Die Krise schüttelt die Wirtschaft durcheinander - und sorgt auch dafür, dass vermehrt Fälle von Korruption, Geldveruntreuung und Bestechung ans Tageslicht kommen. «Die Täter sind fast immer Männer», sagt Anne van Heerden, Leiter Forensic KPMG - und fügt schmunzelnd hinzu: «Männer in der Midlife-Crisis.» Besonders Personen, deren Funktionen sehr viele Zugangsrechte umfassen - beispielsweise Finanzchefs oder Manager in der Buchhaltung -, können eine grosse Gefahr für die Unternehmen darstellen. «Mit E-Banking ist es heutzutage einfacher und schneller möglich, ein Wirtschaftsdelikt zu begehen», sagt van Heerden.

Angriffe gibt es vor allem in der Industrie sowie bei Banken und Versicherungen. «Innerhalb dieser Branchen sind vor allem grössere Firmen betroffen», sagt van Heerden. Aber es gibt keine Regel ohne Ausnahme: «Auch kleinere Firmen oder andere Industrien trifft es von Zeit zu Zeit», sagt er.

Van Heerden glaubt, dass es effektiv keine Zunahme in der Zahl der wirtschaftskriminellen Taten in Unternehmen gibt. Tatsächlich werden aber mehr Fälle aufgedeckt. «Die Unternehmen sind heute sensibilisierter und lassen vermehrt einen Verdacht oder Fall untersuchen.»

Die für die Untersuchung nötige Zeit kann stark variieren. Grundsätzlich sei man aber interessiert, den Fall so rasch als möglich aufzuklären - auch, um den Verdächtigen nicht zu verscheuchen. «Im Normalfall beträgt die Untersuchungsdauer zwischen zwei und acht Wochen», sagt van Heerden. Bei schwerwiegenden Delikten, wie Compliance-Verletzungen - also Verstösse gegen gesetzliche oder unternehmensrechtliche Auflagen - kann es aber auch mehr als ein Jahr dauern.

Raffinierte Täter

Sobald ein Unternehmen ei-nen Verdacht meldet, stehen den «Wirtschaftsdetektiven» verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Die Herausforderung ist allerdings, sich in den weltweit rechtlich unterschiedlichen Rahmenbe-dingungen zu bewegen. «Sofern es die Gesetze erlauben, können wir beispielsweise E-Mails durchsuchen, Bankauszüge anfordern sowie Interviews durchführen», sagt van Heerden.

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Besonders wichtig sei aber auch das persönliche Gespräch mit dem Verdächtigen. «Es ist uns ein Anliegen, mit dem Täter eine Vertrauensbasis zu erarbeiten. Nur so ist eine rasche Untersuchung möglich.» Trotzdem lassen sich die Fälle nicht immer aufklären. So werden die Täter immer raffinierter. «Täter finden immer wieder neue Wege, um einen Betrug zu begehen.»Obwohl van Heerden keine Zunahme in der Anzahl Delikte sieht, hat sich dennoch die Werthaltung der Mitarbeiter verändert. «Früher waren Mitarbeiter viel stärker mit einem Unternehmen verbunden», sagt er. So war es üblich, dass ein Mitarbeiter während seines gesamten Arbeitslebens einer Firma treu blieb.

Die Tatmotive sind unterschiedlicher Natur. «Manchmal ist es eine persönliche Abrechnung, manchmal einfach nur Gier», sagt van Heerden. Dabei würden sich die Täter oft neuen Luxus leisten, wie Autos, Yachten und Schönheitsoperationen, aber auch Ausflüge ins Rotlichtmilieu oder in Spielkasinos. Teilweise sind aber auch ganze Unternehmen in ein Wirtschaftsdelikt verwickelt. «Meistens geht es dabei um Korruptionsfälle, in denen beispielsweise eine Firma hochrangige Beamten eines Land bestochen hat, um ihre Präsenz dort aufbauen zu können», sagt er.

Management hat Verantwortung

Aber auch die Rezession führt zu einer zunehmenden An- zahl von Betrugsfällen. So sind Krisen dafür bekannt, die Hemmschwelle des Einzelnen zu sen-ken. «Mitarbeiter sind frustriert und haben Angst um ihre Exis-tenz.» Aber auch das Verhalten in der Führungsetage kann kriminelle Energien der Mitarbeiter wecken. Der von der KPMG ermittelte «Fraud Barometer» zeigt, dass Missbräuche hauptsächlich im Management stattfinden. Im Jahr 2008 betrug die Deliktsumme über 1 Mrd Fr., und rund drei Viertel davon wurden in der Teppichetage begangen. «Werden Täter in der Führungsebene nicht zur Rechenschaft gezogen, verzerrt dies automatisch die Moral- und Werthaltung aller Mitarbeiter», sagt van Heerden. Umso wichtiger sei es daher, dass die Firmen ein Exempel statuieren und die Täter zur Verantwortung ziehen respektive entlassen würden.

