Alle sprechen von Weiterbildung und denken an Kurse, die das Unternehmen anbietet oder vorschreibt. Dabei vergessen die meisten, dass man bis zu 50 Berufsjahre nicht alleine dem eigenen Karrierestreben widmen sollte. Denn das erfordert einen hohen Preis und die Sinnfrage bleibt unbeantwortet.

Der Berner Autor Mathias Morgenthaler hat soeben sein Buch «Beruf und Berufung» veröffentlicht, in dem 76 Menschen über ihre Arbeit sprechen. Darin geht es nicht nur um die Frage des Entweder-oder, also Erfolg und Geld zu tauschen gegen Glück, sondern um den Sinn der Arbeit generell.

Zukunft heisst kreative Arbeit

Wer bloss einem Anforderungsprofil genügt, um der Stelle gewachsen zu sein, den Job zu erledigen, lässt seine Talente oft verkümmern und begräbt seine Träume. Morgenthaler stellt die provokative Frage: Beziehen wir Lohn oder Schmerzensgeld? Seine Analyse lautet, dass die Krise nicht nur auf Managementfehler oder Profitmaximierung zurückzuführen ist. Sie fusse eher darauf, dass viele Menschen abseits ihrer Berufung gearbeitet und Geldanhäufung zum Selbstzweck betrieben haben.

Die Zukunftsforscherin Imke Keicher widmet sich diesem Thema ebenfalls, zuletzt in der kürzlich erschienenen Studie «Creative-Work-Business der Zukunft». Sie beobachtet, dass sich eine neue Arbeitskultur entwickelt: Creative Work. Eine Ausbildung nach den Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu wählen, käme den Kreativen nicht in den Sinn. Ihnen geht es vorrangig um die Selbstverwirklichung.

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Die Suche nach Unternehmen mit einer guten Innovationskultur ist nicht ganz so einfach. Obwohl heute in vielen Betrieben die Diversität auf dem Papier steht. Selten gelten Unterschiede von Menschen und Bildung als Chance. Es gibt noch immer viele Firmen, die sich besser fühlen, wenn sie Mitarbeiter mit ähnlichen Lebensläufen engagieren. Jedoch wirken Mitarbeiter unterschiedlicher Herkunft und Bildung wie ein Magnet auf kreative Bewerber, die dazu beitragen können und wollen, dass die Firma ihrer Wahl damit andere Perspektiven gewinnt, um nachhaltig besonders innovativ zu werden. Damit können sich Unternehmen in den übersättigten Märkten stark differenzieren - und kreative Mitarbeiter mit ihrem innovativen Potenzial dazu beitragen.

Nicht alle Arbeitgeber sind so weit, dieses Potenzial wirklich zu erkennen. Die Wirtschaft setzt weiter auf Berechenbarkeit: Die Weiterbildungsseminare werden seriell konzipiert und sind obligatorisch.

Welcher Betrieb fördert was?

Natürlich werden in Werbeagenturen kreative Köpfe mehr geschätzt als in einem globalen Konzern. Daher sollte sich jeder Bewerber gut überlegen, welche Firma wirklich zu ihm passt. Die einen bevorzugen Unternehmen mit klarer strategischer Ausrichtung und festgeschriebenen Karriereschritten, andere finden Betriebe attraktiver, die individuell auf ihre Leute eingehen. Diese wiederum wissen, dass sie ihren Teil zur Zufriedenheit beitragen müssen.

 

 

NACHGEFRAGT


«Kreativität ist eine neue Schlüsselkompetenz»

Zukunftsforscherin Imke Keicher ist Inhaberin des Beratungsunternehmens ikmc in Rüschlikon ZH.

Auf der Unternehmensseite haben in Seminaren Management-, Marketing-, Teamorientierung sowie Technikthemen Vorrang. Kreativitätsförderung bleibt dabei auf der Strecke. Warum?

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Imke Keicher: Wir haben es heute mit zwei grossen Herausforderungen zu tun. Erstens: Wissen veraltet immer schneller, besonders in technologiegetriebenen Unternehmen. Aus den USA ist inzwischen bekannt, dass Mitarbeiter in Technologiefirmen, die länger als sechs Monate arbeitslos sind, weil technologisch nicht auf dem neuesten Stand wenig Chancen haben. Zweitens: Wissen allein reicht nicht aus. Das, was wir mit dem Wissen machen, wie wir es anwenden, hinterfragen und vernetzen, macht aus Wissen Wettbewerbsvorteile. Beobachtungsfähigkeit, Empathie, Kreativität und Vernetzungsfähigkeit sind neue Schlüsselkompetenzen.

Wie weit sind Mitarbeiter selbst für Kreativität, Empathie und Softfaktoren verantwortlich?

Keicher: Ich sehe ganz deutlich, dass die Verantwortung für die Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten beim Mitarbeiter liegt. Der Arbeitgeber ist dabei Sparringpartner, Ratgeber mit eigenen Angeboten und Anforderungen. Aber der Mitarbeiter sollte das Steuer in der Hand behalten, eigene Entwicklungsziele definieren und selbst im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv werden.

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Welche Verantwortung tragen die CEO oder andere Top-Kader im Hinblick auf die Mitarbeiter und die Zukunft?

Keicher: Ein wichtiger Punkt. Um ihrer strategischen Verantwortung nachzukommen, brauchen sie Perspektivenwechsel, Kontakt nach draussen, mit der Lebenswirklichkeit von Kunden und Mitarbeitern. Da sind erlebnisorientierte Ansätze hoch effektiv - wie Tage undercover im Verkauf, Seniorpraktikant in einem ganz anderen Business, eine Exkursion in die explosionsartig wachsenden Städte in Indien - aber nicht aus der Luxushotelperspektive.