Man könnte den Auktions-Coup von Banksy letzte Woche, als sich sein eigenes Werk vor dem Publikum von Sotheby’s schredderte, als symbolisch für die Kunstmetropole an der Themse werten: Bäumte sie sich letzte Woche nochmals auf – kurz vor ihrer Selbstbeschädigung durch den Brexit? Oder befeuert Letzterer gar ihren Stellenwert?

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Eben jedenfalls hat sich London noch einmal als Kunstmarkt-Kapitale Europas in Szene gesetzt. Zwei riesige weisse Zelte, gefüllt mit Kunstwerken im dreistelligen Millionenwert, breiteten sich im Regent’s Park aus. Sammler aus der ganzen Welt strömten zur Frieze Art Fair und sorgten für Umsatz. Zeitgleich legten sie bei Christie’s und Sotheby’s fast 200 Millionen Schweizer Franken aus für Nachkriegsund zeitgenössische Kunst.

Im Banne des Brexit

Grossbritannien hatte 2017 einen Marktanteil von fast 20 Prozent oder rund 13 Milliarden Dollar am globalen Kunstumsatz – fast doppelt so viel wie der gesamte EU-Raum. Grund sind vor allem die günstigen regulatorischen Rahmenbedingungen, eine hohe Konzentration von Superreichen und eine robuste kulturelle Infrastruktur. Paris rüstet zwar mit seiner Messe Fiac und Auktionshäusern auf. Doch die 7 Prozent Anteil Frankreichs am globalen Volumen nehmen sich bescheiden aus. Noch. Denn mit dem Brexit kommen auch in den selbstbewussten Londoner Kunstbetrieb Unsicherheiten.

Mit 5 Prozent Einfuhrsteuer erhebt Grossbritannien den tiefsten Ansatz innerhalb der EU. Der Steuersatz ist aber höher als in den USA (0 Prozent) und China (3 Prozent). «Günstigere Steueransätze würden den globalen Handel anziehen», sagt die Kulturökonomin Clare McAndrew laut «Artsy». Der Brexit könnte somit auch Opportunitäten bringen: England könnte die Importsteuer und das Droit de suite – die Gewinnbeteiligung von Künstlern bei einem Wiederverkauf von Kunstwerken an Auktionen und Messen – etwa ganz fallen lassen. Für eine wachsende kunstsammelnde Elite in China und Südostasien, aber auch in Süd- und Mittelamerika wäre das interessant.

POTSDAM, GERMANY - JUNE 28: German artist Gerhard Richter attends a press conference and exhibition preview for 'Gerhard Richter. Abstraktion' on June 28, 2018 in Potsdam, Germany. The exhibition runs from June 30 till October 21. (Photo by Christian Marquardt/Getty Images)

Gerhard Richter: Er gehört zu den wichtigsten deutschen Malern der Gegenwart.

Quelle: 2018 Getty Images

Doch Brexit hin oder her. Die Frieze ist vor allem ein Barometer für die Trends im Kunstmarkt. Und sie zeigen klar: Der Markt wird erstens konservativer, zweitens weiblicher, drittens afrikanischer, viertens weniger chinesisch, dafür keramischer und schliesslich günstiger.

Bis vor kurzem konnten Galerien in den Kojen der Frieze nicht genug mit Videoinstallationen, neuen Medien oder Fotografie auftrumpfen. Die Unsicherheiten am Markt lassen sie konservativer werden. In London hat die leichter verkäufliche Malerei ihren Platz zurückerobert. In der Gunst der Käufer standen etwa die deutschen Maler wie Georg Baselitz und Gerhard Richter, aber auch jüngere Künstler wie Daniel Richter oder Adrian Ghenie.

Zudem bewertet der Kunstmarkt Œuvres von Künstlerinnen neu, die vom männlich dominierten Markt der 1970er und 1980er Jahre übersehen wurden.

Seit an Grossausstellungen wie der Biennale Venedig und der Documenta in Kassel Werke von Künstlern aus Afrika ausgestellt werden, gelangen ihre Werke – und das ist der dritte wichtige Trend – auch vermehrt im Kunstmarkt in Umlauf.

Nach dem Run auf chinesische Kunst in den frühen nuller Jahren hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Der vierte Toptrend ist, dass chinesische Kunst neu evaluiert wird.

Keramik, ein bisher weiblich konnotiertes Medium, findet fünftens Eingang ins künstlerische Vokabular. An der Frieze erregten etwa die organischen Skulpturen des Japaners Takuro Kuwata Aufmerksamkeit. Christie’s erste kuratierte Keramik-Auktion mit Werken von Lucio Fontana, Fausto Melotti und Thomas Schütte bescherte dem zerbrechlichen Medium Auktionsrekorde.

Oben mehr, unten weniger

Die Verkäufe an der Frieze waren – sechstens – insgesamt langsamer als in den Jahren zuvor. Auch am Kunstmarkt gehen politische und wirtschaftliche Unsicherheiten nicht spurlos vorbei. Er wächst zwar im obersten Segment (Werke von 1 bis 10 Millionen Dollar) laut «Artnet Intelligence Report» weiter, doch im unteren und mittleren Bereich (10 000 bis 100 000 Dollar) ist der wertmässige Anteil der Werke in den letzten fünf Jahren um 26 Prozent gesunken. Die Zahlen wurden zwar nur für Auktionshäuser erhoben, aber der Umstand, dass – trotz weltweitem Kunstboom – zwischen Zürich, Berlin und New York viele Galerien mittlerer Grösse schliessen mussten, unterstreicht die Tendenz.