Der CEO der Lufthansa, Wolfgang Mayrhuber, weist alle Spekulationen über eine bevorstehende Akquisition von sich. Und sein Finanzkollege Karl-Ludwig Kley wird nicht müde, den Investoren zu erklären, wofür die Lufthansa die Kapitalspritze von 750 Mio Euro nutzen will. Das Geld soll in neue Flugzeuge für den Interkontinentalverkehr und die dafür benötigte Infrastruktur gesteckt werden. Und nicht in den Kauf der Swiss.

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Allein die Anschaffung der 15 neuen Grossraumflugzeuge vom Typ Airbus A380 wird von 2006 an mindestens 2,6 Mrd Euro kosten. Hinzu kommen eine neue Wartungshalle und weitere bauliche Massnahmen, sodass sich der In-vestitionsbedarf bis zum Jahr 2006 insgesamt auf 4,7 Mrd Euro belaufen wird. Darüber hinaus, so versichern Mayrhuber und Kley, sei nichts geplant.

Dennoch rätseln die Experten über den Sinn dieser Kapitalerhöhung, die bis zum 16. Juni abgeschlossen sein soll. Die Lufthansa hätte angesichts ihrer Liquidität diese Investitionen problemlos anders finanzieren können, meint etwa Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. «Ausserdem fallen die Netto-Ausgaben gar noch tiefer aus als geplant. Denn im Gegenzug zur Anschaffung der Grossraum-Airbusse werden andere Flugzeuge nicht gekauft», so Metzler.

«Türe nicht abgeschlossen»

Warum also hat die Lufthansa trotz des derzeit ungünstigen Börsenumfelds einen so frühzeitigen Vorratsbeschluss gefasst, fragen sich die Analysten. Die Antwort liegt für sie auf der Hand. Die deutsche Fluggesellschaft, die zu den führenden der Branche gehört, hat sich damit ein Reservepolster für die anstehende Branchenkonsolidierung aufgebaut, meint zum Beispiel die Zürcher Kantonalbank. Und die Schweizer Analysten denken dabei natürlich in erster Linie an die Swiss, wo künftig mit Christoph Franz ein ehemaliger Lufthansa-Manager das Ruder in der Hand hat.

Die Absage der Swiss an das One-World-Bündnis rund um British Airways gilt für viele Experten als sicherer Beweis dafür, dass die Lufthansa nach dem Korb im vergangenen Herbst nun wieder im Rennen ist. Wolfgang Mayrhuber, bei dem Franz einst im Sanierungsteam der Lufthansa mitarbeitete, betont dennoch, dass dies derzeit kein Thema sei. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass damals der Swiss-Verwaltungsrat die Tür zugeschlagen habe «aber wir haben den Schlüssel nicht umgedreht».

Nettoverschuldung inschwierigen Zeiten gesenkt

Was auch immer hinter der Kapitalaufstockung um 20% steckt, die Resonanz auf die Massnahme fiel nach der ersten Überraschung durchwegs positiv aus. Zwar wird damit der Gewinn für die bisherigen Aktionäre verwässert, doch überwiegen bei den meisten Beobachtern die langfristig positiven Effekte. Denn die Lufthansa ist nach der Kapitalerhöhung deutlich besser ausstaffiert. In einer Zeit, in der die Luftfahrtbranche immer mit negativen Überraschungen rechnen muss, sei eine solide Finanzbasis ein wichtiges Plus, meint etwa die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Genau dies ist auch die Ansicht von Lufthansa-Finanzchef Kley. Er hat selbst in dem schwierigen Jahr 2003, das für die Airline mit einem Verlust von knapp 1 Mrd Euro endete, darauf gedrängt, die Nettoverschuldung weiter zu senken. Christian Götz von der LBBW weist darauf hin, dass die Lufthansa dank ihrer Finanzausstattung alle Möglichkeiten habe, um am künftigen Wachstum im Interkontinentalverkehr teilzunehmen.

Der Flugzeughersteller Airbus etwa erwartet für den Zeitraum 2000 bis 2020 ein durchschnittliches Wachstum der Passagierkilometer weltweit von 5% pro Jahr. Daher sei der aktuelle Aktienkurs für die Lufthansa nicht entscheidend, betonen die Analysten der Stadtsparkasse Köln. Einig sind sich die Experten zwar, dass die Kapitalerhöhung für eine gewisse Zeit belastend auf den Kurs wirken wird. Sie rechnen damit, dass sich der Kurs der alten (11,40 Euro) auf den Kurs der neuen Aktien (9,85 Euro) zubewegen wird. Langfristig aber habe die Lufthansa-Aktie Potenzial nach oben, heisst es in den meisten Research-Abteilungen der Banken. Die wirtschaftliche Erholung spiegle sich noch nicht im Kurs.

Denn: Das Unternehmen hat in den vergangenen Monaten die Kosten drastisch gesenkt. Gleichzeitig hat sich das Passagier- und Frachtgeschäft erholt. Die hohen Rohölpreise belasten die Lufthansa deutlich weniger als viele ihrer Konkurrenten, da das Unternehmen seinen Bedarf für das laufende Jahr bereits zu 80% zu einem Preis von 25 Dollar je Barrel abgesichert hat. Auch ein Viertel des Treibstoffbedarfs für das kommende Jahr ist schon durch entsprechende Verträge gesichert.

Ausserdem könne die Lufthansa höhere Kerosinkosten durch Massnahmen wie etwa Ticket-Zuschläge ausgleichen, meint die Landesbank Rheinland-Pfalz. Alles in allem fällt das Urteil der meisten Analysten für die Lufthansa positiv aus. Die Kapitalerhöhung werde dazu dienen, die gute Marktstellung als Netzwerk-Carrier zu verstärken, glaubt die LBBW. Dennoch erwartet man für die nähere Zeit keine Höhenflüge der Lufthansa-Aktie, sondern eher eine zyklische Auf- und Abwärtsbewegung. Die Landesbank Rheinland-Pfalz ist mit einem Kursziel von 14 Euro eher am oberen Ende der Analystenschätzungen, andere sehen den «fairen» Wert der Lufthansa-Aktie dagegen nur bei 10,80 Euro. Damit befindet sich der Kurs im gleichen Korridor wie in den vergangenen zwei Jahren, als er zwischen einem Hoch von über 15 Euro und einem Tief von unter sieben Euro pendelte.

Lufthansa in Millionen Euro

2002 2003 2004E 2005E

Umsatz 16971 15957 17400 18100

Betriebsgewinn (Ebit) 1367 444 948 1020

Umsatzrendite (in %) 8.1 5.4 5.6

Reingewinn 717 -984 346 398

Gewinn pro Aktie (in Fr.) 1.88 2.58 0.76 0.87

KGV 6 15 13

Dividende (in Fr.) 0.60 0.30 0.35
E = geschätzt; KGV = Kurs-Gewinn-Verhältnis
Quelle: Landesbank Baden-Württemberg

Tipp: Die Lufthansa ist eine der führenden Fluggesellschaften der Welt. Verglichen mit anderen Flugkonzernen steht die Lufthansa nach der Kapitalerhöhung besser da als die meisten Konkurrenten. Die Kapitalerhöhung wird den Aktienkurs vorübergehend belasten. Die Lufthansa ist eine der sichersten Anlagen im Flugsektor. Doch dieser gehört zu riskantesten Branchen überhaupt. (did)