Er ist so etwas wie die Eier legende Wollmilchsau der Schweizer Wirtschaft. Bruno Gehrig hat es bei der Bankgesellschaft (SBG) zum Chefökonomen und Leiter des Tochterinstituts Cantrade gebracht, er hat der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eine wachstumsfreundlichere Geldpolitik verpasst, er bildete an der Universität St. Gallen Banker und Kaufleute aus, war Aufseher über die eidgenössischen Banken und half der angeschlagenen Swiss Life als VR-Präsident dabei, wieder aufs Gleis zu kommen und Vertrauen zu gewinnen. Bei der Roche ist er der zweite Mann hinter Franz Humer. Und obwohl er mit dem Airline-Business bisher nie zu tun hatte, gilt er als Idealbesetzung als Präsident der Darbada-Stiftung. Sie soll dafür sorgen, dass auch unter Lufthoheit der Lufthansa der Schweiz gute Flugverbindungen erhalten bleiben.

Gehrig ist ein Mann ohne Gegner. Bekannte beschreiben ihn als integrativ, einsatzfreudig, frei von Dünkel, manchmal etwas gutmütig – als einen, der den Kompromiss sucht und nicht mit Macht, sondern mit Argumenten überzeugt. Er spricht eine klare, anschauliche Sprache, gilt als absolut integer. Gewerkschaftsbund-Geschäftsführer Serge Gaillard, der im SNB-Bankrat sitzt und Gehrigs Arbeit als Notenbanker kennt, hält ihn für den richtigen Mann bei der Darbada-Stiftung.

Bruno Gehrig verfügt über ein enormes Netzwerk in Banken und Wirtschaft (siehe unten), und auch im Wissenschaftsbetrieb hat er ein dichtes Netz an Beziehungen. Ein persönlicher Freund ist Franz Jaeger, der an der Universität St. Gallen Volkswirtschaft lehrt. Gehrig war dort Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen. Befreundet ist er auch mit Peter Nobel (Kanzlei Nobel & Hug), der ebenfalls in St. Gallen unterrichtet. Heinz Zimmermann hat als Student in Bern Lektionen des jungen Dozenten Bruno Gehrig gehört – und war davon so angetan, dass er sich selbst der Finanzmarktforschung zuwandte. Heute ist Zimmermann Ordinarius in Basel. An der Uni Bern lernte Gehrig auch einen gewissen Ulrich Gygi kennen. Dieser war Assistent am Institut für Betriebswirtschaft, Gehrig an jenem für Volkswirtschaft. Gygi ist heute Konzernleiter der Post, und noch immer treffen sich die beiden einige Male im Jahr zum Abendessen.

Nüchtern und analytisch wird Gehrig seine Aufgabe als Anwalt der Schweizer Luftfahrtinteressen wahrnehmen. Früh schon erkannte er, dass die Swiss alleine nicht würde überleben können. Falscher Patriotismus ist ihm fremd. Dass rentable Flugverbindungen in Zürich bleiben und die Schweiz luftwegetechnisch nicht abgeschnitten wird – dafür wird er sich einsetzen. Mit der letztlich emotionalen Frage, wo die Airline beheimatet sein sollte, die für diese Anbindung sorgt, wird Bruno Gehrig sich kaum aufhalten.

Sein Wirtschaftsnetz

Bei der SBG traf Gehrig auf Mathis Cabiallavetta und Robert Studer, mit denen er bis heute Umgang pflegt. Allerdings soll die gegenseitige Begeisterung zwischen Gehrig und diesen beiden nicht grenzenlos gewesen sein. Der frühere SBG-Präsident Nikolaus Senn und Gehrig schätzten einander wohl mehr. Gut sind die Kontakte zu UBS-Generaldirektor Urs Rinderknecht und zu FDP-Nationalrat Gerold Bührer, der bei der SBG einen Teil des Fondsgeschäfts leitete und dem Gehrig im VR der Swiss Life wieder begegnete. Zu den Bankverbindungen zählen auch Hans Fischer, Investment Banking-Chef bei der Zürcher Kantonalbank, und Max Gsell, der langjährige Präsident des Regionalbankenverbandes. Zur Swiss Life wurde Gehrig von Andres Leuenberger gebeten, seinem Vorgänger als VR-Präsident. Mit CEO Rolf Dörig versteht er sich gut. Gegenseitige Hochachtung prägt Gehrigs Verhältnis zu Roche-Altmeister Fritz Gerber. Die zwei unterhalten sich nicht nur übers Business. Mit dem aktuellen CEO und VR-Präsidenten Franz Humer kommt Gehrig gut aus. Er amtiert im Roche-VR als Independent Lead Director und ist damit Humers oberster Kontrolleur.

Anzeige

Der Handballer

Gehrig, Jahrgang 1946, kommt ursprünglich aus Rorschach. Die Matur machte er in St. Gallen. Nach der universitären Ausbildung in Bern zog er Anfang der achtziger Jahre nach Winterthur, wo er bis heute lebt. Seine drei Kinder sind alle noch in Ausbildung, der Jüngste macht gerade die Matur. Gehrig unterstützt die Winterthurer Handballer im Verein Pro Pfadi. Dort trifft er auf den ehemaligen VR-Präsidenten der Winterthur-Versicherungen, Peter Spälti, auf Publicitas-Manager Jean-Pierre Mosimann und auf Alex Brotzer, Geschäftsführer beim Baukonzern Batigroup. Als Jugendlicher spielte Gehrig selbst Handball, heute macht er noch Fitness. Als er in St. Gallen Ordinarius war, hat ihn die Studentenvereinigung Bodania zum Ehrenphilister ernannt. Gegen Autofahren, sagen Bekannte, habe Gehrig eine Abneigung. In der Tat kommt er lieber mit der S-Bahn zur Arbeit.

Die Jass-Connection

Ein Stammtisch von rund zwölf ehemaligen Berner Studenten trifft sich mo-natlich in Zürich zum Jassen. Gehrig ist etwa jedes zweite Mal beim Kartenspielen mit dabei. Am Tisch sitzen Kurt Aeberhard, CFO der Neuen Aargauer Bank, Walter Diggelmann, Ex-Chef der Swiss-American Chamber of Commerce, und Rudolf Ziegler, Direktor bei Julius Bär. Dazu Bankenaufseher René Kästli, Vontobels Investment-Chef Giuseppe Benelli und Hans Reis, Chefredaktor beim «Schweizer Arbeitgeber».