässt sich kaum ändern. Man möchte zwar solche Aktionen zurückfahren, aber das geht hierzulande nicht. Den Dauertiefpreis kennt man in anderen Ländern. Man hat den Konsumenten in der Schweiz während 30 bis 50 Jahren auf Aktionen hin erzogen. Schon Denner hat versucht, Aktionen abzuschaffen, aber das haben die Konsumenten nicht goutiert.

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Im Non-Food ist der Wettbewerb grösser als bei den Lebensmitteln. Wird in den nächsten Jahren die Konzentration in diesem Bereich zunehmen?

Hochreutener: Was im Lebensmittelhandel erst beginnt, haben wir im Non-Food längstens: Den Wettbewerb von grossen ausländischen Ketten. Die grössten Anbieter hierzulande, wie H&M, C&A, Ikea, Media Markt, sind alles Ausländer. Obwohl es bereits viele Anbieter hat, drängen noch mehr Ausländer in die Schweiz, weil sie sich hier grosse Gewinne versprechen. Der Trend ist ungebrochen: Für Ausländer ist die Schweiz attraktiv. Ob das langfristig funktionieren wird, ist eine andere Frage. Die Nachfrage nach Shoppingfläche steigt, obwohl wir bereits genügend, wenn nicht gar zu viele Läden haben.

Also wird es keine Konzentration geben?

Hochreutener: Im Gegenteil - es wird in den nächsten Jahren noch mehr Anbieter geben. Im Non-Food-Bereich haben wir eine starke Vertikalisierung. Adidas, Lacoste, Calida, Nike und viele mehr wollen eigene Shops, um ihre Marken erfolgreich zu verkaufen.

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Die Schweiz hat bereits zu viele Shops. Auf wessen Kosten geht der Trend?

Hochreutener: Auf Kosten der nicht profilierten Fachgeschäfte und Verkaufsstellen an schlechten Lagen.

Was wird sich in den nächsten fünf Jahren im Detailhandel vor allem verändern?

Hochreutener: Aldi und Lidl werden sich etablieren. Sie werden expandieren. Sie haben das Kapital und das Wissen dazu. Das haben sie in anderen Ländern bewiesen. Auch Dorfläden wie Volg, Convenience-Shops an Tankstellen, Bahnhöfen und Flughäfen werden erfolgreich sein. Migros und Coop werden ihre Stellungen halten und sogar ausbauen.

Das sind die Gewinner. Und wer sind die Verlierer?

Hochreutener: Lebensmittelläden ohne Profil. Und im Non-Food werden ebenfalls die nicht profilierten Fachgeschäfte einen schweren Stand haben. Zu den Gewinnern zählt aber auch der Online-Handel. Dieser wird immer wichtiger werden, aber nicht bei den Lebensmitteln.

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Weshalb werden Lebensmittel noch kaum im Internet bestellt?

Hochreutener: Es gibt in der Schweiz fast an jeder Ecke einen Lebensmittelladen. Der Lebensmittelumsatz im Online beträgt nur rund 200 Mio Fr. Der Online- Umsatzanteil im Food-Bereich wird von geringerer Bedeutung bleiben, aber im Non-Food-Bereich nimmt der Kauf im Internet massiv zu. Da gibt es Märkte, die bereits 10% und mehr des Umsatzes im Online-Handel erzielen.

Welche Online-Märkte wachsen?

Hochreutener: Stark wächst alles, was mit Multimedia zusammenhängt: Unterhaltungselektronik, Kameras, Software, CD und bespielte Tonträger, aber auch Bücher. Das sind grosse Summen, die über das Internet laufen. Zu den Gewinnern im Detailhandel zählen aber auch Unternehmen, von denen man wenig spricht, wie etwa Otto?s, Dosenbach-Ochsner oder die Landi-Läden, die einen Superjob machen. Nicht nur Migros, Coop, Aldi und Lidl bewegen den Markt.

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