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Lorenzo Bertelli - der Prada-Chef der Zukunft

Lorenzo Bertelli
Lorenzo Bertelli: Der 30-jährige Sohn von Miuccia Prada könnte das Luxusunternehmen übernehmen.Quelle: Getty Images

Rallye-Fahrer Lorenzo Bertelli ist der Sohn von Miuccia Prada. Eines Tages soll er den Chefsessel des Luxus-Labels einnehmen.

Corinna Clara Röttker
Von Corinna Clara Röttker
am 23.06.2018

Lorenzo Bertelli ist 30 Jahre alt und Rallye-Fahrer. Sein Debüt im Rallyesport gab der Italiener 2011. Als Zehnter beendete er nur ein Jahr später seine erste komplette Saison in der Kategorie für Nachwuchsfahrer, der PWCR (heute WRC3). Es war sein erster Achtungserfolg. In den Jahren darauf kletterte er die Rallye-Klassen stetig empor, fuhr zwei Saisons in der WRC2 und schliesslich in der WRC, der Königsklasse des Rallyesports. Der ganz grosse Durchbruch aber blieb bis heute aus. Vielleicht, weil im Hinterkopf immer auch der Familienbetrieb in der Heimat mitfährt.

Der Familienbetrieb, das ist der Luxuskonzern Prada, und Lorenzo Bertelli – so ist es anzunehmen – der künftige Prada-Chef. Denn Bertelli ist der älteste Sohn des Ehepaares hinter dem Luxuslabel: Miuccia Prada und Patrizio Bertelli. Seit September leitet der Sprössling die digitale Kommunikation. Eine bisher vernachlässigte Schlüsselrolle bei Prada und wohl nur ein Zwischenstopp auf dem Weg an die Spitze.

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«Wir verkaufen nicht, wir werden niemals verkaufen»

Denn Prada soll in Familienhand bleiben und Lorenzo Bertelli die Geschicke des Traditionskonzerns eines Tages lenken. «Wir verkaufen nicht, wir werden niemals verkaufen», sagte Firmenchef Patrizio Bertelli vor Kurzem. «Lorenzo macht sich bereit, eines Tages – wenn er es will – Prada zu leiten.»

Wohlbemerkt «eines Tages». Denn noch will der 72-jährige Patriarch nicht ans Aufhören denken. Er und seine Frau Miuccia Prada, die Enkelin des Firmengründers, sitzen beide im Board und amten als Co-Chefs. 80 Prozent der in Hongkong kotierten Firma kontrolliert der Bertelli-Prada-Clan. Der Aufstieg Pradas zum weltweit gefeiertem Luxuskonzern ist ihr Werk.

Designerin Miuccia Prada und Vogue Chefredaktorin Anna Wintour.

Anfangs wollte Miuccia nichts von den familiären Firmen-Traditionen wissen

Dabei wollte Miuccia anfangs als junger Spross der Prada-Dynastie nichts von den familiären Firmen-Traditionen wissen. Sie studierte Politikwissenschaften, promovierte und liess sich später als Schauspielerin weiterausbilden. 1978 übernahm die damals 28-Jährige dann – für viele überraschend – von ihrem Grossvater den kleinen Kofferhersteller in Mailand. Und obwohl sie selbst nie zeichnen und schneidern gelernt hatte, wurde gleich ihre erste Kreation – eine Handtasche aus schwarzem Militärnylon – innerhalb kürzester Zeit weltweit zum Kultobjekt.

Die Finanzgeschäfte und später die Unternehmensführung überliess sie ihrem Mann Patrizio. Die Aufgabenteilung war stets klar: Sie verantwortet die kreative Linie des Hauses, er die Geschäfte. Mit Erfolg: Zusammen erschufen sie eine Weltmarke, die weltweit für ihre Kollektionen gefeiert wurde und mit der sich Stars und Royals gerne schmücken.

