Der Machtkampf wurde mit harten Bandagen geführt. «Das Geschäft mit Rohstoffen ist eine Männerwelt. Ich hatte grosse Mühe, mir Gehör zu verschaffen. Es hat mehr als ein Jahr gedauert, bis ich die nötige Aufmerksamkeit erhielt.» Wenn Margarita Louis-Dreyfus auf die letzten zweieinhalb Jahre zurückblickt, urteilt sie distanziert, fast nüchtern. Den «harten Machtkampf» hat die gebürtige Russin in der Zwischenzeit auf der ganzen Linie gewonnen.

Rückblick. Im Sommer 2009 starb ihr Ehemann Robert Louis-Dreyfus an Krebs (siehe Nebenartikel «Sanierer»). Er war an Leu­kämie erkrankt und hatte ausreichend Zeit, sein Vermächtnis zu regeln: die Nachfolge in seinem Familien­unternehmen, der auf den Handel mit Rohstoffen spezialisierten Louis-Dreyfus-Gruppe. RLD, wie er firmenintern auch genannt wurde, kaufte mit dem von ihm als ­Sanierer diverser Firmen verdienten Geld von anderen Familienmitgliedern Aktien zurück. Das derart geschnürte Paket, das letztlich 61 Prozent an der in Amsterdam domizilierten Louis Dreyfus Holding ausmachte, wurde anschlies­send in die neu gegründete Stiftung Akira ­eingebracht.

Das Präsidium des Stiftungsrats und damit das oberste Amt des Treuhänders übertrug RLD seinem Ziehsohn Jacques Veyrat. Robert Louis-Dreyfus schätzte den 49-jährigen Franzosen mit der sanften Stimme und hob ihn 2008 ins Amt des CEO und Chairman der Unternehmensgruppe. Zusätzlich im Stiftungsrat vertreten waren Erik Maris, einst Bankier bei Lazard Frères, sowie Margarita Louis-Dreyfus. Laut den Statuten darf die Stiftung 99 Jahre lang keine Anteile verkaufen. Damit wollte RLD das von seiner Familie seit 1851 kontrollierte Unternehmen weit über seinen Tod hinaus für seine Söhne erhalten.

Damit hatte auch die Witwe, in An­lehnung an ihren Mann MLD genannt, keinen Zugriff auf das milliardenschwere Vermögen. Damit sie dennoch nicht darben muss, soll sie eine einmalige Zuwendung von 300 Millionen Euro erhalten haben. Doch die gebürtige Russin, die auf Fragen nach ihrem Alter mit «in den Vierzigern» antwortet – sie ist übrigens 49, BILANZ hat es amtlich –, mochte sich nicht mit der Rolle der Mutter und Testamentsvollstreckerin begnügen. Anfangs habe sie nur vereinzelt an Sitzungen in Paris und Genf teilgenommen, sich dann aber immer öfter im Unternehmen blicken lassen. «Zuerst haben wir gedacht, das sei reine Neugier. Erst viel später realisierten wir, dass wir sie völlig unterschätzt hatten», erinnert sich ein damals in diversen Firmen als Verwaltungsrat tätiger Franzose.

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Alles andere als blöd. Russin, schön, blond: Solches scheint insbesondere Männer dazu verleitet zu haben, die St. Petersburgerin nicht ernst zu nehmen. «Dieses Klischee, dass blonde Frauen gerade mal genug Verstand fürs Shoppen und für ein Jetset-Leben haben, ist immer noch weit verbreitet», sagt Madame Louis-Dreyfus gegenüber BILANZ. Eine Haltung, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen weiss. «Viele Männer meinen, dass sie eine Frau ohne weiteres zur Seite schieben können. Eine Nachlässigkeit, die mir schon oft geholfen hat, meine Ideen zu realisieren», meint die Russin, die an­geblich fünf Sprachen spricht.

«Wir haben längere Zeit gar nichts von einem Machtkampf mitbekommen», blickt ein Manager von Louis Dreyfus Commodities (LDC) zurück. Erste Risse traten ein gutes Jahr nach dem Tod des Patrons zutage. Im Herbst 2010 wurde in der Genfer Konzernzentrale lautstark über eine Kooperation zwischen LDC und dem Konkurrenten Olam aus Singapur nachgedacht. «Ich habe keine Gespräche mit Olam geführt», sagt Margarita Louis-Dreyfus heute, mit Betonung des «Ich». Stimmt, die Verhandlungen liefen über das Pult des Konzernchefs Jacques Veyrat, und der vergass ge­flissentlich, sie zu informieren. Als der Franzose dann auch noch öffentlich die Möglichkeit eines Börsengangs antönte, brach der Konflikt offen aus.

