Der Rezeptionist des Hotels Palace in Luzern schaut gelangweilt in die Runde, der müde Barpianist spielt lustlos. Auf der Seeterrasse sitzt gerade mal ein halbes Dutzend Gäste. Vor der prächtigen Jugendstilfassade des mächtigen Gebäudes wirken sie klein und verloren. Es riecht nach Sommerflaute – obwohl jetzt Hochsaison sein müsste. Seit dem 1. Juni leitet der neue Hoteldirektor Markus Iseli das «Palace». Der 49-Jährige hat nach Stationen in Istanbul, Madeira, Damaskus, Seychellen und Kuala Lumpur den Weg zurück in die Schweiz gefunden. «Von den Erfahrungen im Ausland kann ich in diesem eleganten Fünfsternehaus am Vierwaldstättersee stark profitieren», meinte er kurz vor Stellenantritt.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Schweigen in Luzern

Seinen Start dürfte er sich lebhafter vorgestellt haben. Doch wie er sich nach den ersten drei Wochen tatsächlich fühlt, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Da das «Palace» eines von vier Hotels der börsenkotierten Victoria Jungfrau Collection ist, könnte die Befindlichkeit des Hoteldirektors «als kursrelevante Information» ausgelegt werden, lässt Sprecherin Ina Bauspiess ausrichten. Firmenchef Beat Sigg erklärt, dass vor der Veröffentlichung des Halbjahresberichts Mitte August keine Informationen über den Geschäftsgang im laufenden Jahr publiziert würden.

Doch auch so lässt sich leicht ausrechnen: Iseli hat eine schwierige Aufgabe gefasst. Das «Palace» ist das grosse Sorgenkind der Hotelgruppe – das räumte Verwaltungsratspräsident Peter Bratschi an der Generalversammlung Anfang Juni unumwunden ein. Das Fünfsternehaus verzeichnete zwar im letzten Jahr im Vergleich zum miserablen 2009 einen leichten Aufwärtstrend. Aber mit 21 600 Logiernächten lag es deutlich unter dem Stand vor der Finanzkrise: 2008 verbuchte das Hotel 26 700 Logiernächte. Trotz straffen Massnahmen zur Kostensenkung gab es auch 2010 einen Verlust. Mit 1,37 Millionen Franken fiel er immerhin um knapp eine Million geringer aus als im Vorjahr.

Doch bevor sich das Luxushaus richtig erholen kann, droht schon die nächste Krise. «Wir verzeichnen seit einiger Zeit Rückgänge bei den Gästen aus der Euro- und Dollar-Zone», erklärt VJC-Firmenchef Sigg. Wegen des starken Frankens und des dadurch günstigeren Auslands kommen auch weniger Schweizer, die im «Palace» 2010 rund 36 Prozent der Gäste stellten. Ein kleiner Hoffnungsschimmer sind in dieser Situation die Schwellenländer. Die Zahl der Gäste explodierte 2010 förmlich: China plus 176 Prozent, Indien plus 87 Prozent, Golfstaaten plus 65 Prozent. Nur ging der Anstieg von einem tiefen Niveau aus, absolut gesehen gingen im Palace 2010 gerade einmal 1500 Übernachtungen auf das Konto der Chinesen und Inder.

Zur Entwicklung in den ersten Monaten gibt sich das Unternehmen zugeknöpft. Schlecht fürs Geschäft dürften die im Frühling zirkulierenden Gerüchte gewesen sein. Das Hotel solle verkauft und in Luxuswohnungen umgewandelt werden, hiess es – ein Schicksal, das zuvor das Hotel Tivoli in Luzern ereilt hatte. Per 1. Juni übernahm dann auch der Immobilienfonds Credit Suisse Real Estate Fund Hospitality (CS REF Hospitality) das «Palace» – allerdings nicht, um Hotelzimmer in Luxusresidenzen zu verwandeln, sondern um das Hotel postwendend an den Verkäufer zurückzuvermieten.

Das Fünfsternehaus wird also weiterhin von der VJC betrieben, nun über einen 20 Jahre laufenden Pachtvertrag. Fondsmanager Lucas Meier spricht von einem «langfristigen Engagement» und will in den nächsten zwei bis drei Jahren mehrere Millionen in die Aufwertung des «Palace» investieren. «Die Rendite, die wir mit den ‹Palace› erzielen möchten, entspricht der gängigen Nettorendite im Schweizer Anlagemarkt», lässt er durchblicken. Nähere Zahlen nennt er nicht. Zum Vergleich: Institutionelle Anleger erwarten von einer qualitätsvollen Immobilie heute eine Nettorendite von rund 4 Prozent.

