Es war am 9. August um 08.26 Uhr, als sich die weltweite Krise nicht mehr leugnen liess. In dürren Worten verkündete die Europäische Zentralbank (EZB), dass sie die Märkte genau beobachten und falls nötig mit zusätzlichem Geld versorgen werde. Was folgte, war die grösste Rettungsaktion seit dem 11. September 2001. Reihenweise öffneten die Notenbanken in Europa, Nordamerika und Asien die Schleusen und pumpten Milliarden in die Finanzmärkte.

*Banken drehen Geldhahn zu*
Im Kreditgeschäft der Banken untereinander ging zuvor nichts mehr. Wer Geld hatte, gab es nicht mehr heraus, wer Geld wollte, musste sehr hohe Preise bezahlen oder ging leer aus. Die Finanzmärkte sind eng verzahnt, und da niemand weiss, bei wem welche Risiken liegen, traut keiner mehr dem anderen. Ausgerechnet die Banken, die ihre Kredite weltweit vergaben und die Risiken weiterverkauften, halten nun aus Furcht vor Ausfällen ihr Geld zusammen. Und bringen damit nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Konjunktur in Gefahr. «Das Kreditgeschäft ist das Kernstück der Banken. Wenn es dort Probleme gibt, trifft das die Branche bis ins Mark», sagt Thorsten Polleit, Chefökonom Deutschland von Barclays Capital.

*Kreditvergabe wird restriktiver*
Vor allem in Deutschland wächst die Sorge, nachdem die vermeintlich solide Mittelstandsbank IKB gerade vor der Pleite
gerettet werden musste. «Das Erschreckende ist, dass es bislang vor allem traditionell gestandene Häuser erwischt hat», sagt der Nürnberger Professor Wolfgang Gerke. Neben der IKB zählt er die US-Investmentbank Bear Stearns genauso dazu wie die HSBC und die franzö­sische BNP Paribas. Sie mussten in den vergangenen Wochen mehrere Fonds schliessen.
«Die Flut der schlechten Nachrichten hat nicht einmal annähernd ihren Höhepunkt erreicht», sagt Jochen Felsenheimer, Leiter der Kreditstrategieabteilung der HypoVereinsbank-Mutter UniCredit. Die wahren Schreckensmeldungen vom US-Hypothekenmarkt stünden noch bevor. «Erst im 1. Quartal 2008 wird der Grossteil der Kredite platzen.» Dann dürfte sich die besonders laxe Kreditvergabe der Banken im Jahr 2006 rächen. Während sich der Immobilienkäufer in Amerika in den ersten zwei Jahren keine Sorgen um steigende Raten machen muss, da der Zins festgeschrieben ist, werden die Kondi¬tionen danach variabel, Kredite bei steigenden Zinsen teurer. Bereits jetzt haben die europäischen Banken angekündigt, die Kreditvergabe für Unternehmen strenger zu regeln und sich ihr Risiko besser bezahlen zu lassen.
Damit wird es für die Firmen teurer und schwieriger, an frisches Geld für neue Produkte, Fabriken und Arbeitsplätze heranzukommen. Sinken die Investitionen, kann letztlich auch das Wirtschaftswachstum zurückgehen. Zu spüren bekommt die schärfere Gangart bereits jetzt schon die Private-Equity-Branche. Die Unternehmen, die mit Firmenbeteiligungen Geld verdienen, mussten sich aus Bietergefechten zurückziehen, weil Kapitalgeber nicht mehr bereit waren, sie mit genug billigen Krediten zu versorgen.
«Wenn die Banken mit ihrem Geld knausern, obwohl es keine echten Ausfallrisiken gibt, kann es zu einer Kreditklemme kommen», warnt Ökonom Eric Chaney von Morgan Stanley. «Es käme ein Teufelskreis aus Unternehmensinsolvenzen und schlechten Bankbilanzen in Gang. Das würde die Institute zu einer noch restriktiveren Kreditpolitik treiben.»
Noch wiegeln die Ökonomen ab. «Die Gefahr, dass sich die US-Kreditkrise auf die reale Wirtschaft in Europa niederschlägt, ist relativ gering», sagt Dirk Schumacher, Chefökonom Deutschland von Goldman Sachs. «Die Unternehmen sind sehr gut aufgestellt, das Wachstum ist robust.»
Anders sieht es in den USA aus, wo sich die Probleme an den Immobilienmärkten zusehends auf die Kauflaune der Konsumenten und damit auf das Wachstum auswirken. «Wenn die grösste Volkswirtschaft schwächelt, bleibt das auch für Deutschland und Europa nicht ohne Folgen», sagt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank. Dennoch seien die wirtschaftlichen Konsequenzen eher begrenzt.

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*Probleme waren vorhersehbar*
Dass sich die meisten Ökonomen bisher gelassen äussern, liegt daran, dass eine Korrektur bei den US-Immobilien und auf den Finanzmärkten vorhersehbar war. Immer wieder hatten Währungshüter wie EZB-Präsident Trichet davor gewarnt, dass die Preise nicht immer weiter steigen könnten. «Das ist ein schrittweiser Prozess der Normalisierung bei der Einschätzung der Risiken», sagte Trichet jüngst. Die Hoffnung ist: Wenn die Auswüchse der Vergangenheit ausgestanden sind, wird die Weltwirtschaft wieder auf gesunden Füssen stehen. Bis es so weit ist, dürfte es aber noch einige Finanzspritzen lang dauern.