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Gespräch
Lloyd's-Chefin: «Ich will immer gewinnen»

Die Chefin von Lloyd’s über ihre Rolle als erste Frau an der Spitze des ältesten Versicherers der Welt, ihren Wunsch zu gewinnen – und weshalb sie Hillary Clinton versichern möchte.

Von Pascal Ihle
am 09.04.2015

Frau, Beale, wie sind Sie versichert?
Inga Beale*: Wie viele andere Leute auch: Ich habe eine Krankenkassenpolice, eine Lebensversicherung und eine Privathaftpflicht für den Fall, dass einem Gast bei mir zu Hause etwas passiert, sowie eine Reiseversicherung. Das ist alles.

Alles sehr alltäglich. Ihre Position aber ist es nicht. Sie sind CEO von Lloyd’s, dem ältesten Versicherer der Welt. Wie kam es dazu? Ein Headhunter rief mich an. Erst dachte ich, er wolle von mir ein paar Tipps für mögliche Kandidaten. Aber stattdessen fragte er, ob ich vorbeikomme, um über diesen Job zu reden.

Und dann? Ich bin noch nie für einen Job von so vielen Leuten interviewt worden. Es waren insgesamt 35. Das hat vor allem mit der einzigartigen Position von Lloyd’s zu tun: Wir sind einerseits Regulatoren des Marktes, daher haben mich Regulatoren interviewt. Und es gibt das Unternehmen Lloyd’s mit einem Verwaltungsrat, mit internem Nominationskomitee – und alle wollten mit mir reden.

Hatten Sie einen solchen Job überhaupt 
im Kopf?
 CEO ja, Lloyd’s nein. Als ich damals in den 1980er-Jahren in der Versicherungsbranche anfing, arbeitete ich in London im Gebäude auf der Strassenseite gegenüber von Lloyd’s. Und ich hätte mir nie vorstellen können, für Lloyd’s zu arbeiten.

Weshalb? Das wirkte auf mich alles so traditionell, verstaubt – so richtig «old fashioned». Ich hätte echt nie gedacht, dass ich hier lande.

Was hat Sie umgestimmt? Es war das, was hier von mir erwartet wird. Ich soll einerseits dafür sorgen, dass sich der Horizont erweitert. Lloyd’s ist stark auf London fokussiert. Da schwingt das Denken des einstigen Empire mit, wonach London der Mittelpunkt der Welt ist. Will jemand etwas von uns, dann soll er zu uns kommen. Aber die Welt ändert sich rasant. Was einmal richtig war, ist es unter Umständen nicht mehr für die Zukunft. Ausserhalb Londons ist derzeit eine riesige Versicherungsindustrie am Entstehen. Mit meiner langjährigen Erfahrung im Ausland habe ich Erfahrung mit dieser Dynamik. Das dürfte den Ausschlag gegeben haben.

Welches waren Ihre Bedingungen, um den Job anzunehmen? 
Ich wollte, dass man mir genug Zeit gibt, um wirklich einen Unterschied machen und etwas bewegen zu können. Ich habe gesagt, ich brauche mindestens fünf bis sieben Jahre. Das liess ich mir zusichern, per Handschlag.

Wie hat dieser Job Ihr Leben verändert? Ich habe sehr wenig Zeit für mich. Events und Verpflichtungen diktieren meinen Tagesablauf und meine Agenda – und zwar auch solche, die ich nie zuvor zu erfüllen hatte. Wir haben Versicherte, die schon seit 40 Jahren mit uns zusammenarbeiten, Lloyd’s besuchen und meine Hand schütteln wollen.

Also keine Work-Life-Balance? Ich komme am Wochenende immer nach Zürich und kann so London und meinem Job etwas entfliehen. Wenn ich ins Flugzeug steige, schreibe ich meinen Blog zur vergangenen Woche. Ich formuliere meine Überlegungen und Erfahrungen. Wenn ich in Zürich ankomme, bin ich entspannt und abgekoppelt.

Könnten wir bitte den Link haben? Das ist eine interne Sache. Sehr persönlich formuliert, in meinen eigenen Worten.

Wie viele Leute lesen das? Die Leute in unserem Corporate Centre, es sind rund 1000.

Warum der Blog? Ich habe mir für die ersten 100 Tage vorgenommen, jede Woche zu erzählen, wie die Woche für mich war, wie es mir ergangen ist, was ich erlebt habe. Nach 100 Tagen wurde ich von allen möglichen Leuten ge- beten, nicht aufzuhören. Deshalb mache ich weiter.

Wie wissen Sie, dass Sie das Richtige tun? Wir schauen uns an, was auf der Makroebene passiert, und dann höre ich auf meine Leute, wir haben brillante Köpfe hier. Wenn wir es zusammen machen und die ganze Vielfalt von Menschen, Mentalitäten und Gedanken nutzen, dann kommt das gut.

