Das Fürstentum Liechtenstein verfügt zwar weder über eine eigene Börse noch über eine eigene Notenbank, dennoch spricht man heute nicht mehr nur vom Bankplatz, sondern vom Finanzplatz Liechtenstein. Zu den angebotenen Dienstleistungen zählen insbesondere die private Vermögensverwaltung, die internationale Vermögensstrukturierung, Anlagefonds und Versicherungslösungen. Nach den Rückschlägen zur Jahrtausendwende prägte jüngst ein starkes Wachstum den Finanzplatz Liechtenstein. Das lässt sich am besten anhand der Höhe der Vermögenswerte durch die mehr als 3000 Marktteilnehmer belegen: Verwalteten Banken und Finanzgesellschaften, Vermögensverwaltungsgesellschaften, Investmentunternehmen, Versicherungsunternehmen sowie Finanzintermediäre (Treuhänder, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer etc.) Ende 2004 noch knapp 120 Mrd Fr., so waren es nur zwei Jahre später nahezu 220 Mrd Fr.

Aus der gleichzeitig engen Zusammenarbeit mit der Schweiz auf der einen Seite und der Zugehörigkeit zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) auf der anderen Seite resultiert für den Finanzplatz Liechtenstein eine ausgezeichnete Positionierung. Die seit über 80 Jahren bestehende Zoll- und Währungsunion mit der Schweiz hat dem Land Stabilität und ebenso dynamische Entwicklung beschert. Die EWR-Mitgliedschaft brachte Liechtenstein – im Gegensatz zur Schweiz – den leichten Zugang zum immensen Wirtschaftsraum Europa. Nach dem «Single Licence»-Prinzip kann ein Finanzdienstleister, der in einem EU/EWR-Land über eine Lizenz verfügt, seine Dienstleistungen im gesamten europäischen Binnenmarkt anbieten.
Dieser leichte Marktzugang gilt natürlich für ausländische Unternehmen in Liechtenstein ebenso wie für liechtensteinische Unternehmen in der EU und im EWR: Die Attraktivität Liechtensteins zeigt sich in der Entwicklung seit dem Beitritt zum EWR 1995: Die Zahl der Banken in Liechtenstein hat sich von 3 auf 16 erhöht, und im Fonds- und Versicherungsbereich – besonders bei den Lebensversicherern – eröffneten sich neue Geschäftsfelder, die erfolgreich genutzt wurden. So belief sich das Vermögen der Fonds nach liechtensteinischem Recht, die auch im EU/EWR-Raum ohne weitere Konzessionierung vertrieben werden können, Ende 2006 auf bereits 27 Mrd Fr. Die Prämieneinnahmen der liechtensteinischen Versicherungswirtschaft – 35 tätige Gesellschaften – haben sich von 2002 bis 2006 verzehnfacht und die Kapitalanlagen versiebenfacht. Die Öffnung des Finanzplatzes für internationale Konkurrenz bewirkte bei der Branche in Liechtenstein einen Effizienz- und Innovationsschub, weil man den Wettbewerbern immer einen Schritt voraus sein musste. Gerade für Schweizer Unternehmen ist der liechtensteinische Finanzplatz attraktiv, gestattet das «Single Licence»-Prinzip doch den leichten Marktzutritt von Liechtenstein aus.

Internationales Vorbild

Dass der Finanzplatz Liechtenstein Krisen durch rasches, entschlossenes Handeln zu bewältigen vermag, zeigte sich um die Jahrtausendwende, als sich das Fürstentum mit massiven internationalen Angriffen konfrontiert sah und Vermögenswerte in beträchtlicher Höhe abgezogen wurden. Durch eine konzertierte Aktion von Politik, Ermittlungsbehörden und Finanzwirtschaft sowie durch die Verschärfung der Anti-Geldwäscherei-Gesetze konnte ein dauerhafter Imageschaden abgewendet werden. Der Finanzplatz wurde reformiert und für die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fit gemacht. So wurden nicht nur neue Verordnungen und Aufsichtsinstanzen – darunter die FMA, die unabhängige Finanzmarktaufsicht Liechtenstein – geschaffen, sondern auch das Selbstverständnis der Akteure im Land selbst hat sich gewandelt: Transparenz und Kooperation sind bestimmende Handlungsmuster. «Know your customers rule» ist eine für alle Finanzakteure verbindlich geltende Norm. Die Standards Liechtensteins bei der Bekämpfung der Geldwäscherei gelten heute als vorbildlich und finden entsprechend international Anerkennung.

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Erfolgreiche Nischenpolitik

Liechtenstein selbst ist für viele Finanzdienstleister als Markt auf Dauer zu klein. Neben den angestammten europäischen Märkten gehören auch Osteuropa, der Ferne und der Nahe Osten sowie Lateinamerika zu den Zukunftsmärkten. Der Wettbewerb findet also längst nicht mehr nur im Alten Europa statt. Mit der Osterweiterung der Europäischen Union 2004 eröffnete sich ein wichtiger neuer Markt mit einer nicht zu unterschätzenden Zahl potenzieller Kunden, die nach professioneller Beratung und interessanten Anlageformen suchen. Auch Hongkong, Singapur und arabische Staaten wie Dubai oder Bahrain gewinnen immer mehr an Bedeutung. Diesem internationalen Wettbewerb stellen sich die Liechtensteiner Banken und gründeten auch in diesen Regionen Niederlassungen.
Die «Grösse» des Fürstentums zwingt seine Finanzplatzakteure zu einer besonderen Nischenpolitik und zur Nachhaltigkeit. Sie müssen internationale Entwicklungen frühzeitig erkennen und innovative Produkte möglichst einen Schritt früher lancieren als ihre Konkurrenz, wozu auch eine schlanke Bürokratie mit kurzen Instanzenwegen und raschen Bewilligungsverfahren beitragen. So wird der liechtensteinische Finanzplatz seine Kompetenz im internationalen Wettbewerb auch in Zukunft unter Beweis stellen können.

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Thomas Piske, LGT, CEO Wealth Management International, Vaduz.