Die Entfremdung des Bürgers vom Kapitalismus kommt manchmal wenig überraschend. Zu oft sorgen Preisexzesse für Kopfschütteln. Das erste West-Auto von Kanzlerin Angela Merkel sollte in einer Auktion kurzzeitig 130'000 Euro kosten. Moderne Malerei notiert im zweistelligen Millionenbereich, was selbst Profiteure wie der Künstler Gerhard Richter «als völlig absurd und eigentlich lächerlich» bezeichnen. Und der Adiletten-versessene Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zahlt eine Milliarde Dollar für die Bonsai-Firma Instagram mit quasi null Umsatz.

In diesen Wochen trifft der Virus der Entfremdung einige Schweizer Aktionäre. Die Firmen laden zu den alljährlichen Generalversammlungen. Zwischen Buffet und Bilanz sind dort auch die Löhne von Management und Verwaltungsrat ein Thema. Angesichts der mitunter astronomischen Gehälter kommt so mancher ins Grübeln. Eine diffuse Mischung aus Moral, Neid und messbaren Kriterien führt unweigerlich zu den Kernfragen. Haben die diese Millionen wirklich verdient? Sind das nicht alles Abzocker? Kann man den Wert eines Chefs überhaupt beschreiben?

Gefühlt sind die Chefsaläre hoch, vereinzelt viel zu hoch

Man kann, behaupten Forscher der Universität Stanford. «Der Wert der Bosse» heisst eine Ende 2011 veröffentlichte Studie und sie dürfte Balsam für die geschundene Managerseele sein. Die US-Experten halten es für völlig gerechtfertigt, wenn ein Chef das Doppelte des ihm direkt Untergebenen verdient. Rechnet man das über die ganze Hierarchie, tut sich eine stolze Lohnschere auf.

Die Begründung der US-Forscher klingt einleuchtend. Der Einfluss des Chefs auf seinen Mitarbeiter sei signifikant. Er trage 60 Prozent mehr zum Erfolg des Unternehmens bei als seine direkt Untergebenen. In ihrer Studie bewirkte ein zusätzlicher Chef die Abarbeitung von zwölf weiteren Arbeitsaufträgen. Ein zusätzlicher Angestellter schaffte nur 7,5.

Trotz solcher Studien folgt auf die Frage nach dem richtigen Managergehalt oft nur ein Stochern im Nebel. Gefühlt sind die Chefsaläre freilich hoch und vereinzelt viel zu hoch. Das Zusammenspiel von Grossverdienerkartell, schwachen Verwaltungsräten und den vermeintlich unbezwingbaren Marktkräften treibt den Preis für die Bosse tendenziell nach oben.

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Eine starke Aktionärsdemokratie sorgt für mehr Bescheidenheit

Darum braucht es ein Korrektiv. Irgendwann sollen nicht nur sinnvolle Gesetzesvor-lagen vors Volk kommen. Bis dahin kann bereits eine freiwillig gestärkte Aktionärsdemokratie für mehr Bescheidenheit in den Chefetagen sorgen. Abstimmungen über den Vergütungsbericht – sogenannte «Say on pay»-Prozeduren – sind zwar kein Wundermittel, aber schlechte Ergebnisse müssen dem Führungspersonal immerhin peinlich sein.

Die Spitze der Swiss Re durfte das bereits erfahren. Nur rund 80 Prozent der Aktionäre billigten die Entlöhnung. Und bereits zeichnen sich die nächsten Schlappen ab. So gelten etwa die Zustände bei Credit Suisse und UBS als mehr als fürstlich, zumal Letztere ihrem kommenden Verwaltungsratspräsidenten Axel Weber bereits vorab 4 Millionen Franken zugesprochen hat.

Doch längst nicht alle Schweizer Chefs haben bislang die Grösse, sich einem «Say on pay»-Verfahren zu stellen. Die Anlagestiftung Ethos beobachtet rund hundert Firmen. Davon schafften bislang erst 48 den Schritt Richtung Glasnost. Diese Zahl muss sehr schnell viel grösser werden – hoffentlich einst mit gesetz-licher Unterstützung. Nur so lässt sich der schleichenden Entfremdung vorbeugen.

Der neue Apple-Chef Tim Cook kassierte übrigens für 2011 eine Gesamtvergütung von über 376 Millionen Dollar. Das ist so völlig -absurd und eigentlich lächerlich wie die 2500 Euro, die eine Sammlerin für zwei vertrocknete Pommes frites eines Künstlers zahlen wollte.