Welches ist Ihre grösste Stärke? Meine Expertise hilft sicher. Aber ich glaube, es ist vor allem meine absolute Zielgerichtetheit und meine Beharrlichkeit. Ich mag es nicht, wenn ich verliere. Ich will immer gewinnen. Nicht für mich persön- lich, sondern für alle hier.

Lloyd’s ist 327 Jahre alt und urtraditionell. Was können Sie bewegen?
 Wir haben eine Studie erstellen lassen, um zu zeigen, was auf dem weltweiten Marktplatz geschieht. In Ländern mit hohem Wirtschaftswachstum entsteht ein ganz neuer Versicherungsmarkt. Er wächst rasend schnell und funktioniert anders. Diese Entwicklung ist klar eine Bedrohung für uns. Aber wir halten nun dagegen.

Wie? Traditionellerweise kommen die Spezialisten für komplexe Versicherungsfälle auf den Londoner Markt. Aber nun wachsen Märkte wie China, Mexiko oder Brasilien. Dort werden lokal Expertisen aufgebaut. Lloyd’s ist ein globaler Anbieter, kein lokaler. Das müssen wir ändern. Wir bauen regionale Zentren auf, gehen dahin, wo das Geschäft ist, und warten nicht länger da- rauf, dass das Geschäft zu uns kommt: Letztes Jahr haben wir Hubs in Peking und Mexiko eröffnet, kürzlich in Dubai.

Sie erschliessen für Lloyd’s die Welt, allerdings etwas spät. Ihr ehemaliger Arbeitgeber Zurich ist in den Emerging Markets schon seit Jahren aktiv. Das kommt, weil wir zu traditionalistisch gedacht haben und bis vor kurzem überzeugt waren, London sei der Nabel der Welt. Es war auch mein Denken. Erst dadurch, dass ich London verlassen und an verschiedenen Orten gearbeitet habe, stellte ich fest, dass das für die 300 letzten Jahr wohl stimmte, aber nicht für die 300 nächsten. Wir sind etwas spät mit der Erkenntnis, aber jetzt umso entschlossener.

Ist der Lloyd’s-Slogan «We insure everything» eigentlich immer noch gültig?
 Ja, mit Ausnahmen. Es darf nicht illegal sein oder aus Ländern kommen, die mit Sanktionen belegt sind.

Würden Sie den IS versichern? Wir versichern Unternehmen gegen terroristische Angriffe, aber Terroristen versichern wir nicht.

Lloyd’s ist berühmt dafür, Berühmtheiten zu versichern. Ist das ein wichtiger Geschäftszweig?
 Das ist kommerziell nicht wichtig, aber es ist immer noch ein Geschäft. Mir gefällt es, dass wir die Zunge des Kaffeetesters eines Kaffeehauses versichern und dergleichen. Es sind nicht nur Berühmtheiten.

Wie Dolly Partons Brüste, Keith Richards Finger, Bruce Springsteens Stimme oder James Deans Leben. 
Das ist ein gutes Marketingtool für unse-ren Ruf, und die Leute mögen diese Geschäfte.

Wen würden Sie gern versichern? Hillary Clinton. Sie ist eine sehr gute Rednerin und eine starke Frau.

Und was konkret? Ihre Ideen.

Wäre das möglich? Wenn sie es wollte? Unsere Philosophie ist nach wie vor: Kommen Sie vorbei, erzählen Sie uns, was Sie versichern lassen wollen und unsere Experten errechnen einen Preis. Das ist ja das Einzigartige an unserem Geschäftsmodell. In grossen Versicherungsgesellschaften gibt es hierfür Committees. Wir haben diese Einzigartigeit, dass unsere Underwriters selber verhandeln und auch entscheiden können, nicht geändert. Es ist eine Basis unseres Erfolgs ...

... wie die Schaden-Kosten-Quote, die «combined ratio» von 88 Prozent zeigt. Genau. Dass das Underwriting unser Herzstück ist. Und dort pflegen wir Traditionen, die wir nicht modernisieren wollen, weil sie hervorragend funktionieren und auch weiter funktionieren werden.

Welches ist die grösste Bedrohung, die die Versicherer künftig abdecken müssen? Cyber-Angriffe. Es gibt rund um die Welt immer mehr Angriffe und die Gefahr lauert überall. Wir haben uns hier als Pioniere positioniert. Wir haben einen Marktanteil weltweit von 15 Prozent.

*Inga Beale hat aus Langeweile ihr Studium abgebrochen. In ihrem ersten Job heuerte 51-Jährige als Sachbearbeiterin beim Versicherer Prudential an. Nach Sationen bei Converium und Zurich lenkt sie seit einem Jahr die Geschicke beim Londoner Traditiosnversicherer Lloyd's.

Das vollständige Interview lesen Sie in der neuen «Handelszeitung», ab Donnerstag am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

 

 

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