Selbstständige Pensionskassen können ihre operativen Tätigkeiten an den Dienstleister Avadis auslagern. Mitte 2008 wurde diese Dienstleistung von rund 90 Vorsorgeeinrichtungen genutzt.

Wie sieht die Situation bei den Vermögen der von Ihnen verwalteten Kassen aus?

Christoph Oeschger: Sehr unerfreulich. Je nachdem, ob die Pensionskassen konservativer oder weniger konservativ positioniert sind, sind die Verluste grösser oder kleiner.

Kann man eine Zahl nennen?

Oeschger: Durchschnittlich spricht man in der Branche von einem Minus zwi-schen 7 bis 8%, wir sehen bei den von uns verwalteten Mandaten Rückgänge von zwischen 4 und 8%.

Wie lange geht es noch so weiter?

Oeschger: Wir sind bei Prognosen sehr vorsichtig. Wir denken aber, dass momentan zum Teil irrationale Entwicklungen ablaufen. Das muss in absehbarer Zeit relativ heftig gegen oben korrigiert werden.

Müssen Pensionskassen saniert werden?

Oeschger: Die Sanierung von Pensionskassen könnte leider zum Thema des Jahres 2009 werden. Ein substanzieller Teil der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen war Ende Oktober unterdeckt. Wir gehen davon aus, dass die Situation ähnlich sein wird wie 2002. Eine Sanierung kann für die einzelnen Versicherten brutal sein. Aber wenn die Märkte nicht die erwartete Entwicklung bringen, gehört es zum professionellen Führen einer Pensionskasse, schnell aktiv zu werden.

In den letzten Jahren investierten die Pensionskassen viel Geld in alternative Anlagen, also Hedge-Fonds, Private Equity, Immobilien oder Rohstoffe. Wird sich dieses Anlageverhalten wieder ändern?

Oeschger: Ja. Insbesondere die Hedge-Fonds stehen wohl vor einer Zäsur. Viele Verantwortliche nahmen Hedge-Fonds oder Absolute-Return-Produkte ins Portefeuille, weil sie als krisenresistenter galten. Jetzt machen sie sich Gedanken darüber, ob die Fonds brachten, was man sich von ihnen versprach. Meine Vermutung ist, dass nicht alle Pensionskassen diese Frage mit Ja beantworten werden. Hedge-Fonds liefen zwar etwas weniger schlecht als Aktien, aber das wird vielen Pensionskassen nicht reichen. Dazu spielen andere Argumente eine Rolle: Wer in Hedge-Fonds investiert, ist in den Medien viel eher ein Thema, ausserdem gibt es wohl auch moralisch gewisse Bedenken. Sogar erfolgreiche Hedge-Fonds werden darum massiv unter Druck geraten.

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Wie sieht es bei den Rohstoffen und bei Private Equity aus?

Oeschger: Auch Private Equity wird unter Druck kommen, aber es wird kaum eine Zäsur geben wie bei Hedge-Fonds. Die Resultate bei den Rohstoffen sind fast noch schlechter als bei den anderen Anlagen.

Der Bundesrat hat soeben den BVG-Mindestzins auf 2% gesenkt. Nimmt das etwas Druck weg?

Nein, die Senkung des Mindestzinses bringt überhaupt nichts.

Weshalb?

Oeschger: Ob eine Pensionskasse ein Viertelchen mehr oder wenig verzinsen muss, spielt finanziell keine Rolle. Sicher, es bringt viel, ein Zeichen zu setzen, man kann zeigen, dass es schlecht steht. Aber ich frage mich schon: Ist es richtig, dass gewisse kluge Leute einige Mal im Jahr um einen runden Tisch sitzen und diskutieren, ob ein Satz von 1,75 % besser wäre als einer von 2,0%? Gäbe es nicht eine Berechnungsformel, die nachvollziehbarer wäre und zu ähnlichen Ergebnissen führen würde, und die dafür sorgen würde, dass sich diese klugen Köpfe Wichtigerem widmen könnten? Letztes Jahr setzte man den BVG-Mindestzinssatz für dieses Jahr auf 2,75% herauf ? und nun schauen Sie sich an, was die Börse macht. Jetzt senkt man ihn, und vielleicht läuft die Börse dann nächstes Jahr gut.

Sie Fordern ebenfalls eine fixe Formel zur Berechnung des Mindestzinssatzes?

Oeschger: Selbstverständlich. Die 2. Säule wird immer stärker reglementiert. Die Branche muss sich professionalisieren. Doch dann sitzen, salopp gesagt, zehn Personen um einen Tisch und überlegen sich, welcher Zins der richtige ist ? das korrespondiert nicht mit der Realität. Wenn wir bei der Avadis eine Strategie modellieren, wenden wir mathematisch komplexe Verfahren an und machen uns Gedanken über die mittelfristigen Verpflichtungen. Beim Mindestzins hingegen macht es einmal hü und einmal hott.

Könnte man den Mindestzins streichen?

Oeschger: Die Pensionskassen können mit dem Mindestzins leben, aber selbstverständlich, man könnte ihn streichen. Der beste Zins wäre der Nullzins. Dann würden die Pensionskassen einfach weitergeben, was sie verdient haben. Man kann mathematisch zeigen, dass dieses System leistungsfähiger wäre. Denn je höher die Verpflichtung ist, desto höher ist die Forderung nach Reserven. Je höher der Zwang ist, auch in schlechten Zeiten zu geben, desto mehr Reserven äufnen die Pensionskassen und desto seltener begünstigen sie die Versicherten. Die Pensionskassen können sich hinter dem Argument verschanzen, dass sie selbst bei schlechten Märkten so viel weitergeben müssen, dass sie hohe Reserven brauchen.

 

 


Keine Panikverkäufe bei Pensionskassen

Traditionellerweise sitzen Anlageausschüsse und Stiftungsräte der Pensionkassen im November oder Dezember zusammen, um das Jahr Revue passieren zu lassen und die Anlagestrategie zu beraten. Zu lachen gibt es heuer nichts. Bei einer grossen Zahl von Pensionskassen dürften sich die Wertschwankungsreserven ganz erheblich reduziert haben, sagt Hansruedi Scherer, Partner bei PPCmetrics, einer Beratungsfirma für institutionelle Anleger.

Trotzdem scheinen die Pensionskassen bisher besonnen gehandelt haben, so die Einschätzung von Michael Brandenberger, CEO der Beratungsfirma Complenta. Allerdings werde es derzeit jeden Tag schlimmer. «Darum stellt sich die Frage, wie sich die Pensionskassen verhalten, wenn es noch lange so weitergeht», sagt Brandenberger.

Bei den meisten Pensionskassen muss der Aktienanteil innerhalb einer bestimmten Bandbreite liegen. Viele von ihnen müssten wegen der Kursverluste nun eigentlich Aktien zukaufen. Kassen, bei denen weitere Kursverluste für Arbeitnehmer und -geber inakzeptabel hohe Sanierungsbeiträge nach sich ziehen würden, warten laut Scherer mit dem Aktienkauf zu. Im schlimmsten Fall müssen sie gar Aktien abstossen, um ihr Verlustrisiko einzudämmen. Minimieren sie jetzt die Risiken, haben sie laut Michael Brandenberger aber nur eine Gewissheit: Dass sie die Verluste nicht mehr aufholen werden.

Nicht nur darum lohnt es sich, ruhig zu bleiben. Verkäufe führen nämlich zuallererst zu hohen Transaktionskosten, mahnt Hansruedi Scherer. (mju)