Die Konjunkturexperten haben ihre Wachstumsprognosen für die Schweiz jüngst zurückgenommen. Verdüstern sich damit auch die Aussichten am Aktienmarkt?

Marco Curti: Die Börsenentwicklung spiegelt nicht einfach die Wachstumschancen in der Schweiz, sondern ist auch abhängig von der weltwirtschaftlichen Lage ganz allgemein. Die Abwärtskorrektur bei den Prognosen für das Schweizer Bruttoinlandprodukt hat aber sicher einen gewissen Einfluss auf die erwartete Gewinnentwicklung, speziell bei den binnenorientierten Gesellschaften. Kurzfristig ist allerdings der Preisverlauf am Ölmarkt oder der Dollarkurs wichtiger.

Der steigende Ölpreis schöpft Kaufkraft ab. Das dürfte die schon verunsicherten Anleger eher von einem Engagement am Aktienmarkt abhalten.

Curti: Wenn der Ölpreis jeweils nach oben schnellte, gab es an den Aktienmärkten regelmässig kleinere Rückschläge. Andererseits haben die Börsen den massiven Anstieg der Rohölnotierung doch relativ gut verdaut. Der hohe Ölpreis vermag das wirtschaftliche Wachstum zu bremsen und die Inflation zu beschleunigen. Bisher haben sich die Märkte eher auf das erstere Phänomen konzentriert.

Trotzdem ist ein gewisser Teuerungsdruck unübersehbar. Wir sind bei unseren Prognosen entsprechend vorsichtig und empfehlen unseren Kunden, die Aktienquote derzeit leicht unterzugewichten. Im letzten Jahr liess sich die Ölverteuerung teilweise mit Naturkatastrophen und Raffinerieengpässen erklären, während jetzt eine konstant hohe Nachfrage für den Preisanstieg sorgt. Mit der eingeleiteten Produktionsausweitung durch die Förderländer sehen wir bis zum Jahresende einen Ölpreis, der sich um die 50 Dollar je Fass bewegt.

Der Obligationenmarkt bietet mit seinen teils rekordtiefen Zinsen auch keine guten Perspektiven?

Curti: Dieses Dilemma plagt die gesamte Anlegerschaft. Deshalb sind auch viele Investoren auf den Aktienmarkt ausgewichen. Die Unternehmensgewinne haben sich positiv entwickelt, und bei vielen Titeln lockt eine hohe Dividendenrendite. Aus diesem Grund wiesen die Aktienmärkte in den ersten Monaten 2005 auch eine gute Performance auf. Es lohnt sich aber im Moment, einen Teil der Gewinne mitzunehmen, um dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder einzusteigen.

In den USA werden die Leitzinsen laufend angehoben, bei uns ist die Zinswende aber noch kaum eingetreten. Wird sich das bald ändern?

Anzeige

Curti: Nein, das dürfte kaum sehr rasch eintreten. In Übersee erwarten wir weitere Zinsschritte von jeweils einem Viertelprozent. Europa ist diesem Erhöhungstrend nicht gefolgt. Einige Beobachter sprechen gar von einer Zinssenkung. Das scheint uns übertrieben. Der wirtschaftliche Verlauf ist zwar eher schleppend, aber wir haben keine Rezession. Wir sehen bis in die zweite Jahreshälfte hinein keine Zinsveränderung im Euroraum. In der Schweiz dürfte die Entwicklung aufgrund der schwachen Konjunktur parallel verlaufen.

Es wird noch immer sehr viel Geld gehortet. Was braucht es, damit wenigstens ein Teil davon an den Aktienmarkt fliesst?

Curti: Es braucht einen positiven Auslöser, das kann ein unerwartetes Sinken des Ölpreises sein oder die Ankündigung weiterer wirtschaftspolitischer Reformen in Europa.

Zeichnen sich gewisse Verlagerungen vom Geld- und Obligationenmarkt hin zu renditestarken Aktien ab?

Curti: Durchaus. Es gab diese Jagd nach Renditen speziell am Aktienmarkt, und das wird sich auch fortsetzen. Allerdings sind nun die Gewinnaussichten nicht mehr bei allen bisherigen Dividendenperlen gleich gut. Das Risiko hat sich klar erhöht.

Wie attraktiv sind die heutigen Aktienbewertungen mit einem SMI-Index, der um die 6000-Punkte-Marke pendelt?

Curti: Die Aktien sind von ihrer Bewertung her gut positioniert. Die leicht unterdurchschnittlichen KGV bieten einen guten Schutz nach unten. Der Gewinnzuwachs für 2004 lässt sich aber nicht einfach in die Zukunft extrapolieren. Bei den deutlich verbesserten Margen wird es schwierig, nochmals zweistellige Gewinnsteigerungen zu erreichen.

Wo sehen Sie den SMI Ende Jahr?

Curti: Bei rund 6300 Punkten. Zwischendurch dürfte es aber grössere Schwankungen geben.

Wie hoch ist die Nachfrage vom Ausland?

Curti: Die Ausländer konzentrieren sich auf Spezialsituationen am Schweizer Aktienmarkt. Die Übernahmekämpfe im Fall von Unaxis und Forbo, mit ausländischen Private-Equity-Firmen als wichtigen Akteuren, sind ein gutes Beispiel dafür.

