Dem gnadenlosen Preiskampf unter den Airlines mussten auch die Zulieferer ihren Tribut zollen», erklärt Benno Winkler von der Fachgruppe «Luftfahrttechnik» der Swissmem. Er schätzt, dass der Umsatz in der Luftfahrt-Zuliefererindustrie nach drastischen Einbussen in den Vorjahren auch 2003 nochmals um 20% geschrumpft ist, auf 700 Mio Fr. Federn lassen mussten mehr oder weniger alle, auch der Rüstungskonzern Ruag. Er ist mit dem Bereich Aerospace der grösste Schweizer Luftfahrt-Zulieferer. Die Konjunkturflaute, die Talfahrt des Dollars und das sinkende Auftragsvolumen durch das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport machten ihm schwer zu schaffen. Am wichtigsten Standort in Emmen wurden weitere Stellen gestrichen. «Die Luft- und Raumfahrtindustrie konnte sich nicht im erhofften Umfang erholen», begründet CEO Toni Wicki. Dank ihrer breiten Abstützung, die von der Produktion von Bauteilen für Airbus A380 und Boeing 717, Lenkwaffen und Luftabwehrsystemen bis zum Unterhalt von Flugzeugen und Helikoptern reicht, konnte die Ruag Aerospace aber im schwierigen Umfeld den Schaden begrenzen. Rund die Hälfte des geschätzten Umsatzes von 500 Mio Fr. setzt der Bereich Aerospace als Zulieferer um.

Schlechter erging es hingegen der Alu Menziken, die für zivile Flugzeuge speziell harte Aluminiumteile fertigt. Sie konnte den Krebsgang trotz massivem Abbau nicht bremsen. Innerhalb von drei Jahren ist der Umsatz von über 400 Mio Fr. auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Statt 1300 beschäftigt das Familienunternehmen nur noch rund 850 Mitarbeiter.

Schlankheitskuren und Chefwechsel

Auf schwierige Jahre blickt auch die Lantal Textiles in Langenthal zurück. Immerhin ist aber der Umsatz, der noch 2002 um ein Viertel auf 90 Mio Fr. zurückging, im letzten Jahr nicht weiter eingebrochen. Für negative Schlagzeilen sorgte aber der Abbau von 50 Stellen.

Schlankheitskuren waren also angesagt. Weiteres Medikament gegen die Krise: Bei der Lantal Textiles wurde mit Urs Rickenbacher ein neuer CEO geholt, der der Firma wieder Schwung verleihen soll. Er will die Geschäfte künftig auf die gesamte Transportindustrie fokussieren. Zum Risikoausgleich sollen Busse, Bahnen und Schiffe stärker forciert werden. Trotzdem bleibt die Luftfahrt der Kernbereich. Die Langenthaler haben sich hier mit einem Anteil von 60% bei den Bezugsstoffen und 30% bei den Teppichen sowie einem Kundennetz mit rund 300 Airlines als globaler Marktleader behauptet.

Bei der Alu Menziken trat mit dem Österreicher Markus Stainer vor vier Monaten ebenfalls ein Neuer an die Spitze. Nach mehreren verlustreichen Jahren soll er 2004 den Turnaround schaffen. «Wir haben die Talsohle erreicht», sagt Firmensprecher Robert Cathomas. Die Sparte Luftfahrt, die ein Drittel der Geschäfte ausmacht, habe sogar wieder leicht angezogen, nicht zuletzt dank einem neuen Auftrag für den Airbus A380. Mit der Injecta Druckguss AG ist kürzlich eine weitere Tochter verkauft worden. Rückbesinnung aufs Kerngeschäft, lautet also ein weiteres Krisenrezept. Dazu passt die Investition in den USA in eine neue schwere Presse, mit der wichtige Teile für Flugzeugflügel produziert werden können.

