Als Jonathan vor einigen Tagen die schwere Hand auf seiner Schulter spürte, wusste der Londoner Banker, dass er bei der Royal Bank of Scotland gefeuert war. Gehorsam machte er bei dem Spielchen mit. Er grüsste ein letztes Mal höflich seinen Boss, hörte sich aufmerksam die lange Rede über den Niedergang des Kreditmarkts an, schüttelte seinen Kollegen die Hände, packte seine Habseligkeiten und ging.

Jonathan, der seinen vollen Namen lieber nicht nennen möchte, ist nur einer von 200 Angestellten, die jüngst von der angeschlagenen Bank in London auf die Strasse gesetzt wurden. Doch Jonathan hält sich für einen Glückspilz.

Keine Sommer-Villa mehr

«Wenigstens hatte ich es geahnt», sagt der Banker. «Wir hatten eine fette Erfolgssträhne und haben viel Geld verdient.» Dabei sei schon länger kaum noch etwas zu tun gewesen. Jonathan hatte zudem Glück im Unglück. Weil seine Frau im vergangenen Sommer, genau als sich die Kreditkrise abzeichnete, aufgehört hatte zu arbeiten, musste er reagieren. Der Umzug wurde auf Eis gelegt, das neue Auto abbestellt, die Skiferien storniert und für den Sommer keine Villa in Südfrankreich gebucht. «Meine Kollegen lebten dagegen weiter wie bisher und hofften, dass sich die Zeiten bessern würden.» Jetzt müssen sie plötzlich den Gürtel ganz eng schnallen. Jonathan ist nur ein Beispiel von vielen. Londons Finanzdienstleistungssektor ist zum Stillstand gekommen. Bislang haben die Investmentbanken versucht, offiziell so wenig Stellenkürzungen wie möglich bekannt zu geben. Doch stillschweigend wurde bereits hunderten Angestellten der Laufpass gegeben.

Boni für Wohltätigkeit

Für die nächsten Wochen wird die erste grosse Entlassungswelle erwartet. Die britische Analysegesellschaft Centre of Economics and Business Research (CEBR) glaubt sogar, dass in den kommenden zwei Jahren im Londoner Finanzdistrikt, der City, bis zu 20000 Jobs gestrichen werden könnten.

Anzeige

Die Megaboni der 350000 Angestellten im Finanzwesen sind in der ganzen Hauptstadt spürbar gewesen – von dem 20%igen Anstieg der Immobilienpreise über die Verzehnfachung des Werts von Kunstwerken bis zu Ligapartys wie «The Ark», einem Hedge-Fonds-Event, bei dem im vergangenen Jahr 35 Mio Euro für wohltätige Zwecke gesammelt wurden.

Das Geschäft mit Superreichen

Während einige die Dekadenz als skandalös bezeichnet haben, ist aber auch wahr, dass der Geldregen der Banker den Rest der Wirtschaft bewässert hat. Hunderte Firmen sind aus dem Boden geschossen, die die Bedürfnisse der Superreichen erfüllen: Der Concierge-Service Quintessentially, der seinen Klienten das Lifestyle-Management abnimmt, hat 1000 Angestellte in weltweit 45 Büros. The Buying Solution ist der neue Zweig der Maklerfirma Knight Frank, der bei der Suche nach Villen über 2 Mio Euro hilft. Es gibt Fantastic Fireworks für Partys, Famous Fishing für Outdoor-Amüsements von Unternehmen und nicht zuletzt unzählige Edelrestaurants, Privatschulen, Golfklubs, Boutiquen oder Luxusautohändler.

Es wird geschätzt, dass allein die Steuern von Finanzfirmen aus Einkommen und Boni aus dem Londoner Finanzdistrikt über ein Fünftel der Einkünfte des britischen Fiskus ausmachen. «Wenn die Profite in der City fallen, wirkt sich das direkt auf die Steuereinkünfte aus», sagt Richard Lambert, Direktor des britischen Industrieverbands CBI. Die Stellenkürzungen in der City betreffen deshalb nicht nur Banker. «Der Unterschied zwischen heute und vor 15 Jahren ist, dass die Bedeutung der Big Spender in unserer Wirtschaft gestiegen ist», sagt ein Volkswirt.

Die Auswirkungen können überall beobachtet werden: Reservierungen in der Luxushotelgruppe Leading Hotels of the World sollen um 10% zurückgegangen sein. Bei der US-Superbootfirma Anchor Yachts ist der Verkauf von Jachten zwischen 200000 und 800000 Dollar um ganze 50% zurückgegangen.

Der grösste betroffene Markt sind jedoch Immobilien. «Londoner Wohnungen zwischen 1,2 und 2 Mio Euro gelten bei uns als Bonus-Hoheitsgebiet für junge Aufsteiger», sagt Richard Sharples von Property Vision, Teil der HSBC Privatbank. «Im vergangenen Jahr gingen sie weg wie warme Semmeln, aber 2008 sind die Leute vorsichtiger. Sie könnten ihren Job verlieren, einen geringeren Bonus bekommen.»

Kaum mehr Lust auf Jagdtrips

Ein Immobilienhändler von Knight Frank ist noch offener: «Der Grossteil unserer Arbeit besteht aus Zwangsverkäufen. Für die Geschiedenen, Toten und jetzt auch Arbeitslosen. Käufer, die einfach nur ein grösseres Haus wollen, bleiben fast komplett aus.» Das Interesse an Mietwohnungen sei hingegen gestiegen. Hinzu kommt: Immer mehr grosse Firmenmietverträge werden storniert, weil sie die Wohnungen nicht mehr benötigen.

Teure Hobbys gehören zu den ersten Luxusvergnügen, die dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. «Wir verchartern Jachten zwischen 75000 und 1,2 Mio Euro pro Woche», sagt Jamie Edmiston von der Jachtfirma Edmiston, die Rapper F. Diddy und FC-Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch zu seinen Kunden zählt. Das Top-Segment des Markts sei noch lebhaft. «Am anderen Ende jedoch beobachten wir eine Verlangsamung. Die Banker oder Hedge-Fonds, die in den vergangenen Jahren bei uns gebucht haben, sind dieses Jahr ausgeblieben.›»

William Daniel von Luxusangeltrip-Anbieter Famous Fishing verrät: «Besonders in der Finanzdienstleistungsindustrie ist es für uns schwerer geworden.» Den grössten Rückgang gibt es bei den Jagdtrips, die durchschnittlich mindestens doppelt so teuer sind wie Angeltage.

Die Leiter der Wohltätigkeitsorganisation Ark, Paul Bernstein, hofft weiter auf spendable Banker. «Es ist eine interessante Frage, was mit der Philanthropie passieren wird», sagt Bernstein. Bei der letzten Krise vor 15 Jahren sei die Spendenfreudigkeit noch nicht so verbreitet gewesen wie heute. «Unser Benefizdinner findet auch 2008 statt. Wir haben einige fantastische Schirmherren. Für sie ist Philanthropie eine Lebensart geworden, keine Kurzzeitentscheidung.»