Die vergangenen Jahre boten in vieler Hinsicht eine attraktive Plattform für das Supply Chain Management. Praktisch jedes Produktions- und Handelsunternehmen sieht sich heute unter Druck gesetzt, die Mindest rentabilität zu verbessern. Die Kunden erwarten ebenfalls mehr Wert für ihr Geld. Sie wollen Komfort, rechtzeitige Lieferung, gute Qualität und einen höheren Innovationsgrad – und das alles zu einem möglichst günstigen Preis. In dieser Situation sehen sich viele Unternehmen gezwungen, nach neuen strategischen Zielen und operativen Verbesserungen Ausschau zu halten. Dies führt zwangsläufig auch zu einer Neubeurteilung der Rolle der bisher beauftragten Logistikdienst-leister und des Lieferketten-Managements als Chance für eine signifikant höhere Kosteneinsparung und Gewinnsteigerung.

Lange Jahre bedeutete Logistik in erster Linie den effizienten Transport, die Lagerung und Distribution von Gütern unterschiedlichster Art. Durch die Globalisierung und die starken Veränderungen auf den Weltmärkten sowie die Verlagerung der Produktion in ferne – meist lohngünstigere – Destinationen, aber auch durch den immer wichtiger werdenden Aspekt der Sicherheit (Safety & Security) kommen auf die Logistikdienstleister völlig neue Aufgaben zu. Die Kontrolle der korrekten Abwicklung von Transporten und die Einhaltung der vorhandenen Ein- und Ausfuhrbestimmungen der einzelnen Länder rücken vermehrt in den Vordergrund. Damit verbunden sind neue Richtlinien und Verhaltensvorschriften, die eingehalten werden müssen.

Weltweit tätige Konzerne sind heute auf eine effiziente, richtige und auch günstige Logistik angewiesen. Diese umfasst je länger, je weniger nur den physischen Warentransport. Im Vordergrund stehen heute zahlreiche weitere Aspekte, wie etwa Compliance-Prüfungen oder der Zugelassene Wirtschaftsbeteiligte (AEO) (siehe Kasten), konkret die umfassende Überprüfung der einzelnen Logistikdienstleister. Ebenfalls an Bedeutung gewinnen die sogenannten Incoterms. Ihr Zweck ist es, internationale Regeln zur Auslegung der hauptsächlich verwendeten Vertragsformeln in Aussenhandelsverträgen aufzustellen. Mit den Incoterms werden Unsicherheiten, die durch die unterschiedliche Auslegung solcher Klauseln in den verschiedenen Ländern entstehen können, vermieden oder zumindest erheblich eingeschränkt.

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Die korrekte Abwicklung der Transporte von Gütern und die Erbringung logistischer Dienstleistungen rücken verstärkt in den Vordergrund und erfordern vonseiten des Logistikdienstleisters auch das entsprechende Fachwissen, um die einzelnen Klauseln all dieser Gesetzeswerke auch richtig interpretieren zu können. «Die gezielte Aus- und Weiterbildung in diesen Bereichen gehört heute zur Grundausbil-dung jedes Logistikers», unterstreicht Alexander Bauer, Chairman des 4PL Logistikproviders Centralstation in Basel.

Neue und komplexe Aufgaben

Auf den Logistikdienstleister kommen in der Zukunft aber noch weitere neue Aufgaben zu, welche teilweise nur noch am Rande mit dem effektiven Gütertransport zu tun haben. Dazu gehören zum Beispiel die Überprüfung bestehender Produktionsstandorte oder die Suche nach neuen Märkten, verfügt doch ein weltweit aktiver Logistikdienstleister heute über eine Vielzahl an Informationen über die einzelnen Regionen und Märkte. «Immer mehr Firmen beauftragen uns mit der Überprüfung ihrer bestehenden Standorte, der bestehenden Lagerkapazitäten und damit verbunden mit der kritischen Begutachtung der Produkte selbst», erklärt Alexander Bauer. Zahlreiche europäische Unternehmen stehen heute vor der Aufgabe, ihre Produktionskosten weiter zu senken, um gegenüber der Konkurrenz, zum Beispiel aus dem Dollarraum, bestehen zu können. Hier kann der 4PL Provider wichtige Hilfestellung bieten, verfügt er doch über umfassende Informationen über einzelne Märkte und deren Merkmale. Aufgrund seiner Erfahrungen mit gleichgelagerten Firmen kann er gezielt die kritischen Punkte beim Kunden eruieren und dazu beitragen, die bestehende Supply Chain zu optimieren.

