LOGJOB. Logjob hat dieses Jahr zwei neue Filialen eröffnet. Kann das als Zeichen der hohen Nachfrage nach Logistikern gewertet werden?

Andreas König:

Ja, sicher auch, aber nicht nur. Die Nachfrage nach logistischen Fachkräften und Kadern ist in den letzten zwei Jahren dank der guten Wirtschaftslage deutlich gestiegen. Zusätzlich aber wollten wir näher beim Kunden – sprich Firmen und Stellensuchenden – sein. Neben den bestehenden Standorten in Dietikon und Härkingen decken wir neu ab Wil SG die Ostschweiz und von Münchenstein aus die Region Basel besser ab.

Werden an allen Standorten die gleichen Dienstleistungen angeboten?

König: Grundsätzlich ja, wobei jede Filiale branchenspezifische Fokussierungen aufweist. Ab Dietikon betreuen wir internationale Konzerne und den Handel, Härkingen unterstützt vor allem die nationalen Logistikdienstleister, von Wil aus beraten wir die Industrie und ab Münchenstein die internationale Verkehrswirtschaft sowie die Spediteure. Die jeweiligen Berater verfügen über ein umfangreiches Branchen-Know-how, was unsere Kunden und die Stellensuchenden schätzen.

Welche Logistiker werden derzeit am meisten gesucht?

König: Den Logistiker als solchen gibt es eigentlich nicht. Ich verfolge seit mehr als 20 Jahren die Logistikszene Schweiz, und noch immer staune ich über die vielfältigen Ansichten zum Begriff Logistik. Grundsätzlich verstehen wir die Logistik als Sammelbegriff für die Steuerung sämtlicher firmeninternen und externen Warenflussaktivitäten. Segmente davon sind der Einkauf, die Lagerung, der Transport sowie in der Industrie zusätzlich die Produktionslogistik. Wenn auf Camions Schriftzüge wie «Transport und Logistik» prangen und in Inseraten nach dem «Leiter Einkauf und Logistik» gesucht wird, so zeigt es sich, dass die Logistik oft noch als «Lagerfunktion» und nicht als bereichsübergreifende Querschnittsfunktion verstanden wird.

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Wird der Begriff Logistik nicht immer mehr durch Supply Chain Management verdrängt?

König: Da streiten sich die Gelehrten. Supply Chain Management (SCM) als Konzept der unternehmensübergreifenden Optimierung von Wertschöpfungsaktivitäten verspricht Handlungspotenziale zur künftigen Ergebnisverbesserung. Oder vereinfacht: Der Begriff Logistik beinhaltet primär die eher operative interne Warenflusssteuerung – SCM erweitert diese Sicht mit mehr Fokus gegen aussen hin: Zusammen mit den Lieferanten und Kunden Optimierungen durch partnerschaftliche Netzwerke zu generieren. Gerade globale Konzerne gehen heute so weit, dass sie in ihrer Organisation beide Funktionen kennen. Der Bereich Logistik kümmert sich dabei um das physische Warenhandling – also Lager und Distribution. Das SCM übernimmt die Steuerungsaufgaben in Abstimmung mit den Kunden und Lieferanten.

Wie schwierig ist es, die entsprechenden Fachleute zu finden?

König: Gesucht sind derzeit vor allem Fachspezialisten und global erfahrene Kaderpersönlichkeiten. Schwierig zu finden sind zum Beispiel Speditionsfachleute, Disponenten, strategische und operative Einkäufer, Verkaufsberater, Demand- und Supply-Planner. Und im Kaderbereich Transport- und Beschaffungsleiter sowie auf Top-Ebene führungsstarke und international erfahrene Supply Chain Manager.

Wo liegen die Ursachen für diesen Mangel an Fachkräften?

König: Die Gründe sind sehr vielfältig. Generell aber gilt: Firmen haben hohe Ansprüche. Grundsätzlich wäre ja die Logistik prädestiniert für Quereinsteiger, vor allem auch hinsichtlich Branchenwechsel. Aber hier stellen wir fest, dass die Unternehmen Bewerber bevorzugen, welche in ihrer vorherigen Funktion möglichst dieselbe Funktion ausgeführt haben. Man möchte so Sicherheit haben, dass der neue Mitarbeiter sein Aufgabengebiet rasch beherrscht. Wir versuchen hier wenn möglich Gegensteuer zu geben. Meist liegt die Motivation für einen Stellenwechsel ja gerade darin, neue Erfahrungen sammeln und sich weiterentwickeln zu können. Ist nach einem Neubeginn wieder praktisch dieselbe Tätigkeit auszuführen, so ist die Motivation oft sehr rasch weg – und damit auch der neue Mitarbeiter. Und auf Kaderebene werden oft 35- bis 45-jährige Personen gesucht. Hier hat zum Glück ein Umdenken eingesetzt. Gerade auch über 50-jährige Persönlichkeiten bringen neben dem immensen Erfahrungsschatz oft nicht weniger Dynamik und Flexibilität mit als die Jüngeren – ganz im Gegenteil. Die zukünftige demografische Alterspyramide zeigt klar an, dass wir zukünftig noch mehr auf die Generation über 50 angewiesen sein werden.

