Auf eine klare Prognose, wann der nächste echte Aufschwung kommt, will sich Hans Christoph Binswanger nicht festlegen. Klar ist laut dem 80-jährigen Ökonomen aber: «Es wird jetzt einen Wiederaufschwung geben, aber es wird auch zu weiteren Blasen kommen, mit kürzeren Abständen dazwischen.» Zu dieser Voraussage kommt er nicht erst seit der Finanzkrise. Diese Prognose ist de facto das Mantra seiner ökonomischen Wachstumskritik, die er seit Jahrzehnten vertritt. Die jetzige Krise bestätige seine Theorien über den Wachstumszwang, über den Einfluss von Geld und Krediten auf das reale Wirtschaftsgeschehen und darüber, dass eine übertriebene Expansion ausser Kontrolle geraten und zum Absturz führen kann.

Wirtschaftslehre macht Spass

Für den mehrfach ausgezeichneten Professor geht die Aufgabe von Ökonomen über das Entwickeln von Theorien hinaus: «Schliesslich wird die Wissenschaft von der öffentlichen Hand nicht nur berappt, um irgendwelche Modelle für den Elfenbeinturm zu entwickeln.» 15 Jahre nach seiner Emeritierung kommt er werktags immer ans Institut für Wirtschaft und Ökologie, das er von 1992 bis 1995 leitete. Die Ökonomen sollten verständliche Botschaften herausbringen - das sei angefangen mit Adam Smith über John Maynard Keynes immer selbstverständlich gewesen. «Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Ideen zu liefern, Politiker haben dafür keine Zeit.»

Binswanger, dessen berühmtester Schüler Josef Ackermann war, der CEO der Deutschen Bank, hätte allen Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Doch er will sich nicht abkoppeln von dem für ihn so vorhersehbaren Lauf der Wirtschaft - und resignieren schon gar nicht. «Mir macht es Spass», sagt er vergnügt. Mit «es» meint er die Wirtschaftslehre. Die neuste Frucht seiner Forschung kommt im Herbst in Buchform heraus. Unter dem Titel «Vorwärts zur Mässigung» zeigt er Lösungen auf, um künftig Boom and Bust zu verhindern.

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Der Wirtschaftswissenschaftler, der Umwelt-Ressourcenökonomie, Geldtheorie und EU-Integration zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt, gilt nicht nur als Vater der Ökosteuer und der Erfinder von Direktzahlungen in der Landwirtschaft. Bekannt ist er auch dafür, dass er unter den heutigen Bedingungen ein globales Realwachstum von 1,8% als Minimum betrachtet. Es gebe in der modernen Wirtschaft einen Wachstumszwang. Ein Nullwachstum ist in der modernen Wirtschaft nicht möglich, wohl aber eine Minderung der minimalen Wachstumsrate. Dies ist das Fazit seines letzten Buches «Die Wachstumsspirale» (2006).

Obwohl es die Warnung vor überhöhtem Wachstum und vor der Endlichkeit der Ressourcen schon lange gibt, ist dies nach Einschätzung von Binswanger in der Ökonomie noch nicht Common Sense. Er kritisiert, dass die zeitgenössischen Ökonomen - auch diejenigen, die als Kritiker auftreten - keine neuen Ideen hätten, sondern nur die Ideen entweder von Friedman oder von Keynes weiterspinnen. Er selber positioniere sich ausserhalb der Lehrbuchwissenschaft, die eine Ökonomie lehre, die sowohl das Geld wie die Natur als Wirtschaftsgrundlagen völlig vernachlässige. Auch die ökologisch interessierten Ökonomen hätten keinen neuen Ansatz zum Ausbau der Theorie gefunden. Sie sähen das Heil der Welt nur in der Subventionierung «grüner Investitionen». Das genüge aber nicht. Binswanger möchte zwar nicht sagen, dass die Lehrbuchtheorie als Ganze ausgedient habe, aber sie sei langweilig geworden. «Es gibt keine Wissenschaft, die so traditionsverankert ist wie die Ökonomie.» Das Grundmodell sei immer noch das alte Gleichgewichtsmodell, das Léon Walras 1870 entworfen habe. Dies habe den «Vorteil», wie Binswanger ironisch bemerkt, dass man in der Ökonomie nie umlernen müsse, es habe höchstens ein paar Ergänzungen gegeben. Eigentlich habe sich aber nur die formale Verpackung geändert.

Mittel gegen Spekulationen

Zu den Lösungen, die er in seinem neuen Buch «Vorwärts zur Mässigung» vertritt, gehört vor allem das Konzept des «100%-Geldes», das nach der Krise von 1929 vom US-Ökonomen Irving Fisher vorgeschlagen wurde. Diesem Konzept gemäss sollen nur die Zentralbanken Geld schöpfen dürfen, um so die Eigendynamik der Geld- und Kreditexpansion zu dämpfen, die in stets neue Spekulationswellen und ein übertriebenes Wachstum auszuarten droht.

In die gleiche Richtung gehen Binswangers Vorschläge zu einer Reform der Aktiengesellschaften, die in der heutigen Form mit verantwortlich sind für die Tendenz zur Bildung von spekulativen Blasen, die, wenn sie platzen, die ganze Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Dabei macht er sich keine Illusionen. «Ich sage immer, man muss jetzt Ideen liefern, damit man für die nächste Krise gewappnet ist.»