Was sich genau zwischen ihm und der Witwe abspielte, will respektive kann niemand beschreiben. Klar ist nur, dass mit härtesten Bandagen gekämpft wurde. Veyrat war eigentlich in der ­stärkeren Position, dafür hat Robert Louis-Dreyfus gesorgt. Umso überraschter war die Branche, als der oberste Chef im Sommer 2011 das Handtuch schmiss. Über die Hintergründe mag er sich nicht äussern. «Es ist mir verboten, darüber zu sprechen», lässt er BILANZ ausrichten. Auch der zweite Stiftungsrat, Erik Maris, nahm seinen Hut. Wie weitere Manager, die teilweise freiwillig, meist aber unfreiwillig gingen.

Heftige Vorwürfe. Margarita Louis-Dreyfus dagegen hat keine Hemmungen, die Gründe für die (erzwungene) Kündigung von Veyrat zu nennen: «Er hielt an einer Firma von Louis Dreyfus eine Beteiligung und geriet damit in einen Interessenkonflikt. Dies entsprach nicht einer guten Corporate Governance und musste geändert werden.» Nun hielt der einst stärkste Mann im Konzern tatsächlich eine Beteiligung, und zwar an Impala, die in diversen Unternehmen, vor allem im Energiewesen, investiert ist. Nur hat Veyrat dieses Asset bereits zu Lebzeiten von ­Robert Louis-Dreyfus gehalten. Auch der Vorwurf an den zweiten Stiftungsrat Maris, er sei in seiner Position als Investment Banker nicht tragbar, vermag zu ­erstaunen. Mit dem Rauswurf der ­beiden hat die Witwe den letzten Willen ihres Mannes nicht geachtet.

Kaum war die Konzernspitze gesäubert, hob MLD ihr genehme Leute in die Top-Positionen. Der neue starke Mann heisst Serge Schoen. Der 44-jährige Franzose wechselte 1999 von der Boston Consulting Group zu Louis Dreyfus; 2005, also noch unter Robert Louis-Dreyfus, übernahm er die Leitung der Rohstoffsparte, der mit Abstand wichtigsten Division (siehe «Nahrhaft» auf dieser Seite). Die Fäden jedoch zieht die schöne Russin aus ihrer Villa in Zollikon am Zürichsee. Sich selbst hat sie zur Präsidentin der Louis Dreyfus Holding in Amsterdam ­gekrönt; die Firma, die vorher nur wenige Angestellte hatte, baut sie seither kräftig aus. «Monatlich bespreche ich mit dem Management alle grösseren Projekte», sagt sie. Und mit Schoen «stehe ich fast täglich in Kontakt». Die Arbeit für das Unternehmen «beansprucht mich mehrere Stunden pro Tag».

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Der Rüffel an Veyrat wegen seiner Kontakte zu Olam hielt die Chefin nicht davon ab, selbst auf Partnersuche zu gehen. Fündig wurde sie am gegenüberliegenden Ufer des Zürichsees, in Rüschlikon, Wohnsitz von Glencore-CEO Ivan Glasenberg. Der Frage, was aus den Gesprächen geworden ist, weicht sie aus, und Charles Watenphul, Glencore-Spezialist für landwirtschaftliche Rohstoffe, lässt ein «No comment» ertönen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Louis-Dreyfus-Gruppe stark wachsen will – vor allem im angestammten Rohstoffhandel. Unter den als ABCD-Gruppe bekannten vier grössten Rohstoffhandelshäusern hält Louis Dreyfus die dritte Position (siehe «ABCD-Check» unter 'Downloads'). 2010 resultierte ein Umsatz von 46 Milliarden Dollar, gleich viel, wie Konkurrent Bunge erzielte. Im vergangenen Jahr allerdings ist Louis Dreyfus weitaus stärker gewachsen, der Handelsumsatz dürfte gut 60 Milliarden erreicht haben. In absehbarer Zeit soll auch der US-­Rohstoffkonzern Archer Daniels Midland (ADM) überrundet werden. Als Gruppe – konsolidierte Zahlen werden nicht bekanntgegeben – hat Louis Dreyfus im Handel mit Rohstoffen und Energie sowie in weiteren Bereichen wohl deutlich über 70 Milliarden erwirtschaftet.

