Geraten Firmen ins Trudeln, blüht eine Berufsgruppe auf: Sachwalter bringen in einem Nachlassverfahren angeschlagene Unternehmen wieder auf die Beine oder beerdigen sie in einem Konkursfall. Das Geschäft ist einträglich. In Zürich können Sachwalter 300 bis 400 Franken pro Stunde verlangen, in Bern, im Aargau und in Solothurn immerhin noch gut 200 Franken pro Stunde.

Über fehlende Arbeit können sich die Vertreter der Branche nicht beklagen. Denn die Schweizer Wirtschaft steuert auf einen Rekord der eher zweifelhaften Art zu: Gemäss Creditreform sind von Januar bis Ende Oktober 5220 Unternehmen pleitegegangen, fast tausend mehr als im gesamten Vorjahr (siehe Kasten). Seit die Gläubigervereinigung 1974 begonnen hat, Buch zu führen, lag die Zahl noch nie so hoch. Kommt hinzu: Die Verfahren sind häufig langwierig und können mehrere Jahre dauern, vor allem bei Unternehmen mit komplexen Strukturen.

Die Sachwalter, die Aasgeier der Wirtschaft? Kurt Stöckli wehrt sich gegen das Image, das seinem Berufsstand anhaftet. «Wir sind keine Totengräber.» «Im Gegenteil: In vielen Fällen gelingt es uns, Firmen zu retten und damit Arbeitsplätze zu sichern», sagt der Partner der Berner Marktführerin Transliq, die sich mit Mandanten wie Swisscargo, Mystery-Park oder Nexis Fibers in Emmenbrücke einen Namen gemacht hat. Und wenn eine Rettung nicht möglich sei, sorgten Sachwalter dafür, dass die Gläubiger einen möglichst grossen Teil ihrer Forderungen zurückerhielten. «Wir arbeiten auch im Interesse der Volkswirtschaft: Serbelnde Firmen nützen niemandem etwas.»

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Kein geschützter Titel

Wie viele Sachwalter es in der Schweiz gibt, darüber gibt es keine Zahlen. Der Titel ist nicht geschützt. Nur im Kanton Luzern müssen angehende Sachwalter vor einer vom Obergericht eingesetzten Kommission eine Prüfung ablegen. Fakt ist aber: Die grossen, prestigeträchtigen Fälle gehen immer etwa an die gleichen Büros. Marktleader sind die Transliq in Bern und Wenger-Plattner in Zürich, deren Partner Karl Wüthrich als Liquidator der Swissair landesweit bekannt wurde. Den übrigen Sachwaltern verbleiben in der Regel mittelgrosse regionale Betriebe zur Sanierung oder Beerdigung. Weil sie davon alleine nicht leben können, sind sie meistens auch als Treuhänder oder Anwalt tätig.

Das grosse Schaulaufen

Grosse Fälle und der daraus resultierende Bekanntheitsgrad hilft den Sachwaltern, wenn ein Gericht einer ins Trudeln geratenen Firma ein Nachlassverfahren zubilligt - wenn sie also für eine bestimmte Frist vor den Gläubigern geschützt wird. Dann übernimmt der Sachwalter die Führung. Da es in diesen Fällen meistens sehr schnell gehen muss und die Zeit für eine Ausschreibung fehlt, setzen die Richter kurzerhand einen Sachwalter ein und bestimmen dabei gleich auch noch sein Honorar.

Anders läuft es bei Firmen, bei denen eine Rettungsaktion sinnlos erscheint und bei denen es nur noch darum geht, sie geordnet untergehen zu lassen: Hier entscheiden die Gläubiger darüber, wer einem Unternehmen das letzte Geleit geben soll. «Das ist eine Art Schaulaufen vor der Gläubigerversammlung», sagt Transliq-Mann Stöckli. «Meistens sind da zwei oder drei Büros, die die Gläubiger davon zu überzeugen versuchen, dass sie am fähigsten sind, den Schaden für sie so gering wie möglich zu halten.»

Trotz Rekordzahl an Pleiten ist bei den Sachwaltern von Euphorie nichts zu spüren. «Die Krise ist bei uns noch nicht wirklich angekommen», sagt Stöckli. Auch bei kleineren Sachwalter-Büros klingt es ähnlich: «Rein von den Konkurszahlen her müssten wir eigentlich mehr zu tun haben», sagt Mark Eicher, Sachwalter in Emmen, der unter anderem an der Rettungsaktion des Geschenkpapier-Herstellers Stewo in Wolhusen beteiligt war. «Das Arbeitsvolumen hat sich in letzter Zeit aber nicht erhöht.»

Kurt Stöckli von Transliq erstaunt das nicht. Die Erfahrung aus früheren Krisen zeige, dass die Arbeit für die Sachwalter meistens erst beginne, wenn die eigentliche Krise am Abklingen sei. «Im Moment geraten vor allem junge Ein-Mann-Betriebe in Schwierigkeiten, Einzelfirmen ohne Reserven, bei denen sich die Frage nach einer Sanierung gar nicht stellt und die sich ohne grosse Schwierigkeiten liquidieren lassen», sagt er. «Grössere Firmen dagegen haben mehr Reserven und einen längeren Atem», so Sachwalter Stöckli. «In der Regel kommt es zu grösseren Konkurs- oder Nachlassverfahren erst dann, wenn es eigentlich schon wieder aufwärts geht.» Was nicht zwingend heisse, dass der Schweiz noch eine Welle grosser Firmenpleiten bevorstehe. Stöckli: «Ich bin kein Prophet. Ich habe lediglich Erfahrungen aus früheren Krisen.»