Die Wachstumsprognosen werden im Zuge der Finanzmarktkrise weltweit zurückgenommen. Wie stark sind die griechischen Banken und Ihr Geldinstitut davon betroffen?

Takis Arapoglou: Die Auswirkungen dieser Krise werden nun langsam auch in der realen Wirtschaft sichtbar. Es gibt mehr notleidende Kredite. Gleichzeitig hat sich der Immobilienmarkt abgekühlt. Griechenland hatte aber kaum vergleichbare Übertreibungen bei den Häuserpreisen wie etwa die USA. Insgesamt ist die griechische Wirtschaft noch nicht in eine tiefe Krise hineingeraten. Allerdings hat sich die Kredittätigkeit seit dem letzten Oktober markant vermindert. Die National Bank hat ihre Ausleihungen nicht gestoppt, diese Position wächst noch, wenn auch deutlich verlangsamt. Wir versuchen damit, den Hypothekarmarkt und die Kreditaktivitäten zugunsten der kleinen und mittleren Unternehmen zu stützen.

Was geschieht in der Geldpolitik zur Ankurbelung der Wirtschaft?

Arapoglou: Die Europäische Zentralbank muss ihren Zinssatz weiter zurücknehmen. Die Inflation ist stark rückläufig und das Wirtschaftswachstum dürfte sich 2009 negativ gestalten.

Welche Auswirkungen hat das auf die Tätigkeit der Banken?

Arapoglou: Bis anhin stand bei den meisten Banken der Gewinn von Marktanteilen zuoberst, auch wenn dieses Geschäft oft nicht profitabel war. Jetzt rückt die Profitabilität in den Vordergrund, die Kapitalisierung ist ein wichtiges Kriterium und die Liquidität wird zur Überlebensfrage. Das zwingt die Banken mit ihren finanziellen Mitteln haushälterisch umzugehen und die Kreditkonditionen nach marktwirtschaftlichen Kriterien festzulegen. Die Bilanzsumme muss sich verkürzen, damit eine genügende Liquidität erhalten bleibt.

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Im Vergleich zu den grossen global agierenden Universalbanken haben die griechischen Banken aber eine hohe Kapitalausstattung und praktisch keine High-Risk-Produkte in den Büchern.

Arapoglou: Ja, das ist richtig. Seit der Liberalisierung im Bereich der Konsum- und Firmenkredite vor zehn Jahren haben die griechischen Banken die erzielten Gewinne vorab zur Expansion in Südosteuropa genutzt. Das waren Wachstumsmärkte, die sich als äusserst profitabel erwiesen haben. Aus diesem Grund haben diese Geldinstitute nicht im grossen Stil in strukturierte Produkte investiert, die sich später als hochriskant erwiesen. In dieser Beziehung unterscheiden sich die griechischen Banken von Grossbanken in den USA, der Schweiz, Grossbritannien oder Belgien.

Trotzdem hat auch die griechische Regierung ein Paket über 28 Mrd Euro zur Rekapitalisierung der Banken geschnürt. Was heisst das für die Kunden und Aktionäre?

Arapoglou: Die Aktionäre müssen nicht selbst neues Kapital einschiessen. Sollte sich die Situation verschlechtern, springt der Staat ein. Für die Kunden ist es eine Sicherheit bezüglich ihrer Einlagen. Die National Bank verfügt über genügend Eigenkapital, um auch eine gewisse Durststrecke zu überwinden. Trotzdem haben wir uns am Rettungspaket beteiligt, um die Geschlossenheit der griechischen Banken zu demonstrieren. Insgesamt sollte diese Massnahme zu einer Reduktion der Kreditzinssätze führen, die im Gefolge der Liquiditätsverknappung teils enorm angestiegen sind.

Die Regierung wird damit aber mehr Einfluss auf die Banktätigkeit nehmen.

Arapoglou: Der Staat greift nicht generell ins Geschäft einer Bank ein. Er wird sich lediglich bei der Salarierung der Bankkader und der Dividendengestaltung einmischen.

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Die National Bank hat als erstes Kredit- institut den Schritt zum rivalisierenden Nachbarn Türkei gemacht und die dortige Finansbank übernommen. Wie hat sich dieses Investment in den letzten drei Jahren entwickelt?

Arapoglou: Die Finansbank macht fast eine halbe Milliarde Euro Gewinn nach Abzug der Steuern. Das Wachstumspotenzial bleibt für die Bank in diesem riesigen Markt mit 72 Mio Bewohnern weiterhin gross. Mittlerweile ist diese türkische Tochtergesellschaft vollumfänglich in das IT-System der National Bank integriert. Nach meiner Schätzung basiert heute rund ein Drittel der Marktkapitalisierung unserer Bank auf den Aktivitäten in der Türkei.

