Die Lufthansa geht in die Offensive und will sich an die Spitze der umsatzstärksten Fluggesellschaften in Europa setzen. Mit der Übernahme der österreichischen Fluggesellschaft Austrian Airlines (AUA) würden die Frankfurter den Konkurrenten Air France-KLM bei den Umsätzen wahrscheinlich hinter sich lassen: «Wir haben unser Interesse bekundet», sagte ein Lufthansa-Sprecher (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 34 vom 20. August 2008).

In der Nacht zum Montag war eine Frist abgelaufen, in der Interessenten sich für den 42,8%-Anteil der österreichischen Staatsholding ÖIAG an AUA melden konnten. Die AUA erwartet im Geschäftsjahr 2008 einen Verlust zwischen 70 und 90 Mio Euro. Die Fluggesellschaft ist wegen ihrer starken Stellung in Richtung Osteuropa interessant. Gleichzeitig ist sie aber wegen des Kostendrucks durch die hohen Kerosinpreise stark unter Druck geraten und gilt allein auf Dauer als nicht überlebensfähig.

Lufthansa, die grösste deutsche Fluggesellschaft, wird bei der Vorstellung ihrer Pläne für die künftige Zusammenarbeit mit der erfolgreichen Integration der Swiss werben. Die Schweizer sind seit Mitte 2007 in der Konzernbilanz enthalten. Die Lufthansa bezifferte die Synergien im Geschäftsbericht auf 233 Mio Euro. Sie sind damit höher als ursprünglich geplant. Vertrieb und Flugbetrieb wurden verzahnt, Flugpläne aufeinander abgestimmt.

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Grosser Kreis an Interessenten

Die Lufthansa ist allerdings nicht der einzige Bieter. Auch Europas, grösste Fluglinie, Air France-KLM hat bereits Interesse an der AUA signalisiert. Zudem erwägt die russische Fluglinie S7 ein Gebot. «S7 prüfe die Option, und ein Anteil an Austrian Airlines könnte attraktiv sein», sagte eine Sprecherin des russischen Privatunternehmens. Die Fluglinie könnte vom Zugang zum Drehkreuz in Wien profitieren. Angeblich soll auch Turkish Airlines interessiert sein.

Ein Verkauf der angeschlagenen Staatslinie löst bei vielen national gesinnten Österreichern allerdings Proteste aus. Noch im Mai hatten bei einer Umfrage 56% einen Verkauf der AUA abgelehnt, nur 37% waren dafür. Nach späteren Umfragen sieht inzwischen aber eine ganz knappe Mehrheit die Notwendigkeit eines «strategischen Partners» ein.

Unter den grossen Parteien spricht sich lediglich die rechtsgerichtete Freiheitliche Partei (FPÖ) gegen den «Ausverkauf» des österreichischen Prestige-Unternehmens aus. Aber auch die Betriebsräte hatten sich gegen die Vollprivatisierung ausgesprochen.

Wenige Wochen vor der Parlamentswahl am 28. September reagierte die amtierende grosse Koalition in Wien deshalb mit einer Reihe von Bedingungen an einen Käufer, durch die das Unternehmen vor einer Demontage geschützt werden soll. Dazu gehört die Sicherung der Arbeitsplätze. Auch will die Regierung durchsetzen, dass eine Sperrminorität von 25% plus einer Aktie in österreichischem Besitz bleibt.

 

 


Die Deutschen müssen sich beeilen ? ein Kommentar

Der staatliche Hauptaktionär der Austrian Airlines hat sich viel zu viel Zeit gelassen mit der weiteren Privatisierung. Nach passablen Sanierungsversuchen droht erneut ein Verlust. Die hohen Kerosinpreise drücken die Kosten gewaltig in die Höhe. Gerüchten zufolge reicht das Geld noch bis Weihnachten. Bis Mitte Oktober soll ein Käufer gefunden werden. Interessierte Investoren werden sich also bei der Prüfung der Bücher beeilen müssen.

Strategisch ist der Einstieg der Lufthansa bei der AUA sinnvoll. Die Österreicher verfügen über ein dichtes Netz an Verbindungen nach Osteuropa. Wien ist als Finanzplatz eine Drehscheibe im Ost-West-Handel. Ausserdem droht der Hauptkonkurrent Air France-KLM sich vor der Haustür der Lufthansa breit zu machen. Europas grösste Fluggesellschaft könnte über Wien Premium-Passagiere aus dem Lufthansa-Kernmarkt Deutschland abwerben. Das sollten die Lufthanseaten verhindern.

Es gibt jedoch auch gute Argumente gegen den Kauf. Das ohnehin schon komplexe Tagesgeschäft im Konzern würde noch komplexer werden. Denn die österreichische Regierung besteht darauf, dass Wien ein Flug-Drehkreuz bleibt. Die Lufthansa betreibt mit Frankfurt, München und Zürich drei Hubs, die eng beieinander liegen.

Zudem wird sich Konzernchef Mayrhuber am grossen Erfolg der Swiss-Übernahme messen lassen müssen. Greift er zu tief in die Tasche, werden ihn die Analysten abstrafen. Eine allzu hohe strategische Prämie wird er also den AUA-Aktionären nicht bieten können. (eag)