Das künftige Wachstum soll weniger auf der Händler-, dafür auf der Produzentenseite erfolgen. Bis 2050 muss die weltweite Produktion an Nahrungsmitteln verdoppelt werden, um den enorm steigenden Bedarf zu decken. Für Nahrungsmittelproduzenten, aber auch für die Rohstoffhändler bedeutet dies eine nahrhafte Zukunft. «Die Preise von ­Agrarrohstoffen werden sich über die nächsten 10 bis 20 Jahre grossartig entwickeln», prognostiziert der US-Rohstoff­investor Jim Rogers. Doch je mehr die Preise anziehen, desto stärker geraten reine Rohstoffhändler in Schwierigkeiten, weil die Produzenten ihre Produkte vermehrt direkt absetzen wollen.

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Aus diesem Grund verstärkt Louis Dreyfus die Produzentenseite. 2009 wurden für 460 Millionen Dollar 60 Prozent am brasilianischen Zucker- und Ethanolproduzenten Santelisa Vale übernommen. Weitere Investitionen sollen folgen, auch in die Farmland Holding. Doch dazu braucht es eine gehörige Portion an Kapital. Nur lässt sich dieses seit der Bankenkrise nicht mehr so ohne weiteres über Kredite auftreiben.

Zu dieser Situation passt das Gerücht, wonach Credit Suisse sowie J.P. Morgan damit beauftragt worden seien, Pläne für einen Börsengang des Rohstoffhändlers auszuarbeiten. So könne bei Bedarf, heisst es in der Branche, ein IPO innert kürzester Zeit durchgezogen werden, vielleicht schon im Sommer. Der Zeitpunkt jedenfalls wäre nicht schlecht. Zwar ist die Börsenstimmung nicht mehr so gut wie zu Jahresbeginn, doch Aktien von Agrarrohstoffhändlern liegen im Trend; die ADM-Valoren haben über die letzten sechs Monate 30 Prozent an Wert zugelegt.

Keine Finanztransaktion geplant. «Zurzeit geht es Louis Dreyfus Commodities als Privatunternehmen aus­gezeichnet, und wir wollen keine Finanztransaktion durchführen», verneint Margarita Louis-Dreyfus IPO-Pläne. Das Management hat denn auch einige ­Devestitionen vorgenommen, die Kasse ist gut gefüllt. Das kann sich jedoch rasch ändern.

Die Familienstiftung Akira hält an der Louis Dreyfus Holding 61 Prozent, der Rest befindet sich in Händen der beiden Schwestern sowie zwei Cousins von ­Robert Louis-Dreyfus. Dieser hat bei ­Errichtung der Stiftung seinen Verwandten die Option eingeräumt, ihre Anteile ab Anfang 2012 an Akira oder den ­Konzern verkaufen zu können. Angeblich ist das Verhältnis der Russin zu ihren ­angeheirateten Verwandten nicht das beste: Seit der Säuberungsaktion von MLD bei Akira scheinen sie ihr nicht mehr zu trauen.

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Der Rückkauf der Aktien ist eine ­kapitalintensive Angelegenheit. LDC ist, wenn man übliche Bewertungsmass­stäbe von Finanzanalysten anwendet, etwa 9 Milliarden Dollar wert. Das Management hält 20 Prozent, die Beteiligung der Holding ist demnach etwa 7,2 Milliarden wert. Die weiteren Aktivitäten sind mit einem Wert von grob geschätzt 1,8 Milliarden zu veranschlagen. Für den Auskauf der Verwandtschaft müsste Akira respektive das Unternehmen also 3,5 Milliarden aufwenden. Das liesse sich finanzieren; nur fehlte dann Cash für weitere Akquisitionen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Margarita Louis-Dreyfus befasst sich wohl mit einem Börsengang. Auch wenn das nicht im Sinne ihres verstorbenen Mannes wäre. Ob Louis Dreyfus Commodities oder die brasilianischen Aktivitäten für ein Going public herhalten müssen, bleibt abzuwarten. Die Mitarbeiter in Genf drängen auf ein IPO der Rohstoffhandelsfirma: Nach dem Beispiel von Glencore möchten auch sie ihre Anteile versilbern.