Die Zahl der Bankstützpunkte hat sich seit dem Kauf verdoppelt. Ist damit die Expansion im türkischen Filialnetz abgeschlossen?

Arapoglou: Nein, wir benötigen zur Erschliessung des gesamten Marktes weitere 150 bis 200 Niederlassungen. Aber derzeit haben wir einen Marschhalt eingelegt, um die Kosten für unsere Bank in dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation besser unter Kontrolle zu halten. Die Türkei wies ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandproduktes von gegen 10% aus. Das wird sich im laufenden Jahr auf weniger als die Hälfte verlangsamen. Langfristig sehen wir jedoch ein grosses Potenzial. Im Vergleich zur Türkei sind etwa Rumänien und Bulgarien keine systemischen Länder.

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Bleibt der Markenname Finansbank in der Türkei erhalten oder tritt an diese Stelle schon bald einheitlich National Bank?

Arapoglou: Die National Bank hat sich nicht auf eine One-Brand-Strategie festgelegt. In Serbien, Bulgarien oder Rumänien operieren wir ebenfalls unter einem anderen Namen. Anders als eine Citibank betonen wir mit unseren ausländischen Stützpunkten den lokalen Charakter.

Wie profitabel sind die von der National Bank kontrollierten Geldinstitute in den anderen Ländern?

Arapoglou: Nach der Türkei ist Bulgarien die Bankeinheit mit der zweithöchsten Pofitabilität. In diesem Land sind wir die Nummer drei. In Rumänien verfügen wir nur über eine kleine Niederlassung. Das Wachstum geschieht dort organisch und nicht über Zukäufe. In Serbien haben wir vor drei Jahren eine Bankgruppe mit einer grossen Zahl an Depositen gekauft. Das Land dürfte sich in den nächsten Jahren stärker an die EU anlehnen. Mit der fortschreitenden Integration der serbischen Gruppe in die National Bank wird die Effizienz gesteigert und das Ertragspotenzial besser ausgenutzt. Alle diese Länder haben für die griechische Wirtschaft eine hohe Bedeutung. Dazu kommt eine Banklizenz in Ägypten mit zwei Zweigniederlassungen. Zehn weitere Filialen sollen im laufenden Jahr das Netz ergänzen.

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Gibt es andere Märkte, wie etwa Russland oder die Urkraine, die für Bankaktivitäten interessant sind?

Arapoglou: Ja, von unserer Seite fokussieren wir uns mehr auf die Ukraine als auf Russland, weil dieses Land, ähnlich wie Serbien, stärkere Verbindungen zu Europa hat. Allerdings haben wir es nicht eilig. Vor gut einem halben Jahr wurden in der Ukraine noch Mehrfachbeträge des Buchwertes für eine Bankbeteiligung verlangt. Jetzt sind die Preise bereits unter den Buchwert gesunken.

Gegenüber einem Engagement in den USA war man immer zurückhaltend.

Arapoglou: Man kann eine Expansionsstrategie nicht auf veralteten Prinzipien aufbauen. Früher basierte die Präsenz der National Bank in Übersee auf der griechischen Diaspora. Die nachfolgenden Generationen haben sich vermehrt den amerikanischen Grossbanken zugewandt. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in Frankreich, Deutschland, Holland und Kanada. Entsprechend hat man sich von diesen ausländischen Stützpunkten getrennt und ganz auf die südosteuropäische Region konzentriert.

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Welche Verbindungen gibt es zum Finanzplatz Schweiz?

Arapoglou: Die Credit Suisse ist unser hauptsächlichster Partner. Im Investment Banking arbeiten wir auch mit der UBS zusammen. Wir haben nicht die Absicht, mit einer eigenen Bank in der Schweiz aktiv zu werden.

Der Aktienkurs der National Bank ist jüngst ebenfalls stark gefallen. Besteht nicht die Gefahr, selbst zum Übernahmekandidaten zu werden?

Arapoglou: Die Finanzindustrie ist derzeit stark mit sich selbst beschäftigt. Deshalb glaube ich nicht, dass auch bei den tiefen Kursen ein Interesse besteht, für eine europäische Bank mehrere Milliarden Euro aufzuwenden, nur um sich damit indirekt in attraktive Emerging Markets einzukaufen.

Wie stufen Sie die Aussichten für die griechische Wirtschaft in der nahen Zukunft ein?

Arapoglou: Ausschlaggebend ist die wirtschaftliche Entwicklung in den USA. Sobald die Immobilienpreise Boden finden, dürfte es ab Ende 2009 wieder aufwärts gehen. Das wird auch auf die europäischen Märkte durchschlagen. In Griechenland wird das bisherige Wachstum des Bruttoinlandproduktes von rund 4% nach den derzeitigen Schätzungen 2009 auf 1 bis 2% zurückgehen.

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