Die durchschnittliche Nominallohnerhöhung für kommendes Jahr dürfte erstmals seit 2001 schweizweit über 2% liegen. Zu diesem Schluss kommen die Ökonomen der Credit Suisse Group. Mit einer erwarteten Inflation von 0,6% blieben den Arbeitnehmenden unter dem Strich somit mindestens 1,4% mehr Reallohn. Dies ist klar mehr als auch schon, aber weniger als die von den Gewerkschaften verlangte Steigerung von 3 bis 4%. Der akute Arbeitskräftemangel und eine globalisierungsbedingte Zunahme des Produktivitätswachstums gelten als wichtigste lohnsteigernde Komponenten.
Die ersten Lohnabschlüsse bestätigen die Hochrechnungen - obwohl es zu beachten gilt, dass die Mehrheit der Lohnverhandlungen erst nächsten Monat startet. So einigten sich die Sozialpartner im Gastrogewerbe auf eine durchschnittliche Nominallohnerhöhung von 2%. «Wenn die Prognosen eintreffen, wird die Teuerung bei 0,5 bis 0,6% liegen, sodass die Reallohnerhöhung rund 1,5% ausmacht. Dies ist die grösste Reallohnerhöhung seit mehreren Jahren», schreibt die Hotel & Gastro Union.

*Leuthard erfreut Gewerkschafter*
Dass das Gros der Angestellten in den vergangenen Jahren nicht viel mehr Lohn kassierte, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Teuerung höher war als erwartet. Dabei hatten die Arbeitnehmervertreter schon letztes Jahr einen grossen Nachholbedarf geortet. Auch heuer machen sie wieder geltend, der Aufschwung sei an den Arbeitnehmenden bisher spurlos vorübergegangen. Die minimalen Lohnfortschritte der Angestellten stünden in keiner Weise in Relation zur zweistelligen Zunahme der Arbeitsproduktivität sowie zu den Lohnerhöhungen in den oberen Etagen.
Das Poker der Sozialpartner in diesem Lohnherbst läuft zwar nach dem altbekannten Muster ab: «Viel fordern und wenig versprechen.» Dennoch stehen die Zeichen konjunkturbedingt eher auf Grosszügigkeit statt auf Knausern. Sogar Wirtschaftsministerin Doris Leuthard legte sich kürzlich für die Arbeitnehmenden ins Zeug. «Ich erwarte von den Arbeitgebern, dass sie nächstes Jahr die Löhne real um 2 bis 3% erhöhen», sagte sie. Denn es sei «Zeit, den Arbeitnehmern Danke zu sagen».
Niemand mag sich daran erinnern, dass sich ein Wirtschaftsminister je zu einer solchen Aussage hinreissen liess. Die Bundesrätin will ihre Aussage nachträglich nicht relativieren, wie eine bisher unbemerkte Notiz aus dem Nationalratsprotokoll zeigt. Sie wolle sich nicht in die Lohnverhandlungen einmischen, das sei Sache der Sozialpartner, sagte sie diese Woche in der Fragestunde und fügte bei: «Aber angesichts der Wirtschaftslage und der Produktivitätsfortschritte ist eine angemessene Lohnerhöhung möglich, ohne dass dies destabilisierende Nebenwirkungen haben könnte.» Auch in einer heiklen Phase werde sie ihre Meinung kundtun, sagte sie auf die Frage, ob sie an den drohenden Streik und den vertragslosen Zustand in der Bauchbranche gedacht habe.
Die Gewerkschaften freuen sich. «Ihre Aussagen bestärken unsere Forderungen und unterstützen die vom Arbeitgeberverband und von der CSG schon früher gemachten Aussagen, dass dieses Jahr eine deutliche Reallohnerhöhung möglich sein muss», sagt Arno Kerst von Syna.
Hingegen ist es aus Sicht von Swissmem nicht an Bundesräten, sich zu Lohnrunden zu äussern. Peter Dietrich, Bereichsleiter Arbeitgeberpolitik: «Das wird wenig geschätzt, wenn auch der Einfluss auf die Firmen, die ja nach ihren ganz spezifischen Situationen ihre Lohnverhandlungen führen, beschränkt sein dürfte.»
Zu den Erwartungen auf eine Reallohnerhöhung passen auch die Aussagen von Arbeitgeberdirektor Thomas Daum, der sonst bei Lohnfragen stets auf einzelbetriebliche Lösungen pocht. Daum: «Ich gehe davon aus, dass viele Branchen bei Erhöhungen von 2% mithalten können.» Ein Plus von 4% würde aber viele überfordern.

*Übernachfrage erhöht Löhne*
Trotz der Anstellung vieler ausländischer Fachkräfte sehen auch die Arbeitsvermittler keinen Druck auf die Kaderlöhne. Sie widersprechen Serge Gaillard, Leiter Arbeitsmarkt beim Seco, welcher für heimische Kader mit erschwerten Lohnverhandlungen rechnet (siehe «Nachgefragt»). «Wir stellen keinen Druck auf die Kaderlöhne fest, eher im Gegenteil. Die Löhne sind teilweise recht gestiegen, was unter anderem auch auf einen Nachholbedarf der wirtschaftlich schwierigen Jahre 2002 bis 2004 zurückzuführen ist», sagt Denise Sonderegger von Randstad. Es gebe auch eine Tendenz zu grosszügigeren Bonusvereinbarungen.
Laut Manpower-Schweiz-CEO Charles Bélaz gibt es oben keinen Lohndruck, aber die Einwanderung führt dazu, dass die Löhne nicht noch mehr steigen. Auch Konkurrentin Adecco beobachtet, dass die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte sich positiv auf die Löhne auswirkt. «Im Moment spielt noch zusätzlich der Faktor der Übernachfrage auf dem europäischen Arbeitsmarkt nach qualifizierten Fachkräften eine Rolle, das Angebot an diesen Leuten ist europaweit eingeschränkt», sagt José San José von Adecco Schweiz. Die Zeichen stehen auf Lohnsteigerung, beobachtet auch Headhunter Björn Johansson. «Im oberen und mittleren Management spüren wir eine unglaubliche Übernachfrage, die Saläre steigen. Zum Glück kommen die Deutschen. Dass sich Ausländer mit weniger Lohn abspeisen lassen als Schweizer, trifft nicht zu.»

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