Die Chefin geht sowieso ihren eigenen Weg. Dabei umgibt sie sich gerne mit der Aura der Geheimnisvollen. Viel dazu ­beigetragen hat die von ihr fast liebevoll gepflegte Geschichte ihrer Herkunft. ­Geboren in St. Petersburg als Margarita Bogdanova, starben ihre Eltern bei einem Zugunglück, als sie sieben Jahre alt war. Die Vollwaise wuchs bei ihrem Grossvater auf, einem Chemiker. Mit 18 – oder auch einige Jahre älter – emigrierte sie in die Schweiz und arbeitete bei einer Import-Export-Firma. Auf einem Flug von Zürich nach London lernte sie ihren späteren Mann kennen, eben den Milliardär Robert Louis-Dreyfus. Er zeigte ihr Fotos von seinen Hunden, etwas später zog sie bei ihm ein. Es folgten, so MLD, 20 glückliche Jahre.

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Über Robert Louis-Dreyfus kam MLD zum Sport – wenn auch nicht freiwillig. Der Fussballverrückte übernahm 1996 am vom ehemaligen Präsidenten Bernard Tapie an den Rand des Abgrunds gewirtschafteten Kickerverein Olympique Marseille die Mehrheit und schoss einige hundert Millionen Euro ein. Nach seinem Tod bekräftigte die Witwe, sie habe Robert versprochen, alles in seinem Sinne weiterzuführen. Ja sie liess sich sogar vom Fussballvirus anstecken und wird zusammen mit ihren Söhnen auf den Zuschauerrängen gesehen, die Vereinsschärpe mit dem verschlungenen OM-Logo um den Hals.

Bislang hat sie kräftig nachgezahlt. Doch der Verein ist ein Fass ohne Boden – und wenig erfolgreich. Schon früh hat sie im Management aufgeräumt, sogar Präsident Jean-Claude Dassier wurde aussortiert. Er und andere haben die «blonde Zarin», wie sie in der Presse schon genannt wurde, unterschätzt. Ihre Botschaft an Trainer und Spieler ist klar: kein Erfolg, kein Geld. Ja sogar den Verkauf des Traditionsvereins will sie nicht ausschliessen, Andenken an ihren Mann hin oder her.

Später sollen die Söhne ran. Solche Drohungen werden in Marseille durchaus ernst genommen. Denn dass die Wahlschweizerin nicht lange fackelt, hat sie längst unter Beweis gestellt. Auch im Fussballgeschäft: Als sie mit den Leistungen des belgischen Fussballklubs Standard Lüttich nicht mehr zufrieden war, verscherbelte sie die noch von ­Robert erworbene Mehrheit für rund 30 Millionen Euro.

Gehen die Wünsche der Mama in ­Erfüllung, wird eines Tages wieder ein männlicher Louis-Dreyfus die Zügel des Rohstoffhandelskonzerns führen. «Es wäre schön, wenn einst einer meiner Söhne die Gruppe leiten würde», gesteht sie. Druck machen will sie nicht, «sie sollen sich frei entscheiden können. Wichtiger ist für mich, dass meine Kinder die Vision ihres Vaters nicht vergessen und sich ihrer Verpflichtung gegenüber dem Unternehmen bewusst sind.»

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Es wird sowieso noch Jahre dauern, bis einer der drei Söhne aus eigener Kraft im Chefsessel Platz nehmen kann. Eric, der Älteste, zählt 19 Jahre; er hat bereits am Job des Rohstoffhändlers geschnuppert – bei Glencore. Die 14-jährigen Zwillinge Maurice und Kyril sind in Singapur in einem Internat, «um die neue Welt zu entdecken», wie ihre Mutter stolz berichtet. Eine Schule fürs Leben – schliesslich sind die Asiaten die besten Kunden des Familienunternehmens.

So bleibt Margarita Louis-Dreyfus nichts anderes übrig, als einen grossen Teil ihres Lebens dem Herumreisen zu opfern. «Meine Zeit verbringe ich zwischen Singapur, Davos, Genf, Paris und Amsterdam.»