M an glaubt es Urs Meile, wenn er sagt, Galerist sei für ihn nicht wirklich ein Beruf, sondern eine Passion. Entspannt sitzt der gelernte Hochbauzeichner, Auktionator und Papierrestaurator auf seinem Bürostuhl und lacht in den Raum hinaus. Dieser ist mit Kunstobjekten gut bestückt: Eine Reisschale aus Porzellan mit Perlen, eine hochformatige Porzellanplatte mit dekorativen Blumen, eine monumentale Malerei mit Pinguinen, zwei lebensgrosse kopulierende Schweine und mehr. Das Resultat seiner Leidenschaft. Der Wert der zumeist chinesischen Objekte ist in etwa gleich hoch wie deren selbstbewusste Grösse.

Zu Beginn hat Meile junge Gegenwartskünstler aus der Schweiz und Europa ausgestellt. Bis ihn im Dezember 1995 Uli Sigg anrief, der damals Schweizer Botschafter in Peking war. Sigg lockte, in China würden sie übrigens auch Kunst machen, Meile solle doch mal vorbeischauen. Meile stieg ins nächste Flugzeug. Mit Sigg besuchte er über 100 Ateliers und entdeckte eine blühende Kunstlandschaft. Zudem sind die Kunstschulen proppenvoll und sogar staatskritische Künstler geniessen langsam ein stattliches Ansehen. Ein schier unendliches Potenzial. So eröffnete Meile 2000 in Peking ein Office mit zwei Mitarbeitenden, die in ständigem Kontakt mit lokalen Künstlern stehen. Drei Jahre später organisierte er erste Ausstellungen in der Galerie von Ai Weiwei - Chinas vielleicht wichtigstem Künstler. Dieser war auch einer der Ersten in Meiles neuer Künstlergruppe.

Entdeckungen dank Ai Weiwei

Der spektakulärste Auftritt im Westen ereignete sich für Meile und Weiwei wohl 2007 an der Documenta in Kassel. 1001 Chinesen hat der Konzeptkünstler herreisen lassen. In einer riesigen Ausstellungshalle hauste, kochte und schlief die Masse aus Individuen. Eine solch unübersehbare Schau war wohl der eindrücklichste Vorbote für das, was aus dem Reich der Mitte zu erwarten ist. 3 Mio Euro hat der Spass für alle gekostet; Meile hat die Summe zusammen mit zwei Sponsoren finanziert. Dazwischen hat Weiwei, der auch Vermittler und Architekt ist und eine grössere Factory als Andy Warhol unterhält, zusammen mit Herzog und de Meuron das Vogelnest-Stadion für die Olympischen Sommerspiele 2008 konzipiert. 2005 entwarf er für Meile eine Galerie im damals noch unbekannten Pekinger Kunstviertel Caochangdi. Das Tempo, in dem dieses wächst, erstaunt selbst Meile: «Diesen Frühling waren die Häuser um die Galerie noch einstöckig, jetzt sieht man ringsum nur noch Wände.» China hat einen 24-Stunden-Betrieb. Bei einem Auftrag können Menschenmassen mobilisiert werden. Für die Kunst bedeutet dies: Mit einem Heer von Arbeitern lassen sich in Galerien aufwendigste Installationen zu einem günstigen Preis machen.

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Als Galerist aus Passion ist es Meile wichtig, die Werke seiner rund 20 Künstler aus China, Russland und der Schweiz in seriöse Sammlungen zu bringen. Für 250 000 Fr. hat es eine Mao-Beuys-Skulptur von Li Zhanyang kürzlich in die angesehene Rubell-Sammlung nach Amerika geschafft. Wie in der Branche üblich, kassiert Meile 50% des Erlöses. Dafür sind in Luzern sechs Mitarbeitende für das vollumfängliche Management der Künstler zuständig. Wobei das Geld nicht die treibende Motivation sein soll: «Lieber ein Werk zu einem vernünftigen Preis in eine gute Sammlung bringen als überteuert in die Hände eines Spekulanten und somit in eine Auktion treiben», sagt er. Den höchsten Preis bei Meile erzielte 2008 ein Objekt von Weiwei mit 800 000 Fr.

Reinigende Wirkung der Krise

Künstlich aufgeblasene Preise, unübersichtliches Treiben an den Messen: Für Meile ist die reinigende Wirkung der Wirtschaftskrise erfreulich. Immerhin hat er sich aus der 200- bis 300-prozentigen Umsatzsteigerung zwischen 2004 und 2008 ein gewisses Polster für ruhigere Zeiten anlegen können. «Jetzt ist die Hektik weg. Spekulanten, die über Nacht auftauchten, sind verglüht. Nun geht es wieder um Inhalte, man redet richtig miteinander», sagt Meile. «An Messen sind ganz junge Sammler unterwegs, die sich fundiert mit den Werken und deren Schöpfern auseinandersetzen. Einige kommen aus China aus ganz neuen Umfeldern. Natürlich ist es schön, wenn sie etwas kaufen. Ebenso wertvoll ist es, wenn sie ihren Enthusiasmus in Umlauf bringen.»

Meile ist an den wichtigsten internationalen Kunstmessen und an den Vernissagen seiner Künstler in Europa und Amerika zugegen. Die Flüge dorthin weiss er zu geniessen: «Dort oben hat man die totale Ruhe, niemand kann einen erreichen.» Auf jeden Höhenflug folgt aber eine Landung. Aktuell: Wie wird die «Art Basel» in Miami vom 3. bis 6. Dezember 2009 laufen? 100 000 Fr. Vorinvestition sind für solche Events normal. Man bibbere schon ein bisschen mehr, so Meile. Er setzt in Miami auf acht bis zehn vorwiegend chinesische Künstler, um ein möglichst breites Spektrum zu zeigen. Zufrieden als Galerist ist er, wenn die Besucher auf die neuen Werke «Made in China» neugierig sind und deren Vielfalt sowie Qualität erkennen.