Stets vorausdenken

«Die Situation auf den Beschaffungsmärkten ist unberechenbar geworden. Heute haben wir keinen Einkäufermarkt mehr, sondern einen Verkäufermarkt», meint Alexander Bauer und stellt fest: «Kaum ein Einkäufer verfügt heute noch über zwei oder gar noch mehr Lieferanten, zudem wird es immer schwieriger, die notwendigen Mengen in der vorgesehenen Zeit zu erhalten, weil auch die Lieferanten ihre Läger reduziert und zum Beispiel Langsamdreher weitgehend eliminiert haben. «Ein 4PL Provider muss allerdings stets vorausdenken, um dem Kunden auch die optimalen Bezugsmöglichkeiten zu vermitteln», meint Bauer. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Aussage Bauers, dass ein Zentrallager kostenmässig verschiedenen dezentralen Lägern stets überlegen sei, obwohl in einigen Branchen heute wieder der Trend zum dezentralen Läger festzustellen ist. Weil auch dezentrale Lager meist eine eigene Infrastruktur benötigen, welche Kosten verursacht, die in der Regel höher liegen als diejenigen eines Zentrallagers.

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Ein weiteres wichtiges Merkmal, mit dem sich der Logistikdienstleister häufiger konfrontiert sieht, ist die vermehrt feststellbare Rückverlagerung der Produktion aus Asien zurück nach Europa, insbesondere Osteuropa. «Dieser Trend lässt sich nicht aufhalten», stellt Bauer dazu fest und ergänzt: «Heute kostet ein Ingenieur in China bereits 4000 Euro, zudem wollen auch diese Leute in naher Zukunft einen höheren Lebensstandard erreichen.» «Wir stellen aber auch schon eine gewisse Rückverlagerung aus Osteuropa fest», erklärt Bauer und weist darauf hin, dass dies zum einen Teil auf die fehlende Qualität der Dienstleistungen und Produkte, aber auch auf die Sprachbarriere zurückzuführen ist. Gerade die Kommunikationsprobleme erschweren heute nach Ansicht Bauers den Erfolg der Verlagerung. Bauer stellt als Folge dieser Trendwende auch fest, dass seine Kunden vermehrt wieder in Europa investieren und hier Kapazitäten aufbauen.

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Staat als Problem

In jüngster Zeit haben sich die Energiekosten – insbesondere Benzin/Diesel, aber auch Heizöl – massiv nach oben bewegt. Wenn auch mittlerweile eine gewisse Beruhigung eingetreten ist, lässt sich doch nicht wegdiskutieren, dass die Energiepreise in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Verlagerung von Produktionsstandorten spielen werden. Steigen die Energiepreise wieder an, werden die Transporte an entlegene Standorte teurer und teurer. Eine preistreibende Wirkung geht aber auch vom Staat aus, denn dieser verdient an jedem Liter Benzin, Diesel oder Heizöl kräftig mit. «In dieser Beziehung müssten sich zum Beispiel die europäischen Staaten einmal die Frage stellen, inwieweit diese preistreibenden Abgaben gerechtfertigt sind», moniert Bauer.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Bewältigung logistischer Aktivitäten wird die sogenannte Grüne Logistik sein. Der Gedanke, die notwendigen Transporte möglichst umweltfreundlich durchzuführen, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Bis jedoch ein Green Supply Chain Management Tatsache wird, müssen noch etliche wichtige Detailfragen geklärt werden. Nicht zuletzt diejenige, wer die damit verbundenen Zusatzkosten bezahlt.