Was in Zürich funktioniert, müsste auch in Bern machbar sein, findet Peter Bratschi. Der Verwaltungsratspräsident der Hotel Victoria Jungfrau AG fährt einen strammen Expansionskurs. Im letzten November hat die Luxushotel-Gruppe zum Stammhaus in Interlaken und dem Palace in Luzern als dritten Betrieb das Zürcher Eden Palace übernommen. Die Zimmer-Auslastung ist seither um 10% gestiegen. «In Zürich redet man wieder übers Eden.» Jetzt soll in Bern das Hotel Bellevue zum Gesprächsthema werden. Die Victoria-Gruppe übernimmt die operative Leitung des Hauses. Mit der Eignerin, dem Bund, wurde ein zehnjähriger Pachtvertrag abgeschlossen.

Investitionen ohne Ende

Bratschi, der in Bern als Rechtsanwalt arbeitet, hat Grosses vor: «Wir streben im Bellevue deutlich mehr Logiernächte an und wollen das Haus auch international besser vermarkten.» Sein ambitioniertes Ziel für die ganze Gruppe: Die Auslastung mittelfristig auf 70% hochtreiben. Euphorische Töne für eine Hotelgruppe, die im letzten Geschäftsjahr eine Auslastung unter 60% sowie einen Reinverlust von fast 3 Mio Fr. ausweisen musste. «Das Palace Luzern hat unser Ergebnis wegen Umbauten und Hochwasser massiv gedrückt», begründet Bratschi.

Er redet lieber von der Zukunft. Unrealistisch sind seine Ziele nicht, denn: Gediegen liegen ist in, die Luxushotellerie boomt. Das verdeutlichen die jüngsten Zahlen der Vereinigung Swiss Deluxe Hotels (SDH), der zwei Drittel aller Schweizer Fünfstern-Hotels angehören. Um 2% haben im Winter 2005/06 die Logiernächte zugenommen, sogar um 7% sind die Umsätze nach oben geklettert. SDH-Präsident Vic Jacob: «Die Schweiz ist hervorragend positioniert und wird von betuchten Gästen als erstklassig eingestuft.» Immer mehr gut zahlende Gäste kommen aus Grossbritannien, den USA und Russland. Hauptgrund für ihr Schweiz-Flair: Hohe Investitionen, welche Luxushotels für die Verbesserung ihres Angebots in den letzten Jahren getätigt haben und noch tätigen werden.

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Die Grand Hotels Bad Ragaz etwa planen eine Erweiterung ihrer Zimmerkapazitäten, den Umbau des Kursaals sowie die Erneuerung des medizinischen Zentrums. Kostenpunkt: 100 Mio Fr. Fast 250 Mio Fr. kostet der gigantische Umbau im Zürcher Hotel Dolder. Millionenschwer auch die im Fels integrierte Wellness-Oase, die ab Dezember im Aroser Luxushotel Tschuggen den Gästen zugänglich wird. Pro Zimmer haben Schweizer Luxushotels 2005 durchschnittlich rund 270000 Fr. für Verbesserungen und Erneuerungen ausgegeben.

Hotelketten expandieren

Umsonst sind die Ausgaben der Hoteliers indes nicht. Die Gäste bringen das Geld wieder zurück und sind bereit, für Luxus tiefer in die Tasche zu greifen. Zwischen 2001 und 2004 stieg der durchschnittliche Zimmerpreis im Schweizer Fünfstern-Hotel um 25 Fr., Tendenz weiter steigend. Zumindest bei der Victoria Jungfrau Gruppe, wo der Durchschnittsgast 2005 seine Ausgaben auf 466 Fr. pro Tag (2004: 429 Fr.) steigerte.

Von den verbesserten Rendite-Möglichkeiten auf Schweizer Boden haben auch die internationalen Hotelketten Wind bekommen und machen sich breit. Ende 2004 eröffnete die US-Luxuskette Hyatt einen Betrieb in Zürich, die französische Accor-Gruppe überlegt sich den Ausbau der Luxus-Marke Sofitel. Ihr Hotel-Angebot im oberen Segment vervierfachen will innert kürzester Zeit die skandinavische Gruppe Radisson SAS. Zum Basler Vierstern-Betrieb kam jüngst einer in St. Gallen dazu, dieses Jahr folgt Luzern und 2008 ein Radisson SAS am Zürcher Flughafen. Weitere Betriebe sind in Planung, versichert der Schweizer Regionaldirektor Schweiz Felix Hauser.

Vor der ausländischen Konkurrenz fürchtet sich Peter Bratschi nicht. «Die internationalen Ketten sind vorwiegend im Vierstern-Bereich angesiedelt und deshalb für uns keine direkten Gegenspieler.» Die oberste Spitze der Schweizer Fünfstern-Hotellerie, zu welcher er seine Victoria Jungfrau Gruppe zählt, verpflichte sich, anders als die Ketten, den hohen Ansprüchen von Individualgästen. Bratschis Verpflichtung: Dieses Jahr sollte die Zahl dieser Individualgäste wieder steigen, damit die Gruppe in die schwarzen Zahlen kommt.

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Fakten: Die Luxus-Hotellerie erlebt einen Boom

Zahl
In der Schweiz gibt es 86 Fünfstern-Hotels. 34 davon gehören der Vereinigung Swiss Deluxe Hotels an, die zwei Drittel des Bettenangebots abdeckt.

Umsatz
Vom Gesamtumsatz der Schweizer Hotellerie, den Fachleute auf 9 Mrd Fr. schätzen, generieren die Fünfstern-Betriebe rund 1,3 Mrd Fr. 2005 haben die 34 Häuser von Swiss Deluxe Hotels ihren Umsatz um 7% gesteigert, was in etwa für alle Fünfstern-Betriebe gelten dürfte.

Auslastung
Die durchschnittliche Zimmerbelegung der Schweizer Fünfstern-Hotels betrug 2004 fast 59% (Vorjahr: 57%). Besonders hoch ist der Wert bei den Ferienhotels mit 60%, bei den Stadthotels beträgt er 57,6%. Zahlen für 2005 sind noch nicht vorhanden, Fachleute sprechen von einer Steigerung auf über 60%.

Gästeherkunft
2005 logierten in den 34 Swiss Deluxe Hotels 25% Schweizer und 75% ausländische Gäste, was in etwa für alle Fünfstern-Betriebe gelten dürfte. Damit ist der Ausländer-anteil in den Luxusbetrieben deutlich höher als in der gesamten Schweizer Hotellerie, wo er im letzten Jahr bei 56% lag.

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