Ruag auf Einkaufstour

Eine andere Strategie, um das Ruder herumzureissen, wählte Ruag Aerospace. Sie ging auf Einkaufstour. Der Umsatz 2003 konnte so kräftig auf 1221 Mio Fr. gesteigert werden, vor allem dank den beiden deutschen Töchtern, die man aus der insolventen Fairchild Dornier übernehmen konnte. In der Schweiz wurden mit der HTS in Wallisellen und der Mecanex SA in Nyon zwei Zulieferer für die zivile Luftfahrt, mit der ASB in Belp ein Servicebetrieb und mit der Derendinger & Cie SA in Genf ein Spezialist für die mechanische Bearbeitung von komplexen Flugzeugteilen übernommen. Ruag Aerospace umfasst inzwischen mit ihren knapp 2500 Beschäftigten zehn Firmen in drei Ländern, die zum Gesamtumsatz mehr als einen Drittel beitragen.

Was die Zukunft der Branche betrifft, so ortet Swissmem-Vertreter Winkler positive Signale. Er warnt aber vor Euphorie: «Die Hersteller haben zwar verschiedene neue Flugzeugtypen in der Pipeline, aber eine längere Dollarbaisse könnte viele Zulieferer schnell wieder um die Früchte ihrer Arbeit bringen.» Abgerechnet wird nämlich, ob in den USA oder in Europa, immer in Dollar. Leicht optimistisch gibt sich auch Wicki, der schon Ende 2003 «gewisse Aufhellungen» und einen Auftragsbestand in der Grösse eines Jahresumsatzes registrierte.

Auch bei Lantal Textiles sind zuversichtliche Töne zu hören. «Falls nichts Ausserordentliches passiert, erholt sich die Luftfahrt, und wir hoffen, gezielt neue Mitarbeitende einstellen zu können», sagt Marketingleiterin Daniela Grunder. Den ganz grossen Schub erwartet sie aber erst für 2005. «Viele Airlines haben mit Neuausstattungen ihrer Flugzeuge lange zugewartet und müssen spätestens im nächsten Jahr nachrüsten.» Dabei glauben die innovativen Oberaargauer, mit der neusten Generation von Leichtgewichtstextilien die besten Karten in den Händen zu haben.


Die grössten Schweizer Zulieferer (in Mio Fr.):

Gesamtumsatz Zulieferanteil Mitarbeiter

Ruag Aerospace * 500 * 250 2475

Alu Menziken 180 60 850

Lantal 90 65 400

*Schätzungen «HandelsZeitung»
Quelle: Firmenangaben


Nischenplayer: Kleine Zulieferer sind bereits im Aufwind

Dass hinter den positiven Prognosen für die Luftfahrt mehr als blosser Zweckoptimismus stecken könnte, beweisen ein paar kleinere Zulieferer. Thomas W. Jung, CEO der Acutronic in Bubikon, die Bewegungssimulatoren und Testgeräte für Navigationsinstrumente fabriziert, erklärt: «Die Ertragssituation hat sich merklich entspannt.» Schon im letzten Jahr registrierte er wieder leichtes Wachstum. Jetzt sind die Auftragsbücher so voll, dass sogar wieder neue Mitarbeiter eingestellt werden müssen. Jung gewinnt der überstandenen Krise auch positive Seiten ab. «Das Sicherheitsbedürfnis in der Luftfahrt steigt weiter, was gerade für innovative Firmen im Bereich etwa von Biometrie und Scanning neue Chancen eröffnet.»

Das bestätigt Rudolf Iten, Marketingdirektor der Revue Thommen AG in Waldenburg BL. «Die Terrorgefahren haben Umrüstungen zur Folge und unser Geschäft positiv beeinflusst», sagt er. Der Spezialist für mechanische und elektronische Instrumente, der vier Fünftel seiner Geschäfte in den USA tätigt und 2003 mit der Luftfahrtsparte 11 Mio Fr. umsetzte, kann sich gegenwärtig der Aufträge kaum erwehren. «Wir haben Kapazitätsengpässe und grosse Mühe, die Produktion noch zu steigern», so Iten. Der Hauptgrund für diese Situation: Die Baselbieter werden von den Amerikanern benötigt, um die Cockpits älterer Flugzeuge, die jetzt plötzlich wieder für die Überwachung gebraucht werden, umzurüsten. Die Terrorismus-Angst kann also, wie dieses Beispiel beweist, in bestimmten Nischen geradezu zu einer Hochkonjunktur führen.

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