Das Schweizer Bankgeheimnis ist unter Beschuss - nicht das erste Mal. Neu ist, dass es kurz vor dem Kollaps steht. Was hat die Schweiz diesmal falsch gemacht?

Hans-Lothar Merten: Zum Teil sind die Banken selber schuld. Früher gab es einmal das Qualitätssiegel des Swiss Banking. Es bedeutete Solidität, Vertrauen, Diskretion, Nachhaltigkeit. In jüngerer Zeit boten die Schweizer Banken immer mehr Produkte an, bei denen der Aspekt Steuern im Vordergrund stand, die Steueroptimierung oder die Umgehung von Steuern. Damit versuchte man vor allem ausländische Kunden zu akquirieren. So gesehen ist es kein Wunder, dass der Finanzplatz Schweiz immer mehr in den Fokus der betroffenen Staaten geraten ist.

Was sollen wir unternehmen?

Merten: Nur wenn die Schweiz den EU- und OECD-Standard einführt - Betrug und Hinterziehung also gleich behandelt -, wird es ihr gelingen, das Bankgeheimnis zu bewahren. Das muss jetzt das oberste Ziel jeglicher Bemühungen der Schweiz sein.

Ist die Schweiz zu wenig vernetzt?

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Merten: Auf jeden Fall. Vor allem war ihr Lobbying gegenüber der EU und den USA viel zu schwach. Man hat meines Erachtens den Kopf in den Sand gesteckt - in der Hoffnung, die Sache lasse sich aussitzen. Das wird dieses Mal jedoch nicht möglich sein, weil alle auf die Schweiz einprügeln.

Tatsächlich hat sich der Ton auf dem internationalen Parkett verschärft. Die Rede ist von Wirtschaftskrieg, von Steueroasen, die ausgetrocknet werden müssen, und von Peitschen, die man jenen androht, die nicht kuschen. Was ist los?

Merten: Die Finanzkrise spielt eine grosse Rolle. Die Staaten geben Milliarden aus, um das Finanzsystem und die Volkswirtschaften zu stützen. Irgendwie muss dieses Geld ja wieder reinkommen. Darum sind die Steueroasen, das heisst die Steuerschlupflöcher, ein dankbares Ziel für die Finanzminister. Sie geniessen aus einem gewissen Neideffekt heraus die Unterstützung der Bevölkerung. Der normale Steuerbürger versteht doch nicht mehr, warum die Banken, die nach staatlicher Hilfe gerufen haben, trotzdem Boni auszahlen.

Lassen sich die Staatskassen mit Geldern aus trockengelegten Steueroasen füllen?

Merten: Natürlich nicht. Aber wenn Geld fehlt, muss man alle Möglichkeiten ins Auge fassen.

Beziehen die Staaten nicht bereits heute Positionen für die Zeit nach der Krise?

Merten: Das ist in der Tat der Fall. Wobei ich mir auch die Frage stelle, ob das, was sich derzeit abspielt, langfristig Sinn macht.

Was meinen Sie damit?

Merten: Es wäre meines Erachtens absolut katastrophal, wenn der Druck, der heute ausgeübt wird, den Finanzplatz Schweiz kaputt machen würde. Die Schweiz ist, abgesehen von vereinzelten Skandalen, ein Hort an Sicherheit, den die Industrieländer nicht leichtsinnig und sträflich zerstören dürfen.

Warum braucht es diesen sichern Hafen?

Merten: Wenn es der EU weiter schlecht geht - ich denke da an die Entwicklung in Osteuropa - , braucht es einen festen Anker. Die EU kann dies nicht bieten.

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Ist die Schweiz die einzige Möglichkeit?

Merten: Es gibt noch Singapur, aber dann ist schon fast Schluss. Oder sehen Sie etwa die Karibik, die direkt vor der Haustüre von Amerika liegt, als sicheren Hort? Dubai oder Katar kommen kaum in Frage, nachdem dort der Immobilienmarkt zusammengebrochen ist. Das Pikante an Singapur ist übrigens, dass die Schweizer Banken diesen Finanzplatz in Fernost zum grossen Teil zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Wie das?

Merten: Man wollte den Kunden aus dem EU-Ausland über den Standort Singapur die sogenannte Drittstaatenlösung mit der Zinsbesteuerung anbieten.

Wie hat sich die Lage der Schweiz verändert, nachdem die UBS mit dem Segen der Finanzmarktaufsicht den US-Justizbehörden Kundendaten ausgeliefert hat?

Merten: Aus der Sicht des Finanz- und Bankenplatzes ist das eine Katastrophe. Damit wurde jener Wert in Frage gestellt, der Voraussetzung für den Erfolg eines Finanzplatzes ist - das Vertrauen der Kunden in die Banken. Der Schritt könnte sogar der Todesstoss gewesen sein.

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Welchen Wert hat das Bankgeheimnis für den Finanzplatz Schweiz?

Merten: Wenn man es fallen liesse, wäre der Finanzplatz Schweiz tot. Geld braucht Diskretion und Schutz des Vertrauens.

Warum haben die Kunden in den vergangenen Monaten so viel Geld von der UBS abgezogen?

Weil sie kein Vertrauen mehr hatten. Das Beispiel Liechtenstein müsste der Schweiz eine Lehre sein. Wenn ich mit Anlegern spreche, sind Vertrauen und Bankgeheimnis immer wieder ein zentrales Thema.

Wann fällt das Bankgeheimnis?

Merten: Hoffentlich noch lange nicht. Das sage ich bewusst aus deutscher Sicht. Bei uns gibt es das Bankkundengeheimnis leider nicht mehr, und der Staat hat jederzeit Zugriff auf Dinge, die er überhaupt nicht zu wissen braucht. Da frage ich auch, ob die Schweizer Banken es nicht unterlassen haben, einzelne ihrer Kunden aus Deutschland bei einer Klage beim Bundesverfassungsgericht zu unterstützen. Es wäre nämlich sehr interessant gewesen, zu erfahren, was unser oberstes Gericht zur Frage gesagt hätte, ob sich die Aufhebung des Bankgeheimnisses in Deutschland mit der Verfassung vereinbaren liesse.

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Wenn der deutsche Staat seine Bürger nicht wie eine Zitrone auspressen würde, gäbe es keine Steuerflucht von heutigem Ausmass - heisst es hierzulande häufig.

Merten: Aber deswegen muss man ihnen nicht helfen, den Staat illegal um seine Steuern zu bringen. Die Deutschen wissen, dass sie für die Infrastruktur wie Strassen, Schulen, Krankenhäuser Steuern bezahlen müssen. Aber wenn die Steuerbelastung die Schwelle von 35% überschreitet, beginnen die Bürger darüber nachzudenken, wie sie auf solch unchristliche Grössen reagieren können.