Ohne Uhrwerk keine Uhr. Das gilt für elektronische Zeitmesser genauso wie für mechanische. Allerdings gestaltet sich der Erwerb von Quarzkalibern deutlich einfacher als der von konventionell tickenden Mikrokosmen. Denn der diesbezügliche Markt kocht, das Angebot ist zu knapp. Vor allem Uhrwerke mit Zusatzfunktionen (Chronographen usw.) sind begehrt wie nie zuvor.

Viele Marken sehen deshalb ihr Heil in der Vertikalisierung, sie nehmen die Konstruktion und den Bau eigener Kaliber in Angriff. Auf diese Weise steigt die Zahl echter Manufakturen kontinuierlich an. Daneben vergrössert sich aber auch das Angebot freier Rohwerkefabrikanten neben der ETA.

Artenvielfalt wird noch breiter

Somit dürfte die uhrmacherische Zukunft geprägt sein von zunehmender Pluralität. Sehr zur Freude der potenziellen Kunden, die in den Genuss einer spürbar grösseren Artenvielfalt kommen.

Neben den Chronographen erfreuen sich Tourbillons seit Jahren einer bemerkenswerten Popularität auf hohem Preisniveau. Der anhaltende Uhrenboom bringt allerdings auch fragwürdige Exzesse mit sich. Einen davon präsentiert Romain Jerome mit dem Modell Day & Night. Dessen Kaliber RJ One mit Stahl-/Titan-Gehäuse und zwei vorne sichtbaren, über ein Differentialgetriebe miteinander verbundenen Tourbillons hat BNB-Concept (Enrico Barbasini, Michel Navas und Mathias Buttet) in Crans-pres-Celigny exklusiv für Romain Jerome entwickelt. Das fast schon Perverse an den insgesamt neun Exemplaren: Eine Zeitanzeige ist nämlich nicht vorhanden ...

 

 

Girard-Perregaux Wer von GP und Tourbillons spricht, der denkt an die legendäre Drei-Brücken-Konstruktion, welche gegen 1860 in Taschenuhren debütierte. 1991 machte die verkleinerte Armband-Version im Rahmen des 200. Firmenjubiläums von sich reden. Nachdem sich die Wirksamkeit konventioneller Tourbillons bei Armbanduhren in Grenzen hält, bringt das Jahr 2008 insgesamt 33 Exemplare der Evolutionsstufe mit Namen Tourbillon Bi-Axial und damit mit zwei ineinander konzentrisch angeordneten Drehgestellen. Hemmung, Unruh mit variablem Drehmoment und Spiralfeder befinden sich innen. Der Gangregler rotiert einmal pro 45 Sekunden. Seine Unruhfrequenz beträgt 3 Hertz. Der äussere Käfig benötigt pro Umdrehung 1 Minute und 15 Sekunden. Somit hat sich das Ensemble nach 3 Minuten und 45 Sekunden einmal komplett im Kreise bewegt. Das Uhrwerk zeigt sich durch das Zifferblatt und den Boden. Das Käfigduo aus Gold, Titan und Edelstahl besteht aus 113 Komponenten, wiegt aber nur 0,80 g. Zwei koaxial angeordnete Federhäuser bewirken 72 Stunden Gangautonomie.

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Montblanc Auf exklusive Mechanik setzt Montblanc zum heurigen 100. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags zur Gründung der Simplo Filler Pen Co. mit Firmensitz in Hamburg. Dieses runde Jubiläum veranlasste den Füllerspezialisten zur Kreation des Modells Rieussec mit rotierenden Chronographen-Zifferblättern. Der französische Uhrmacher hatte 1821 einen echten Zeitschreiber zum Stoppen von Pferderennen erfunden. Und der hatte auch schon über drehbare Scheiben verfügt.

Für die Konstruktion und Herstellung des neuen 13¾-linigen Handaufzugswerks mit der Bezeichnung MB R100 (Durchmesser 31, Höhe 7,6 mm) zeichnet die Schwester Manufacture Horlogère ValFleurier in Buttes verantwortlich. Dort beschäftigte sich Uhreningenieur Eric Klein seit mehr als einem Jahr mit dem aus 286 Komponenten bestehenden Handaufzugskaliber, dessen Schraubenunruh mit einem Durchmesser von 9,7 mm und einem Trägheitsmoment 12 mg/cm² mit 4 Hertz (28800 A/h) oszilliert.

