VOLKSWAGEN. Es kommt selten vor, dass die wohlüberlegte Dramaturgie eines grossen Strafverfahrens bereits am zweiten Verhandlungstag aus den Fugen gerät. Genau das ist jetzt im Braunschweiger VW-Lustreisenprozess gegen Ex-Betriebsratsboss Klaus Volkert und den ehemaligen Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer passiert: Überraschend müssen neue Zeugen gehört werden, der einst geplante Ablauf ist damit Makulatur. Mit einer Verkündung des Urteils am 24. Januar rechnet kaum noch ein Prozessbeobachter.

Auftritt vor Gericht im Januar

Für die Veränderung der Verfahrensführung sorgt einer, der überhaupt nicht angeklagt ist: Ferdinand Piëch, ehemals Vorstands- und heute Aufsichtsratschef von Volkswagen. Er soll am 9. Januar als Zeuge gehört werden. Doch schon vor diesem Auftritt dreht sich in dem Prozess vor dem Landgericht Braunschweig plötzlich alles um die Frage, welche Rolle der Autopatriarch in einem der spektakulärsten Wirtschaftsskandale der Nachkriegsgeschichte gespielt hat. Wusste Piëch vom «System VW»? War dieser Auswuchs der Mitbestimmung, also die Praxis, Betriebsräte mit Prostituierten und Sonderboni gefügig zu machen, womöglich sogar ein «System Piëch»? Genau diese Version haben die Rechtsanwälte der beiden Beschuldigten schon angedeutet, bevor der Prozess überhaupt offiziell begonnen hatte. Ihre Mandanten, so das Kalkül der Staranwälte Johann Schwenn und Wolfgang Kubicki, können schlecht wegen Untreue und Anstiftung dazu verurteilt werden, wenn ihnen alle Begünstigungen mit Wissen und ausdrücklicher Billigung der Konzernspitze gewährt worden sind.

Bei VW ist man empört

Die Staatsanwaltschaft wiederum geht lediglich einer Vermutung nach, die einen Anfangsverdacht begründen könnte. Danach sollen dem ehemaligen VW-Finanzvorstand Bruno Adelt Unregelmässigkeiten in den Spesenabrechnungen von 1997 bis 2002 für die besonderen Usancen der Betriebsratsarbeit aufgefallen sein. Davon soll er umgehend Piëch in Kenntnis gesetzt haben. Im Hauptquartier von Volkswagen ist man hellauf empört. Weder der Konzern noch der damalige Vorstandsvorsitzende hätten Kenntnis von den Veruntreuungen gehabt. «Das ist rufschädigend», erklärte der Sprecher, Volkswagen erwäge deshalb, Strafanzeige wegen Verleumdung zu stellen. Piëch selbst hatte bereits früher bei einer Befragung durch Staatsanwälte erklärt, er habe keine Kenntnis davon gehabt, dass Vertrauensspesen für Bordellbesuche und Sonstiges verwendet worden seien.

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