Aktien in Schweizer Franken galten seit jeher als «safe haven». Ist das nicht mehr gültig?

Curti: Das hat sich abgeschwächt. Der Schweizer Franken ist zwar weiterhin solide, aber gegenüber dem Euro ergab sich eine Seitwärts-, wenn nicht gar Abwärtsbewegung. Wer auf einen Währungsgewinn abzielt, muss nicht zwingend in den Schweizer Franken gehen. Zudem sind gewichtige Titel aus dem inländischen Kurstableau vor einem ungünstigen wirtschaftlichen Hintergrund positioniert. Der Pharmasektor weltweit ist in Turbulenzen geraten, und das spüren auch Titel wie Novartis und Roche. Bei den Finanzwerten gab es Restrukturierungen, die nun allerdings vorbei sind. Steigende Zinsen sind zudem ein schlechtes Umfeld für Banken und Versicherungen.

Die Gewinnausweise sind für 2004 bei fast allen Unternehmen sehr gut ausgefallen. Was erwarten Sie für das laufende Jahr?

Curti: Nach unseren Berechnungen lag der Gewinnzuwachs im letzten Jahr bei 35%. Für 2005 erwarten wir noch rund 20% und im Jahr danach knapp über 10%. Im zyklischen Bereich sehen wir erneut gute zwölf Monate sowohl in der Industrie als auch bei den Finanzdienstleistern.

Sehen Sie beim jetzigen Kurs-Gewinn-Verhältnis ein Potenzial nach oben?

Curti: Durchaus, aber aufgrund der abnehmenden Gewinndynamik und des ansteigenden Zinstrends prognostizieren wir allerdings ein unterdurchschnittliches Kurspotenzial.

Anzeige

Zahlreiche institutionelle Anleger, wie Pensionskassen und Versicherungen, haben ihre Aktienquoten verringert. Wann kehrt dieser Trend?

Curti: Die Pensionskassen müssen zunächst ihre Reservepolster aufbauen. Sobald sie wieder risikofähiger sind, können sie die Aktienquote hochfahren. Bei zahlreichen Pensionskassen klafft aber immer noch eine erhebliche Deckungslücke. Deshalb dürften sie kaum rasch als gewichtige Nachfrager für Aktien auftreten.

Da braucht es noch einige Zeit eine gute Performance im gesamten Anlagegeschäft. Die Versicherungen haben ihre Aktienbestände reduziert, weil sie Probleme mit dem Eigenkapital hatten. Mittlerweile wurde die Eigenkapitalquote durch Restrukturierungen und ein gutes Finanzergebnis nach oben korrigiert. Sofern sich das wirtschaftliche Umfeld nicht verschlechtert, ist die Assekuranz durchaus in der Lage, den Aktienanteil wieder etwas anzuheben.

Auf welche Aktien sollte der Anleger setzen?

Curti: Wir favorisieren die Sektoren mit stabilen Cashflows und guten Renditen. Dazu gehören Telekommunikationsfirmen, Versorgungsunternehmen, ebenso wie Pharmatitel mit ihren tiefen Bewertungen, obwohl in diesem Bereich durchaus Produktrisiken existieren. Skeptischer sind wir bei Technologie- und IT-Aktien, obwohl dort bereits eine Abwärtskorrektur stattgefunden hat. In dieser Branche fehlen die durchschlagenden Innovationen. Im Energiesektor sind wir neutral. Die hohen Erdölpreise sprechen für ein Engagement in diesen Aktien, anderseits wurde bereits ein guter Teil des Kursanstiegs vorweggenommen.

Die Nebenwerte haben bereits kräftig angezogen. Sind die Small Caps ausgereizt?

Anzeige

Curti: Ja, dabei gibt es im Einzelfall durchaus noch interessante Titel.

Wenn sich die Wirtschaft von einem Tief erholt, reagieren die Small und Mid Caps normalerweise am raschesten. Kommt dazu, dass diese Aktien nach dem Börsencrash am stärksten gedrückt wurden. Die Private-Equity-Firmen haben solche unterbewertete Titel im Visier. Diese Käufe könnten bei gewissen Titeln noch andauern, da und dort wurde aber bereits übertrieben. Damit ist diese Aktienkategorie weit gehend ausgereizt.

Dann haben die Blue Chips noch Nachholbedarf?

Curti: Ja, aber es braucht einen Auslöser, den wir im Moment nicht sehen. Gegenüber den Small und Mid Caps besteht aber ganz klar ein Aufholpotenzial.

Soll man mehr auf Wachstum oder Substanz achten?

Curti: Die Anleger sollten auf attraktive und tief bewertete Aktien setzen. Die Substanzwerte sind durchaus interessant. Ich würde noch nicht auf Wachstumsaktien setzen.

Interview: Kurt Speck

Profil: Steckbrief

Name: Marco Curti

Alter: 51

Zivilstand: Verheiratet, vier Kinder

Ausbildung: Lizenziat in Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich

Tätigkeit: Leiter Research bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB)

Karriere

1982-­1991 Als Analyst undFondsmanager bei verschiedenen Banken tätig

Seit 1991 Leiter ZKB-Research