Die in Europa im Einsatz stehenden Flugzeuge sind zu klein, um palettisierte Fracht zu befördern. Derartige Sendungen aus Übersee reisen deshalb nach Ankunft an einem der grossen europäischen Drehkreuze wie Frankfurt, Amsterdam oder Paris zumeist auf der Strasse quer durch den Kontinent - über die Alpen auch auf der Schiene. Dies ermöglichen die Rollenden Autobahnen (Rola) der RAlpin AG zwischen Freiburg im Breisgau und Novara sowie von Ökombi über den Brenner.

Frankfurt, Rhein-Main Flughafen, Montagmorgen, halb sechs: Noch ist es relativ ruhig an Europas grösstem Luftfrachtdrehkreuz. Allerdings geht es in den Frachthallen bereits hektisch zu und her. Die über Nacht von den dreistrahligen MD-11-Cargo-Frachtern aus aller Welt angelieferten Sendungen werden für die Weiterbeförderung in alle Himmelsrichtungen gruppiert. Nach Erledigung der Formalitäten für seinen Lufthansa-Luftfracht-Ersatzkurs LH 7538 dockt Lastwagenfahrer Karlheinz Fichtner seinen Sattelschlepper der auf Luftfrachtersatzverkehre spezialisierten Georgi Transporte, Burbach (D), an die mobile Beladebühne unweit des Rollfelds an. Sie bewegt horizontal und vertikal zentimetergenau die Flugzeug-Paletten auf die Höhe des Lastwagenbodens und schiebt sie dann ins Fahrzeug. Hier gleiten sie über die eingelassen Rollen ohne grossen Widerstand weiter. Jeweils vier Luftfrachtpaletten passen in einen 16 m langen Sattelschlepper. Die Plane runter - und los gehts auf der Autobahn Richtung Süden mit Ziel Florenz.

Stellplätze gesichert

Das Strassensignal «Lastwagenverlad» erscheint erstmals auf dem Autobahnzubringer nach Freiburg im Breisgau. Von hier aus sind es nur wenige Minuten in den Wartebereich des RAlpin-Terminals. Die Disponenten von Lufthansa Cargo und Georgi haben auf einer Reihe von Rolas fixe Stellplätze für den Luftfrachtersatzverkehr durch die Alpen gebucht. So stellen sie für ihre Ladungen sicher, auch bei hohem Verkehrsaufkommen transportiert zu werden. Zwar verkehren die Züge pro Richtung bis zu elf Mal täglich mit 20 Tragwagen, doch das genügt besonders in der Wochenmitte und nachts oft nicht mehr: «Wir hegen Pläne, mit je 25 Strassensendungen pro Zug zu fahren», bestätigt René Dancet, Geschäftsführer der RAlpin, die Entwicklung. «Doch dazu muss die Schieneninfrastruktur auf dem italienischen Streckenabschnitt ausgebaut werden. Zudem benötigen wir mehr Liegeplätze für die Fahrer in den Begleitwagen.»

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Nach der Fahrt über die Waage - maximal 44 t sind zugelassen - und durch den Profilbogen (bis 4 m Eckhöhe passen) fährt Fichtner über die Rampe direkt auf den Zug. 450 m im Schritttempo, bis er seine Position direkt hinter dem Begleitwagen erreicht. Luft aus der Federung ablassen, Antennen einziehen, Räder verkeilen und Schlafutensilien packen. Ab gehts in den Begleitwagen mit Liegeabteilen und einem Aufenthaltsraum mit Küche. Pünktlich um 13.23 Uhr fährt der Zug ab, an der Spitze eine Lokomotive von SBB Cargo Deutschland. Die Fahrt an Bord der Rola zählt als Ruhezeit. Nach Ankunft in Novara gehts sofort weiter.

Schlafend durch die Alpen

Während dem die Fahrer ruhen, gibt es in Weil am Rhein einen Lok- und Richtungswechsel. Nun zieht eine Maschine der BLS Cargo den RAlpin-Zug bis nach Domodossola. Nonstop geht es über die Grenze bei der Basler Rheinbrücke: Transporte auf der Rola sind reiner EU-EU Verkehr von Deutschland nach Italien und umgekehrt, sie machen somit am Zoll keinen Halt. Über die Gleisdreiecke in Basel und Bern vermeidet die Rola Spitzkehren und erreicht Frutigen nahezu ohne Unterbruch. Hier ist Lokomotivführerwechsel angesagt, und es besteht Pufferzeit, um das vorgesehene Trassee durch den Lötschberg-Basistunnel präzis zu befahren.

Vor der Eröffnung des zurzeit mit rund 35 km längsten Alpentunnels hätte man für die Fahrt durch den Scheiteltunnel auf knapp 1200 m. ü. M. über Meer eine zweite Lokomotive vorspannen müssen, heute entfällt der Zusatzaufwand. Mit Tempo 100 geht es durch die erste Alpenkette, kurz darauf durch die zweite im Simplontunnel.

Direkt nach Süden

Für die relativ kurze Distanz von der Grenze Domodossola in den Zielterminal Novara braucht die Rola noch drei Stunden. Die Strecke ist einspurig und kurvig, was nur eine verhältnismässig geringe Geschwindigkeit erlaubt. Im speziell für die Rola gebauten Terminal etwas ausserhalb der Stadt entlädt Fichtner seinen Luftfrachtlastenzug als Erster. Ein letzes Winken - und weg ist er auf der A50, der A4 und schliesslich auf der A1, Autostrada del Sole. Im Logistikzentrum der Firma Freschi Schiavone in Sesto Fiorentino kommt er frühmorgens an. Hier entlädt er seine vier «Flugzeug»-Paletten. Die einzelnen Päckchen und Pakete werden den Empfängern in Süditalien auf der Strasse zugestellt.

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