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Lümmeln in der Ergonomie

Der Mensch ist nicht zum Stillhalten geschaffen, doch langes Sitzen ist in der modernen Welt nicht vermeidbar. Ergonomisch geformte Sitzmöbel ermöglichen deshalb Bewegung und Variation und halten so K

Von Esther Bollmann
am 26.11.2002

Orangenschale ist gesund

Die Industriegesellschaften sind zu «sitzenden» Kulturen geworden: Sitzen beim Frühstück, Sitzen in den Verkehrsmitteln, Sitzen beim Arbeiten, Sitzen in der Freizeit, beim Fernsehen ­ Sitzen, Sitzen, Sitzen... Diese Tätigkeit lässt sich ganz offensichtlich im modernen Leben nicht vermeiden, obwohl der menschliche Körper eigentlich für eine lange, starre Haltung gar nicht geschaffen ist. Was tun?

Ganz einfach: «Movement» ist angesagt, denn im Grunde genommen gibt es keine «richtige» bzw. «falsche» Sitzhaltung. Vielmehr ist die Bewegung und ihre Variation von entscheidender Bedeutung, um so abwechslungsweise verschiedene Muskeln bzw. Gelenke zu be- und entlasten. Die Ergonomie-Fachleute raten somit zur ständigen Bewegung am Arbeitsplatz, zur so genannten «Sitz-Steh-Dynamik» ­ einem permanenten Wechsel der Körperhaltungen, um auf die Dauer Verschleisserscheinungen und Schmerzen vorzubeugen. Auch die Beine sollten im Idealfall aktiviert und ins Sitzen integriert werden, nicht einfach schlaff unter dem Tisch abhängen.

Gut für Körper und Geist ist ebenfalls ein steter Wechsel zwischen Schreibtisch und Stehpult, wie ihn der Dichterfürst Goethe schon kultiviert hat. Und so erstaunt es nicht, dass heute der «Zweig der Arbeitswissenschaft, der sich mit den Leistungsmöglichkeiten, den Arbeitsbedingungen und der Arbeitsplatzgestaltung des arbeitenden Menschen befasst», wie es etwas kompliziert im Lexikon heisst, boomt und dies bereits seit langem.

Unkonventionelle Sitzlösungen

Vor allem in Skandinavien, wo nicht nur extrem viel ergonomische Möbel hergestellt werden, sondern auch das meiste Geld für deren Erforschung und für Arbeitsschutzmassnahmen ausgegeben wird. Im übrigen Europa erwachte allerdings erst Anfang der 90er Jahre das Interesse an rückenschonenden Arbeits- und Freizeitmöbeln. Seine eigenen Vorstellungen vom Sitzen hat denn auch der Norweger Peter Opsvik ­ einer der erfolgreichsten, freischaffenden Möbeldesigner Skandinaviens ­ entwickelt: Er bemüht sich schon seit den späten 70er Jahren, die stereotypen Sitzgewohnheiten mit seinen unkonventionellen Lösungen zu überwinden. «Wir können stundenlang dahinwandern, aber wir werden nach wenigen Minuten müde, wenn wir still stehen müssen,» meint der Designer. Sprachs und schuf Möbel für ein bewegtes Sitzen. Peter Opsvik hat Langeweile immer gehasst. Möbel ohne Bewegung schienen ihm von Anfang an uninteressant und unnatürlich. Aus diesem Grund sind sämtliche Sessel, die er entwirft, immer für Überraschungen und Innovationen gut ­ im Aussehen, vor allem aber in der Nutzung. Seine Sitzmöbel passen sich den Menschen an, nie ist es umgekehrt. In ihnen kann, darf und soll man sich frei bewegen, wie man will. Seine Möbel sollen Bewegung zulassen und anspruchsvoll im Design sein. Über letzteres befragt, meinte der Entwerfer: «Es machte für mich keinen Sinn, weitere Varianten skandinavischer Designmöbel zu schaffen. Es gab schon genug qualitativ hochwertige Erzeugnisse.

So fokussiere ich einerseits auf rationale und ergonomische Aspekte und berücksichtige die Bedürfnisse des menschlichen Körpers, andererseits jedoch auch auf Objekte, bei denen der Ausdruck das wichtigste Kriterium ist. Meine rationalen, ergonomischen Produkte erlauben dem menschlichen Körper, sich zu bewegen.» Und so entstand sein erstes, erfolgreiches Produkt, der «Tripp Trapp» ­ ein überaus robuster und langlebiger Kinderstuhl, der «mitwächst», sowie die in ihren Anfängen als «bizarre Ungeheuer» bestaunten «Balans»-Stühle. Später und auch heute noch folgten bzw. folgen noch andere Aufsehen erregende Kreationen.

Immer jedoch widmet sich Peter Opsvik voll und ganz der Formgebung, deren wichtigste Eigenschaft es ist, den Benutzer zum dynamischen Gebrauch seines Körpers anzuregen: «Als Industriedesigner versuche ich stets, das Sitzen so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. In der Art des mit offenem Winkel ist der Idealfall des Stehens nahezu nachgebildet und die geringstmögliche Belastung der Bandscheiben gewährleistet.» Ein weiterer Vorteil besteht auch in der Tatsache, dass durch die erwähnte Körperhaltung die inneren Organe nicht eingeengt und so in ihrer Funktion auch nicht beeinträchtigt werden. Eines der auffälligsten Merkmale von Opsviks Werke sind zudem unter anderen die Kufen, mit denen viele seiner Sitzmöbel ausgestattet sind.

Sie ermöglichen eine übergangslose Verlagerung der Sitzebenen und weisen, je nach Design, einen entsprechenden breiteren Spielraum für unterschiedlichste Sitzpositionen auf. Opsviks Stühle regen allerdings nicht nur den Körper an, sondern sie setzen auch den Geist in Bewegung.