Victoria-Jungfrau-Chef Sigg will heute noch nicht kommunizieren, welche Änderungen im «Palace» im Detail geplant sind. «Der neue Direktor wird seinen Erfahrungsschatz nutzen, um das «Palace» weiterzuentwickeln und das Angebot stetig zu verbessern», versichert Sigg einzig.

Einfach wird der Turnaround nicht zu schaffen sein. Denn schon bisher machten die «Palace»-Besitzer einiges: Die VJC, die das «Palace» am 1997 übernahm, investierte über 36 Millionen Franken ins Haus. Etliche Millionen flossen 2005 allein in den Bau eines 800 Quadratmeter grossen Spa. Ein Jahr später hiess es in einer Jubiläumsschrift, das Hotel strahle «wie niemals zuvor in seiner einhundertjährigen Geschichte». Umso schmerzlicher ist es da, dass trotz Investitionen die durchschnittlichen Zimmerpreise in der Luxushotellerie sinken – im «Palace» fielen sie von 416 Franken im Jahr 2009 auf noch 404 Franken im letzten Jahr. «Die Preiserosion ist nicht zuletzt eine Folge der flexibleren, durch das verschärfte Wettbewerbsumfeld ausgelösten Tarifgestaltung», erklärt Firmenchef Sigg.

Die Hoffnungen ruhen im «Palace» nun auf dem neuen Direktor. Bratschi bezeichnete ihn an der Generalversammlung als Schlüsselfigur im Kampf um Kunden. Gleichzeitig mahnte er aber mit Blick auf die kommenden Monate: «Wir müssen uns warm anziehen.»

Aktionäre oder einfach nur Mäzene

Das klingt nach Durchhalteparolen. Nach Einschätzung von Tourismus-Professor Hansruedi Müller von der Universität Bern besteht aber kein Grund zur Panik. «Die Luxushotellerie folgt eigenen Gesetzmässigkeiten», sagt er. Investitionen und Betrieb müssten in der Regel nicht gleich gut rentabilisiert werden wie bei anderen Hotels.

Mit anderen Worten: Bei Luxushotels braucht es Investoren, die sich eher als Mäzene sehen. Ob dies bei der VJC der Fall ist, bleibt offen. Grösster Aktionär ist mit einem Anteil von 24 Prozent der Golfstaat Kuwait. 15 Prozent besitzt die Terramaris International in Genf, eine Tochter des französischen Flugzeugkonzerns Dassault, 12 Prozent gehören der Berner Kantonalbank.

Luxushotels: Der Euro nagt an den Umsätzen

Umsatzeinbussen
Die Victoria Jungfrau Collection (VJC) besteht aus den vier Hotels Victoria Jungfrau in Interlaken, Bellevue in Bern, Palace in Luzern und Eden au Lac in Zürich. 2010 schrieb sie unter dem Strich knapp schwarze Zahlen. Es resultierte ein Gewinn von 950 000 Franken, nach einem Verlust von 1,2 Millionen Franken im Jahr 2009. Weiterhin rückläufig war der Umsatz, die Aktionäre mussten erneut auf eine Dividende verzichten. Schlecht sehen die VJC-Zahlen aus dem Jahr 2010 aus, wenn man sie mit 2008 vergleicht: Die Logiernächte in den vier Hotels sanken von 163 000 auf 131 000, der Umsatz von 93,5 auf 74 Millionen Franken.

Die Branche leidet
Die vier Hotels der Victoria Jungfrau Collection sind alle Mitglieder der Vereinigung der Swiss Deluxe Hotels (SDH). Diese umfasst 37 der namhaftesten Fünfsternehäuser der Schweiz, die rund 40 Prozent der Luxushotellerie der Schweiz ausmachen. Die Entwicklung in diesem Jahr verläuft uneinheitlich. Einzelne Häuser verzeichneten in der Wintersaison zweistellige Umsatzeinbussen, andere meldeten Rekordzahlen. Insgesamt leidet aber laut SDH-Geschäftsführer Fiorenzo Fässler die gesamte Branche unter dem starken Franken. Rückläufig sind fast überall die Gästezahlen aus Deutschland, England und den USA. Regional ist die Lage im Genferseegebiet am angespanntesten. Am besten behaupten sich die Stadthotels, die weniger auf Ferientourismus ausgerichtet sind.