Technisch handelt es sich beim 2008er Rieussec um eine Konstruktion mit klassischer Schaltradsteuerung der zeitschreibenden Funktionen Start, Stopp und Nullstellung. Ausdruck der Gegenwart ist eine vertikale, weitgehend verlustfrei arbeitende Friktionskupplung. Als Reminiszenz an die Vergangenheit kann hingegen die Bedienung mit nur einem Drücker gelten. Er ruft sequentiell alle drei Funktionen ab. Additionsstoppungen sind nicht möglich. Einen zentral angeordneten Chronographenzeiger gibt es ebenso wenig wie Rieussecs tintengefüllte Schreibspitze. Stattdessen finden sich im unteren Zifferblattsegment zwei Drehscheiben. Die linke gibt den Sekunden-Chronographen ab, die rechte einen Totalisator, der bis 30 Minuten reicht.

Das Zeitgeschehen spielt sich in der oberen Zifferblatthälfte ab. Dort ziehen drei Zeiger für Stunden, Minuten und das Datum ihre Kreise. Das Uhrwerk besitzt zwei Federhäuser für 72 Stunden Gangautonomie.

Carl F. Bucherer Bei CFB, gegründet 1888, bricht 2008 ein neues Zeitalter an. Neben den bewährten ETA-Kalibern wird es künftig nämlich auch Uhrwerke aus eigener Manufaktur geben. Zu diesem Zweck hat CFB am 1. Juli 2007 die Techniques Horlogèrs Appliquées SA (THA) in Ste.-Croix erworben. Dort nahmen die Arbeiten an einem aussergewöhnlichen Manufakturkaliber mit Selbstaufzug bereits 2005 ihren Lauf. Es nennt sich CFB 1340 und wird seinen Einstand während der «BaselWorld» 2008 geben.

Das mittlerweile beliebte Thema «Klon», also der Nachbau eines vorhandenen, nicht mehr durch Patente geschützten Uhrwerks, schloss CEO Thomas Morf von Anbeginn konsequent aus. Anderseits erfolgte aber auch eine frühe Festlegung auf eine neuartige Bauweise mit exklusiven konstruktiven Merkmalen. Daneben umfasst das Pflichtenheft eine ganze Reihe anderer Zielvorgaben, zu denen ein Mix aus Tradition und Innovation gehört. Repräsentanten bewährter Technik sind klassisches Regulierorgan, Schweizer Ankerhemmung und überliefertes Räderwerk mit Steinlagern. Ein progressives Kaliberdesign ergibt sich aus dem ungehinderten Blick auf Brücken, Kloben und andere Komponenten.

Unabdingbar war auch der Plattformcharakter, um das neue Uhrwerk mit zusätzlichen Funktionen auszustatten. Die Möglichkeit halbindustrieller Rohwerke-Fabrikation war ebenfalls eine unverzichtbare Bedingung.

Carl F. Bucherer hat sich ganz bewusst für eine peripher rotierende Schwungmasse entschieden, wie sie früher schon Patek Philippe beim Kaliber 350 und Longines bei der Kaliberfamilie 34x verwendet hatten. Das von CFB zum Patent angemeldete System weist jedoch eine effiziente Stosssicherung auf. Die Rotorlagerung besteht aus DLC-beschichteten Rollen, welche ihrerseits mit Kugellagern ausgestattet sind. Keramikkugeln garantieren weitgehende Wartungsfreiheit. DLC steht für Diamond Like Carbon, also eine hoch resistente Kohlenstoffbeschichtung. Beim Kaliber CFB 1340 sind die Rollen-Kugellager-Kombis auf beweglichen Wippen montiert, welche mittels Federarmen exakt positioniert werden. Die Justierung der Wippen erfolgt durch Exzenter.

Die neuartige DAS-Stosssicherung (Dynamic Shock Absorption) wirkt sehr effizient. Die kinetische Energie der Schwungmasse leitet ein stossgesichertes Übertragungsrad an das Aufzugsgetriebe weiter. Bei heftigen Stössen limitieren die Brückenwände radiale Auslenkungen der Schwungmasse. Das axiale Spiel begrenzen spezielle Schrauben. Auf diese Weise kann der Rotor nicht gegen den Gehäuseboden schlagen.

Eine weitere Besonderheit des neuen Automatikwerks besteht in der Effizienz des Selbstaufzugs. Die Schwungmasse liefert Energie in beiden Drehrichtungen. Ein verlustarmes Aufzugsgetriebe bewirkt die Polarisierung der Rotorbewegungen; es besteht aus zwei Kupplungsrädern mit exzentrisch montierten Klemmrollen. Das bestechend einfache Duo tritt wechselwirkend in Aktion und arbeitet überdies wartungsfrei.