Wie steht es mit dem fachlichen Know-how der Bewerber?

König: Dank den zahlreichen Bildungsangeboten hat sich die Situation klar verbessert. Heute werden für alle Segmente entsprechende eidgenössisch anerkannte Berufs- und höhere Fachprüfungs-Abschlüsse angeboten. Auch werden von der Logistiklehre bis hin zum MBA alle Stufen abgedeckt. Die Konkurrenz unter den Anbietern ist heute so gross, dass der Kampf um die Studierenden doch erkennbar wird. Mit dem Vorteil, dass die Angebote immer professioneller werden. Aber auch mit dem Nachteil, dass die Zulassungskriterien gesenkt werden. Und leider werden dadurch Ausbildungen in Angriff genommen, welche für den Studierenden aufgrund seiner beruflichen Situation und Karrierewünsche nicht ideal sind. Wir beraten hier als neutraler Marktbeobachter sowohl Firmen wie auch Mitarbeiter und geben gerne Empfehlungen ab. Dabei stellen wir fest, dass der Durchblick aufgrund der vielen Angebote immer schwieriger wird. Der Verband GS1 hat diesen Sommer die kostenlose Broschüre «Bildungslandschaft Schweiz Logistik & SCM» neu aufgelegt. Es ist die im Moment wohl aktuellste neutrale Übersicht.

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Kann hier das Pilotprojekt des BBT «Swiss Supply Chain» Klarheit schaffen?

König: Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT hat in Zusammenarbeit mit den Verbänden Astag, GS1, Spedlogswiss, SVBL sowie dem SVME ein Pilotprojekt gestartet, welches sämtliche 14 eidgenössischen Abschlüsse – Berufs- und höhere Fachprüfungen – auf tertiärer Stufe umfasst. Die heutige Situation präsentiert sich unkoordiniert. Die Ziele sind, Prüfungen und Bildungspläne zu harmonisieren, die Transparenz zu erhöhen sowie die Mobilität EU-weit zu fördern. Das ehrgeizige Ziel sieht vor, erste neue Lehrgänge bereits ab 2. Hälfte 2008 anbieten zu können. Das Projekt hat Pilotcharakter, da es schweizweit einmalig ist.

Welche Änderungen sind hier zu erwarten?

König: Sicher werden die Angebote besser vergleichbar. Die Tätigkeiten werden klarer abgegrenzt und die Kompetenzniveaus nach gleichen Massstäben gemessen. Auf Stufe Berufsprüfung – zum Beispiel Einkaufs- oder Logistikfachmann/-frau – wird der Spezialisierungsgrad wohl noch ausgeprägter. Und bei den höheren Fachprüfungen – zum Beispiel Logistik- oder Speditionsleiter – soll der Fokus auf die gesamte SCM-Sicht gelegt werden. Dadurch erhalten Aspekte wie Prozess- und Projektmanagement, IT, BWL, Internationalisierung und soziale Führungskompetenz mehr Gewicht. Ich vermute, dass sich hier die Verbände zusammenraufen müssen, um auf dieser höheren Stufe weniger Abschlüsse anzubieten – vielleicht mit einer gemeinsamen Basisausbildung und jeweiligen Vertiefungsrichtungen. Die Qualität wird sicher gesteigert durch einheitliche Zulassungsrichtlinien, normierten, Prüfungen und unabhängige Prüfungsexperten. Auch wird wohl die anschliessende Zulassung an die Fachhochschulen und Universitäten – Bachelor/Master – gefördert und vereinfacht. Zu hoffen bleibt, dass die guten Absichten auch so umgesetzt werden. Dies wird nicht einfach, stehen doch die beteiligten Verbände im Wettbewerb zueinander und müssen sich wohl durchringen, gewisse Lehrgänge nicht mehr oder aber gemeinsam anzubieten. Ich hoffe sehr, dass hier ein Konsens gefunden wird.

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