Allen Warnungen zum Trotz, kehren viele Firmen aufgedeckte Fälle noch immer unter den Teppich. «Ein Geschäftsführer beispielsweise kann nicht immer sofort entlassen werden. Die Auswirkung auf das Unterneh-men wäre zu gross», sagt der Wirtschaftsdeliktsexperte. Vielfach sei dann zu hören, dass die Schadenssumme im Vergleich zum gesamten Geschäftsvermögen relativ klein sei. Nicht zuletzt möchten sich aber viele Firmen vor einem Reputationsschaden schützen.

NACHGEFRAGT Anne van Heerden, Partner und Leiter KMPG Forensic


«Internet bietet neue Gelegenheiten»

Wie hat sich die Form der Betrugsfälle in Unternehmen in den vergangenen Jahren verändert?

Anne van Heerden: Früher wurde hauptsächlich Bargeld entwendet oder es kam zu Bestechungen. Das veruntreute Geld wurde anschliessend meistens auf ein Privatkonto transferiert. Heute bieten vor allem die elektronischen Hilfsmittel wie Internet oder E-Banking den Tätern Gelegenheit, auch grössere Betrugsfälle zu begehen. Das entwendete Geld wird anschliessend nicht wie früher auf ein Privatkonto einbezahlt, sondern vielfach in Briefkastenfirmen eingeschleust.

Also birgt das Internet für Unternehmen heutzutage die grössten Gefahren?

Van Heerden: Natürlich gibt es auch andere Delikte, die im Wirtschaftsbereich begangen werden, wie beispielsweise Betrug und Korruption. Aber klar ist: Das Internet bietet den Tätern eine grosse Möglichkeit, auf einfache Weise ein Delikt zu begehen und es anschliessend zu verschleiern. So kämpfen wir im elektroni-schen Bereich jeweils mit einer enorm hohen zu verarbeitenden Datenmenge. Eine grosse Gefahr sind für Firmen aber auch sogenannte Hacker-Angriffe von aussen.

Unternehmen haben mit Betrugsfällen, aber auch mit Compliance-Risiken zu kämpfen - also mit der Verletzung gesetzlicher und unternehmensrechtlicher Bestimmungen durch Mitarbeiter. In welchen Branchen sind diese Risiken besonders gross?

Van Heerden: Besonders Industrien - im Korruptionsbereich mit dem amerikanischen Foreign Corrupt Practices Act - sowie Banken und Versicherungen sind diesem Risiko ausgesetzt.

Firmen versuchen, Risiken durch eine gute Corporate Governance zu minimieren. Doch wird dadurch nicht die Bürokratie ausgeweitet?

Van Heerden: Sicherlich ist der Aufbau und der Unterhalt einer effizienten Compliance-Organisation mit viel Aufwand verbunden. Aber hauptsächlich dadurch können Wirtschaftsdelikte und Compliance-Risiken im eigenen Unternehmen im Voraus minimiert werden.

In wie vielen Fällen kommt es vor, dass eine Person falsch verdächtig wird?

Van Heerden: In 95% der Fälle können nach dem Verdacht handfeste Beweise dafür vorgelegt werden, dass ein Delikt begangen wurde. Das ist natürlich auch für uns eine Erleichterung. Niemand betreibt gerne einen grossen Aufwand, um im Anschluss dann die Übung wieder abbrechen zu müssen.

Was ist für Sie der schönste Moment bei der Ausübung Ihrer Tätigkeit?

Van Heerden: Natürlich die Genugtuung, einen Fall aufgedeckt zu haben. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Unternehmen, das Lancieren von geeigneten Präventionsmassnahmen, um vor der Wirtschaftskriminalität zu schützen. Besonders jetzt ist es wichtig, dass die Unternehmen ihre Richtlinien auf dem aktuellsten Stand halten. Denn momentan ändert sich im regulatorischen Umfeld sowie bei den Betriebsrisiken viel.

Sie jagen täglich irgendwelchen Wirtschaftskriminellen hinterher. Haben Sie noch immer ein positives Weltbild?

Van Heerden: Nein, ich muss zugeben, ich bin sehr kritisch allem gegenüber, und mein Weltbild ist sicherlich nicht das Positivste. Meine Frau muss mich dann immer wieder bremsen (lacht).

Wie äussert sich dies?

Van Heerden: Erst kürzlich haben meine Frau und ich Ferien in Portugal gebucht. Die Art und Weise, wie die Zahlung stattfinden sollte, hat mich verunsichert. Also habe ich einen Berufskollegen in Portugal angerufen und ihn gebeten, Informationen über den Ferienbetreiber einzuholen. Meine Frau hatte natürlich keine Freude. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich durch meinen Job auch im Privatleben viele Sachen hinterfrage.