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Doch die goldenen Zeiten von einst sind vorbei. In den letzten Jahren kämpfte Prada mit sinkenden Umsätzen, Gewinnen und schwindenden Marktanteilen. Der Trend zu Sneakers und Freizeitmode ging lange Zeit an den Mailändern ebenso vorbei wie das wachsende Online-Geschäft. Rivalen wie Gucci oder Louis Vuitton hatten da ein deutlich besseres Trendgespür.

Doch Patron Patrizio Bertelli, der für seinen autokratischen Führungsstil bekannt ist, wollte von alle dem nichts wissen. Stattdessen eröffnete er eine neue Filiale nach der anderen und trieb die Preise in die Höhe – allen Alarmsignalen zum Trotz. Die Aktie fiel seit ihrem Höchststand im Jahr 2013 um 50 Prozent, auch deshalb wurde immer wieder spekuliert, Prada könnte den Besitzer wechseln. Wäre da nicht Lorenzo Bertelli.

«Ich glaube nicht, dass mir noch viele Jahre Spass bleiben werden»

Vor seinem Wechsel vom Rallyefahrer zur digitalen Führungskraft bei Prada studierte der heute 30-Jährige Philosophie. Dass er sich seinem Schicksal stellen und seine Karriere als Rennfahrer früher oder später für den Luxuskonzern opfern würde, deutete sich bereits 2015 an. Damals stand eigentlich seine dritte Saison als Nachwuchsfahrer in der WRC2 an. Weil Bertelli aber wusste, bald seinen familiären Pflichten nachkommen zu müssen, entscheid er sich für die Herausforderung in der höchsten Rally-Klasse WRC.

Es war das gleiche Jahr, in dem er in den Vorstand der Holdinggesellschaft eintrat, mittels welcher die Familie Prada kontrolliert. «Ich glaube nicht, dass mir noch viele Jahre Spass bleiben werden, weil ich bald im Familienunternehmen arbeiten muss», sagte er damals der italienischen Zeitung «Corriere della Sera».

Also setzte er alles auf eine Karte, tauschte den Co-Piloten aus und schloss die Saison mit zwei bemerkenswerten zehnten Plätzen in Finnland und beim Saisonfinale in Wales. Getrieben von dem Erfolg ging Bertelli 2016 ein weiteres Mal in der WRC an den Start – es sollte seine bislang erfolgreichste Saison werden, mit dem besten Ergebnis seiner Karriere in Mexiko (Platz acht) und Platz zehn beim Saisonfinale in Australien.
 

Lorenzo Bertelli an der FWRT Ford Fiesta RS WRC in Frankreich 2016.

E-Commerce und Social Media sind an Prada vorbeigezogen

Doch die familiären Pflichten liessen nicht lange auf sich warten. Und so ist er seither in der WRC nur noch sporadisch zu sehen. Auch seinen Auftritt bei der Rallye Schweden im Februar musste der Italiener kurzfristig absagen. «Aufgrund von unvorhersehbaren und unaufschiebbaren Verpflichtungen an der Arbeit, kann Lorenzo nicht am WM-Lauf teilnehmen», liess sein Team ausrichten.

Denn Lorenzo ist beim Luxuskonzern gefordert, er arbeitet jetzt in Pradas schwächster Ecke: digital. Zu lange hat der Luxuskonzern die Bedeutung des Internets ignoriert, während die Konkurrenz die Macht von E-Commerce und Social Media verstanden hatte und an Prada vorbeigezogen ist. Doch Prada ist erwacht. Mit grossem Aufwand betreibt die Marke nun die Aufholjagd zur Konkurrenz, verlagert ihren Fokus auf Online-Werbung, investiert in E-Commerce und den Aufbau von Portalen.

Leichten Auftrieb verspürt Prada bereits dank des jüngsten Luxusgüter-Booms in China – die Aktie legte seit Anfang Jahr um rund 40 Prozent zu. Der Turnaround von Prada hat begonnen. Mehr Zeit für die Rallye bleibt Lorenzo Bertelli damit auch künftig wohl nicht.