PRÄVENTION. Die Versicherer werden in Zukunft deutlich mehr präventive Leistungen in ihr Kernangebot aufnehmen», sagt Stefan Zanetti, Leiter der ETH-Forschungsgruppe Insurance – er hat gemeinsam mit der Universi-tät St. Gallen im Auftrag der Suva ei-ne Studie über das künftige Verhältnis von Präventions- und Versicherungsleistungen durchgeführt.

Grund für Zanettis Forderung: Die Versicherer sind heute deutlich besser in der Lage, die Zahl der Schadenfälle und die Fallkosten – etwa bei Freizeit- und Sturzunfällen – präzise abzuschätzen. Ebenfalls genauer vorhersagen lassen sich Elementarschäden als Folge des Klimawandels. Und die Zunahme elektronischer Geräte wird vermehrt zu Zimmer- und Wohnungsbränden führen. Gleichzeitig wird Prävention für die Versicherer immer günstiger, dank besseren technischen Möglichkeiten und einem grösseren Wissen über die wirksame Implementierung. Diese Faktoren führen laut Zanetti dazu, dass die Verhinderung eines Schadenfalls im Vergleich mit den Folgekosten in vielen Schadenkategorien zunehmend kostengünstiger wird. Prävention müsste folglich im ureigensten Interesse der Versicherer liegen, weil sich damit am effizientesten Kosten einsparen liessen. Hinzu komme, dass Prävention bei den Versicherten auf weitaus grössere Akzeptanz stosse als andere Mittel zur Bekämpfung der Kostensteigerung, wie etwa Prämienerhöhungen oder Risikoausschlüsse. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Die Studie bemängelt, dass sich viele Versicherer bei der Prävention noch zu sehr mit Marketing- und Imagemassnahmen begnügen würden. «Die tatsächlichen Möglichkeiten werden so längst nicht ausgeschöpft», kritisiert Zanetti. Seine Forderung: «Prävention muss konzeptionell, organisatorisch und politisch auf der obersten Stufe der Hierarchie in der Geschäftsleitung angesiedelt werden.»

Potenziale bei Krankenkassen

Bereits der Fall ist dies bei der Suva. Gut positioniert seien auch die kantonalen Gebäudeversicherer. Erst in geringerem Masse zeigten hingegen einzelne Krankenversicherer Ansätze zu ernsthaften Leistungsangeboten in der Prävention. Und bei den Privatversicherern sei eine strategische Verankerung der Prävention nochkaum feststellbar, abgesehen von vereinzelten, auf bestimmte Sparten und Kundengruppen beschränkte Aktivitäten, bemängelt die Studie.

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Versicherer weisen Studie zurück

Die Kranken- und Privatversicherer, die von der «Handelszeitung» mit der Studie konfrontiert wurden, können der Untersuchung wenig Positives abgewinnen. Visana-Sprecher Christian Beusch erklärt: «Wir messen der Prävention bereits einen hohen Stellenwert bei, über die Stiftung Visana Plus, die Tochtergesellschaft SIZ Care und viele entsprechende Leistungen in der Zusatzversicherung.» Er vermisse Antworten auf die Frage, wie denn Prävention in den einzelnen Sparten grundsätzlich finanziert wird. Ähnlich tönt es bei der Helsana und der CSS. Auch die befragten Privatversicherer Allianz Suisse, Bâloise, Mobiliar, Swiss Life und Zurich setzen einstimmig ein grosses Fragezeichen hinter die Studie. Zum Beweis, dass ihre Leistungen in der Studie zu wenig gewürdigt werden, könnten sie mühelos Dutzende von eigenen Massnahmen, Kampagnen und Programmen im Bereich der Prävention aus dem Ärmel schütteln, liessen sie verlauten. Dazu ein Beispiel der Mobiliar: Der Privatversicherer hat nach dem Hochwasser im Sommer 2005 laut eigenen Angaben rund 10 Mio Fr. für 22 Schutzprojekte gesprochen. Eines davon wurde in Wilderswil im Berner Oberland umgesetzt: Hier hatte 2005 der Fluss Lütschine Schäden von 120 Mio Fr. verursacht. Mittlerweile wurde der Damm erhöht, dem jüngsten Hochwasser hielt er stand. Zanetti entgegnet auf solche Kritik: «Wir behaupten nicht, dass die Kranken- und Privatversicherer nichts tun. Wir stellen fest, dass sie die Möglichkeiten der Prävention noch viel systematischer nutzen könnten.»