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«Lufthansa wird viele Passagiere über Zürich umleiten»

Cord Schellenberg (r.): «Flugbegleiter in Europa ist kein Traumberuf mehr.» (Bilder: Keystone, ZVG)

Flugbegleiter legen mit ihrem Streik den Flugverkehr der Lufthansa teilweise lahm. Luftfahrtexperte Cord Schellenberg hat einen Tipp für betroffene Passagiere, erklärt die Umleitungen der Lufthansa un

Von Timo Nowack (Interview)
am 04.09.2012

Wenn jemand für die Herbstferien einen Ferienflug mit Lufthansa gebucht hat, muss er sich jetzt Sorgen machen?
Cord Schellenberg: Nein, er sollte Ruhe bewahren. Sowohl die Lufthansa als auch die Flugbegleiter haben ein Interesse daran, dass dieser Streik nicht einen Monat lang dauert. Schon jetzt wählen die Geschäftsleute in der Business Class, die mit kurzfristigen Buchungen das meiste Geld bringen, andere Fluggesellschaften. Und jedes Mal, wenn das passiert, droht Lufthansa auch langfristig einen Kunden zu verlieren. Ausserdem würde jemand, der jetzt im Voraus in Panik verfällt, die Gewerkschaft Ufo in ihrem Kurs bestärken.
 
Die Gewerkschaft hat ihre heutigen Streiks erst in der Nacht angekündigt. Die Lufthansa nennt das fluggastfeindlich. Zu Recht?
Ja, die Ufo handelt aggressiv dafür, dass sie sich immer so nett gibt und all die Streikfolgen bedauert.
 
Was raten Sie Lufthansa-Passagieren?
Sich vom Streik unabhängig zu machen. Kurzfristig zum Flughafen zu fahren und zu versuchen, sich umbuchen zu lassen. Dass heute gestreikt wird, war ja bereits gestern klar. Da hätte ich versucht, stattdessen schon gestern Abend zu fliegen. Die Fluggesellschaften spielen in solch einem Fall gern mit, um sich am Streiktag zu entlasten.
 
Drohen auch Passagieren Probleme, die mit anderen Fluggesellschaften fliegen?
Ja, das hat man beim Streik in Frankfurt gesehen. Da waren freie Parkpositionen rar und auch die Flüge anderer Airlines mussten verspätet oder gestrichen werden.
 
Welche Möglichkeiten hat die Lufthansa heute?

Sie wird versuchen, möglichst viele Passagiere umzuleiten. Etwa über den Swiss-Standort Zürich oder den Austrian-Airlines-Standort Wien. 

Jemand, der etwa von Berlin nach Barcelona fliegen will, fliegt stattdessen also mit Swiss von Berlin nach Zürich und von dort nach Barcelona?
Genau. Für die Lufthansa hat das auch den Vorteil, dass die Passagiere weiterhin in den Flugzeugen und Lounges des Konzerns bleiben und von dessen Personal betreut werden.
 
Ist am Flughafen Zürich mit einer Überlastung zu rechnen?
Nein, das nicht.
 
Ufo wirft der Lufthansa eine arrogante Linie vor.
Die Lufthansa muss für ihre Ziele kämpfen. Die Luftfahrt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, das Angebot weltweit ist gewachsen, die Flugtarife sind gesunken. Davon profitieren die Passagiere, die Airlines müssen aber dennoch Gewinne erwirtschaften. Der hohe Kerosin-Preis verschärft die Lage zusätzlich. Deshalb müssen die Gewerkschaften zu Veränderungen bereit sein, die ihr Unternehmen wirtschaftlich stärken. Und: Flugbegleiter in Europa ist kein Traumberuf mehr, sondern harte Arbeit in einem harten Wettbewerbsumfeld.
 
Muss man auch bei anderen Airlines mit Streiks der Flugbegleiter rechnen?
Die grossen, traditionellen Fluggesellschaften befinden sich alle in einer ähnlichen Lage: In Europa machen die Günstig-Fluggesellschaften ihnen Konkurrenz und auf der Langstrecke die Golf-Airlines. Es kommt darauf an, wie sie dem begegnen.
 
Wie sieht es bei der Swiss aus? Da sind die Flugbegleiter auch unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen, statt einer Gratifikation haben sie Ende Jahr ein Käsebrett erhalten und sie haben das Streik-Vorbild jetzt im Konzern.
Von dem Käsebrett habe ich auch gehört. So etwas sollte Swiss in diesem Jahr nicht noch einmal machen. Aber generell habe ich das Gefühl, dass die Airline unter Harry Hohmeister auf einem guten Kurs ist. Und wenn man bedenkt, wie schlecht es der Swiss vor Übernahme durch Lufthansa ging, sollten sich die Gewerkschaften nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ausgeschlossen ist ein Streik aber natürlich nicht.

Luftfahrtexperte Cord Schellenberg ist Vize-Präsident des Luftfahrt-Presse-Club e.V. und Chef der PR-Agentur Schellenberg & Kirchberg in Hamburg.

Sehen Sie hier Bilder vom Streik der Lufthansa-Flugbegleiter:

 

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