Beim Schwing- und Hemmungssystem setzt CFB auf das patentierte Central-Dual-Tuning-System mit zentralem Steuerelement. Der Mittelpunkt des Schwing- und Hemmungsorgans (Repère) bedarf der einmaligen Justage. Danach erfolgt eine Fixierung gegen Stösse. Zur dauerhaften Qualitätssicherung muss die Feinregulierung mit Hilfe eines Spezialschlüssels erfolgen. Die Lagerung der Unruh samt ihrer Welle erfolgt beidseitig durch zwei identische Incabloc-Stosssicherungen.

Schliesslich verfügt das 30 mm grosse und 4,3 mm hohe Manufaktur-Erstlingswerk über eine Gangautonomie von 55 Stunden.

Ulysse Nardin Der Technik-Freak kann in der modernen Uhrmacherei unbestritten als Silizium-Pionier gelten. Bei der Sonata Silizium unterstreicht die neue alte Manufaktur einmal mehr die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Silizium. So wird das Zifferblatt direkt aus einem Silizium-Wafer geschnitten. Im gleichen Verfahren entsteht das Logo des Goldrotors. Natürlich verfügt auch das 4-Hertz-Automatikkaliber UN-67 (Unruhfrequenz 28000 A/h) über eine Ankerhemmung aus Silizium. Sie ist das Resultat eines Studienprogramms, welches die ASRH (Association Suisse pour la Recherche Horlogère – Schweizer Vereinigung für Forschung der Uhrmacherei) unter Beteiligung von Ulysse Nardin durchgeführt hat.

In diesem Sinne besteht die Hemmung erstmals in einem kommerziell gefertigten Zeitmesser vollständig aus Silizium. Folgende Komponenten kommen zur Anwendung: Anker mit geätzter Vorder- und Rückseite sowie integriertem Sicherheitsstift, Rolle mit geätzter Vorder- und Rückseite sowie eingearbeitetem Impulsfinger und zum Patent angemeldete Spiralfeder aus Silizium.

Alle Siliziumkomponenten fertigt Sigatec, ein Joint-Venture-Unternehmen von Mimotec und Ulysse Nardin. Ansonsten basiert Sonata Silizium auf den technischen Besonderheiten der Sonata Cathedral Dual Time mit patentiertem Tonfeder-Weckerwerk und Countdown-Anzeige.

Jaeger-LeCoultre Die florierende Richemont-Tochter zelebriert 2008 den 175. Geburtstag und präsentiert aus diesem Anlass eine bereits erwartete Konstruktion namens Gyrotourbillon 2 im Wendegehäuse des Markenleaders Reverso. Dadurch erfährt das sphärische Tourbillon einen weiteren, allerdings manuell herbeizuführenden Dreh. Die Manufaktur-Mechanik in Form des Handaufzugskalibers 174 verfügt über 50 Stunden Gangautonomie und wird erst nach ausgiebigem 1000-Stunden-Test geliefert.

Seine Raffinesse steckt im ausgeklügelten Detail. Dazu gehört die auf 4 Hertz gesteigerte Unruhfrequenz. Auch die Drehgeschwindigkeit des sphärischen Tourbillons hat Jaeger-LeCoultre erhöht. Der innere der beiden Käfige benötigt für eine vollständige Umdrehung 18,75 Sekunden. Sein äusserer Partner mit Sekundenzeiger rotiert weiterhin im Minutentakt. Das kugelförmige Gebilde mit leichtem Aluminiumgestell besteht aus 100 Komponenten und wiegt lediglich 0,34 g.

Einmalig in Armbanduhren ist die zylindrische Unruhspirale, deren Erfindung auf den englischen Uhrmacher John Arnold und das Jahr 1782 zurückgeht. Bei Marinechronometern spielte die Bauhöhe keine sonderliche Rolle – bei Armbanduhren schon. Aber speziell ein sphärisches Tourbillon bietet genügend Platz für eine Turmspirale. Deren Rohling produziert die Glashütter Schwester A. Lange & Söhne. Das weitere Prozedere vollzieht sich in Le Sentier bei Jaeger-LeCoultre unter Berücksichtigung der spezifischen Tragebedingungen am Handgelenk. Sie bedingten spezielle Endkurven. Jede dieser Spiralen verlangt nach einer Woche intensiver Arbeit.

Die zugehörige Unruh mit durchbrochenen Speichen, 9 mm Durchmesser und 12,5 mg/cm² Trägheitsmoment besteht vollständig aus 14-karätigem Gold. Ihre Regulierung geschieht mit Hilfe von sechs Exzentern am Unruhreif. Je nach Massebedarf bei der Veränderung des Trägheitsmoments greifen die Uhrmacher zu Scheiben aus Weiss-, Gelb- oder Rotgold. Sechs Stosssicherungen schützen den gesamten Drehkörper. Der Aufzugsmechanismus mit konischen Rädern verkörpert ebenfalls spürbaren Fortschritt auf dem Sektor der zeitbewahrenden Mikromechanik.

