Der Schweizer Industrie bleibt ein Machtkampf der Sonderklasse erspart. Der Plot für den Showdown war längst geschrieben. Die US-Investoren um die Beteiligungsfirma White Tale hatten ihren Anteil an Clariant auf 25 Prozent aufgestockt – und waren somit das neue Machtzentrum der Basler Chemiefirma. Mit ihrer geballten Stimmenmacht hätten die Amerikaner die bevorstehende Clariant-Generalversammlung mit grosser Wahrscheinlichkeit dominiert. Auf dem Schreibtisch von Chef Hariolf Kottmann und Präsident Rudolf Wehrli tickte die Uhr. White Tale, soviel ist klar, wäre kaum mit dem widerborstigen Kottmann und dem farblosen Wehrli in die Zukunft geritten.

Heute morgen aber blieben die Zeiger – für alle überraschend – bei 5 vor 12 stehen. Die Amerikaner bliesen den Machtkampf in den letzten Minuten ab. Und verkaufen ihr Aktienpaket nach Saudi-Arabien. Für Clariant ist es ein Geschenk: Kottmann ist die aggressiven Amerikaner los und kann nun mit dem neuen Besitzer neue Expansionspläne schmieden. Selbst wenn der saudische Staatsbetrieb Sabic eine Vollübernahme anstrebt, muss das noch lange nicht das Ende von Clariant sein.

Clariant und Sabic kennen sich seit 15 Jahren

Die Scheichs sind seit Jahren im Vorwärtsgang und kaufen in Ost und West attraktives Industrie-Inventar zusammen. In der Vergangenheit haben sie ihren Firmenpark an der langen Leine geführt, solange die Rendite stimmt. Man kennt sich übrigens seit 15 Jahren: Clariant und Sabic haben 2003 gemeinsam die Firma Scientific Design gegründet.

Noch mehr geht die Rechnung freilich für die US-Investoren auf. Mit dem Verkauf ihres Clariant-Pakets dürften sie rund 800 Millionen Franken verdient haben – und das innert knapp zwei Jahren. Sie machen nicht nur den grossen Reibach, sie haben sich auch einen Abnützungskampf erspart.