So entwirft der stets vorausdenkende, ganzheitlich orientierte Designer ergonomisch perfekt der menschlichen Gestalt nachempfundene Sitzgelegenheiten, die jeweils in enger Zusammenarbeit mit renommierten Herstellern, wie beispielsweise Stokke, entstehen. Das 1932 in Norwegen gegründete Möbeldesign-Unternehmen ist seit 1988 auch in der Schweiz vertreten und wird durch mehr als siebzig Fachhändler repräsentiert.

Peter Opsvik erhielt für seine Aufsehen erregenden Werke im Laufe der Jahre viele Preise ­ in Deutschland, Norwegen und Schweden. Er war mit seinen Designlösungen nicht nur auf unzähligen Möbelmessen vertreten, sondern bestritt auch mehrere Dutzend Einzel- und Gruppenausstellungen. Und ­ last but not least ­ hat sich der Entwerfer auch als Jazzmusiker einen Namen gemacht. Der Künstler lebt und arbeitet in Oslo, wo er mit mehreren Mitarbeitern im eigenen Studio tätig ist.

Erika Rudolph und die Kufologie

Auch Erika Rudolph, eine in Norwegen lebende Motivations- und Gesundheitstrainerin, widmet sich dem Thema «Bewegung und Variation», worüber sie individuelle Seminare für Menschen hält, die daran interessiert sind. Eines ihrer Lieblingsthemen ist die so genannte «Kufologie», mit der sie sich schon seit 1980 beschäftigt, wobei ihre Studien bis zum Embryo zurückführten.

Eine schwangere Frau spürt sehr deutlich, dass ­ wenn sie in Bewegung ist ­, das Kind im Mutterleib sehr ruhig ist. Ruht die werdende Mutter in der liegenden Position, bewegt sich das Baby. Und wenn es geboren wird, greifen immer mehr Eltern wieder auf die altbewährte Wiege zurück. Weint es, so wird es liebevoll hochgenommen und in den Armen gewiegt ­ und wieder stimuliert Bewegung positiv. Kommt das Kind in den Kindergarten, so wird es zum Stillsitzen erzogen. Selbst als Erwachsener weiss man, wie schön und entspannend das Sitzen im beliebten, klassischen, sanft sich hin- und herbewegenden Schaukelstuhl ist. Die Wissenschaft hat ebenfalls längst erkannt, wie positiv sich die Funktion der Bewegung auf das Gehirn auswirkt, denn wie sagt Erika Rudolph? «In meiner beratenden Tätigkeit und in Vorträgen mache ich seit Jahren die Erfahrung, dass Personen, die auf Kufenstühlen sitzen, kreativer sind, dass sie schneller kommunizieren und dass sie besser hinhören.» Oder anders ausgedrückt: «Dynamisches Sitzen fördert die Kreativität, das Bewusstsein und die Flexibilität!»

Die Orange als Vorbild

«In der Bewegung liegt die Kraft», heisst somit eine Grundmaxime ­ egal, ob Kufen oder Stahlfedern oder Kippgelenke dafür sorgen. Und genau diesem Grundsatz wird auch die neueste Kreation des norwegischen Designers Olav Eld¿y gerecht ­ diesmal allerdings ohne Kufen. Als der Entwerfer den Verantwortlichen von Stokke seine Idee das erste Mal präsentierte, legte er einfach eine Orangenschale vor ihnen auf den Tisch und sagte ­ nichts. Wieso? Ganze einfach: Eine Schale ist perfekt ihrem Zweck angepasst und spricht durch ihre Optik für sich: Sie schützt, «umarmt» und behütet den Inhalt, die Frucht. Und schon kann der Betrachter von «Peel(tm)» die Basisfunktion dieses neuen Sitzmöbels erkennen, das in seiner Form und Funktion wirklich einer Orangenschale ähnelt. «Der Sitzende soll sich in der Schale geborgen fühlen und ohne Kraftaufwand seine Positionen ändern können», meint sein Designer Olav Eld¿y, der an der Kunsthandwerkschule in Bergen Möbeldesign und Innenarchitektur studiert hat.

So lässt sich das Entspannen kreativ gestalten und in der garantiert gewünschten Richtung nutzen ­ zum Fernsehen, Lesen oder einfach nur zum Träumen. Für ein entspanntes, freies Sitzen sorgen ein halb offenes Rückenpolster sowie eine Nackenstütze, die in der Höhe verstellt werden kann. Durch Fixierung des Sitzwinkels wird zusätzlich ein Nach-vorn-Rutschen des Körpers verhindert und ein ergonomisch richtiges Sitzen gefördert. Das ermöglicht auch zierlichen Personen einen uneingeschränkten Sitzkomfort. Ein separater Hocker sorgt für die Entspannung der Beine, wahlweise können diese aufgelegt oder an dessen schräger Polsterseite abgestützt werden.

Aufgewachsen an der Westküste Norwegens, weiss Olav Eld¿y von der Inspiration, die die Nähe zum Meer und zur Natur zwangsläufig auf das Design ausübt. «Aus dieser Sicht», so der Möbelschaffende, «ist es mir unmöglich, nur gerade und quadratische Formen zu schaffen.» Doch mit seinem neuen Stuhl hat der Designer nur eine seiner vielen Inspirationen zum Ausdruck gebracht ­ eine optisch eindrucksvolle Orangenschale, in der sich bequem lümmeln lässt und die wohl gerade deswegen an der diesjährigen Internationalen Möbelmesse in Köln beim Fachpublikum so grosse Furore gemacht hat: Denn der Sessel liegt voll im aktuellen Lounging-Trend und hat alles, was es braucht, um zu einem Klassiker zu avancieren.

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