Frédérique Constant Der klassischen Ausprägung des Tourbillons huldigt auch Frédérique Constant. Beim Genfer folgt auf die 2007 vorgestellte Manufaktur-Automatik FC-935 mit ultraleichtem, reibungsarmem und amagnetischem Silizium-Ankerrad das eigene Heart Beat Tourbillon. Hier sorgt Silizium für schmiermittelfreien Betrieb. Dessen Vorzüge und die – verglichen mit stählernen Ankerrädern – insgesamt bessere Energiebilanz bescheren dem Manufaktur-Tourbillon Kaliber FC-980-1 verblüffende Schwingresultate. In den Flachlagen Zifferblatt oben sowie unten besitzt es eine Unruh-Amplitude von über 300 Bogengraden. Selbst in hängender Position beträgt die Unruh-Amplitude noch über 275 Bogengrade.

Die Kreativität der Techniker erschöpft sich jedoch nicht in diesem winzigen, von Mimotec in Sitten gefertigten Bauteil. Das Drehgestellt besteht aus 81 grösstenteils von Frédérique Constant mit minimaler Toleranz hergestellten Bauteilen. Weil die gleichmässige Masseverteilung trotzdem beinahe unmöglich ist, wurde in Plan-les-Ouates in Genf das sogenannte Smart-Screw-System ersonnen. Aussen am Käfig montiert, gestattet es ein perfektes Auswuchten. Der schwierige, etwa acht Stunden beanspruchende Balanceakt vollzieht sich mit Hilfe winziger, durch zwei kleine Schrauben gehaltene Metallringe.

Die Unruh des 30,5 mm grossen Automatikkalibers mit 48 Stunden Gangautonomie vollzieht stündlich 28800 Halbschwingungen. Neben den Stunden, Minuten und Sekunden lässt sich auch ablesen, ob gerade Tag oder Nacht herrscht. Summa summarum besteht das Opus technicus aus 188 Komponenten.

Alpina Die Uhrenmarke aus Genf wird 2008 stolze 125 Jahre alt und wartet zum Geburtstag mit einem eigenen Automatikkaliber auf. Als Mitglied der Frédérique-Constant-Gruppe kommen Synergien zum Tragen. Das AL-950 im Erfolgsmodell Avalanche Extreme Regulateur verfügt über eine dezentrale Stundenanzeige bei der 10. Ausserdem zeigt es die Minuten, Sekunden sowie bei der 6 das Datum an.

Konstruktiv lassen sich Parallelen zu den Manufakturkalibern von Frédérique Constant ausmachen. Diese Querverbindung macht Sinn, denn auf Bewährtes bauen erspart Zeit, Ärger und vielleicht auch Nachbesserung. Der schwarze Zentralrotor ist für das Spannen einer Zugfeder und die wiederum für eine 48-stündige Gangautonomie zuständig. Die Gestaltung der Schwungmasse erinnert an Straub & Co, die Entwickler des ersten Alpina-Automatikkalibers 582 von 1945. Der tickende Newcomer besitzt 25 funktionale Steine. Die klassische Glucydur-Unruh und die Unruhspirale vom Typ Nivarox 1 wurden für eine Frequenz von stündlich 28800 Halbschwingungen berechnet.

A. Lange & Söhne Die Glashütter Nobelmanufaktur bietet im neuen Tourbillon optimal wahrnehmbare Zeiger und ein Grossdatum. Das Handaufzugskaliber L042.1 misst 22,3 x 32,6 x 6,35 mm, besitzt zwei Federhäuser, fünf Tage Gangautonomie und – als Weltpremiere – einen Unruhstopp. Letzterer verlangte den sächsischen Technikern einiges Tüfteln ab, denn das permanent rotierende Tourbillon bereitet bei der Realisation dieses scheinbar simplen Beiwerks erhebliche Probleme. Lange hat sich einen komplexe Hebelmechanismus ausgedacht, der einen beweglich gelagerten Stopphebel mit zwei V-förmig gebogenen Federarmen an den Umfang des Unruhreifs drückt.

Dieser Lösungsweg ist komplexer Natur, weil ein Arm der Bremsfeder auch auf einen der drei Käfigpfeiler treffen kann. Doch das zeitigt dank ausgeklügelter Geometrie keine spürbaren Auswirkungen. Die asymmetrische Kurvenform der beiden Federenden lässt das Hebelpaar im Verbund oder auch separat wirken. Das Uhrwerk tickt im Rechteck-Gehäuse der 1997 lancierten Cabaret.