Er sei ein Durchschnittsitaliener, sagt Mario Moretti Polegato - eine masslose Untertreibung. Denn allein im Umfeld des Gründers des Schuhunternehmens Geox ist kaum etwas gewöhnlich und in dieser Art und Weise in Italien häufig anzutreffen. Zu denken ist dabei an die mehrstöckige Villa Sandi, ein Landhaus im Palladio-Stil aus dem Jahre 1622, die als repräsentativer Firmensitz sowohl für das gleichnamige Weingut im Veneto als auch für Geox dient. Hier werden Fotoshootings abgehalten, während gleichzeitig Touristen durch die Säle mit prunkvollen Leuchtern aus Murano geführt werden, wie man es eigentlich in Museen in Venedig oder Florenz erwartet. Das Anwesen, seit drei Generationen in Familienbesitz, bewohnt heute Giancarlo Polegato, der als Nachfolger seines Bruders seit Mitte
der 1990er Jahre die Geschicke des grössten Produktionsbetriebs von Prosecco in Italien leitet.

Kreativität in der DNA

Das «durchschnittlich» bezieht Moretti Polegato, der zu den reichsten Männer Italiens gehört, denn auch nicht auf seine finanziellen Ressourcen, sondern soll vielmehr als Kompliment und Ansporn für seine Mitbürger verstanden werden, die allesamt über dieselbe Kreativität verfügen würden wie er. «Wir Italiener haben das Kreieren von neuen Dingen in unserer DNA», ist der studierte Önologe und Jurist überzeugt. Beispiele dafür gebe es genug, vom Espresso über die Pizza bis hin zu den Fliesen. Im Unterschied zu ihm wurden die Entwickler dieser Produkte allerdings nicht reich. «Die Italiener stellen weltweit den besten Kaffee her, das grosse Geschäft macht aber Starbucks und somit die Amerikaner», bedauert der Geox-Chef.
Bei seiner Kreation sollte dieser Fehler nicht passieren. Deshalb setzte Moretti Polegato, noch bevor seine Idee überhaupt vollständig entwickelt und industrialisiert wurde, auf den Schutz des geistigen Eigentums. Und erreichte damit, dass aus einem simplen Geistesblitz eine Firma mit 3500 direkten Mitarbeitern und einem Umsatz von über 600 Mio Euro im Jahr 2006 und einem jährlichen Wachstum von rund 35% entstand, die selbst in China mit 40 eigenen Shops präsent ist.
Die Eingebung kam Moretti Polegato bei einer morgendlichen Joggingrunde anlässlich eines Weinkongresses in Reno, Nevada. «Irgendwann bekam ich wegen der Hitze so warme Füsse, dass ich für die Belüftung mit einem Messer Löcher in die Sohle gestochen habe», erzählt er die Entstehungsgeschichte von «Geox, dem Schuh, der atmet». Zurück in Italien, fügte er eine wasserabstossende und atmungsaktive Membran ein, um auch bei Regen zu gewährleisten, dass man keine nassen Füsse bekommt.
«Eigentlich habe ich nur zwei bestehende Produkte weiterentwickelt und zusammengefügt und damit ein Problem gelöst», so Moretti Polegato. Das Problem ist die schlechte Belüftung der Schuhe, die über kurz oder lang zu unangenehmem Fussschweiss führt. Zur detaillierten Illustration der neuartigen Schuhtechnologie hat der Tüftler immer eine Geox-Schuhsohle zur Hand.
Bei der Schilderung seiner Story blüht der 55-Jährige auf und versprüht einen Enthusiasmus, wie wenn ihm die Grundlagen für seine Erfindung eben erst eingefallen wären. Und seine Begeisterung springt über - auf sein näheres privates und berufliches Umfeld, zu dem auch sein Bodyguard gehört, der ehemalige Leibwächter von Ex-Ministerpräsident Massimo DAlema, seine Mitarbeiter in der Entwicklungsabteilung, dem Design und der Forschung. «Wer Geox in Montebelluna besucht, der bemerkt den Enthusiasmus in der Luft», ist Moretti Polegato überzeugt. Aus diesem Grund, und weil hauptsächlich junge Mitarbeiter mit Universitätsabschluss dort arbeiten, vergleicht er den Hauptsitz in Norditalien weniger mit einer trägen Schuhfabrikation, denn vielmehr mit dynamischen Unternehmen wie Microsoft.

Schuhfabrik statt Ferraris

Seiner Begeisterungsfähigkeit ist es zu verdanken, dass Moretti Polegato auch in den schwierigen Anfangsjahren von Geox, als er vergeblich versuchte, seine Idee einem internationalen Schuhproduzenten zur Verwirklichung zu übertragen, stets an den Erfolg geglaubt hat. «Das Desinteresse der Schuhhersteller, die mich nicht verstanden haben, war für mich eine grosse Enttäuschung», erinnert sich Moretti Polegato. Obwohl er keine eigene Fabrikation eröffnen wollte, entschloss sich der heutige Verwaltungsratspräsident, wie andere Jungunternehmer auch, von null zu starten und ohne Mittel der Familie sein Schuhimperium aufzubauen.
Statt sich zurückzulehnen, das Weingut und seine Ferraris zu geniessen, machte er sich in der Region auf die Suche nach einem Kreditgeber und baute das Geschäft langsam auf. Die Krönung erfolgte am 1. Dezember 2004, als Geox an der Mailänder Börse kotiert wurde und Moretti Polegato durch den Verkauf von 29% seiner Aktien einen Erlös von gut 350 Mio Euro erzielte. Heute beträgt die Börsenkapitalisierung der Bekleidungsfirma über 3,5 Mrd Euro.

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Geox ist noch nicht erwachsen

Denn inzwischen steht Geox nicht mehr nur für atmungsaktive Schuhe, sondern weitete das Geschäft auf das Gebiet der Bekleidung aus. «Technologie ist wie eine Matrjoschka: Wenn du eine auftust, dann findest du eine neue», zeigt Moretti Polegato die Richtung auf. Nach der Gummisohle folgte jene aus Leder, die ebenfalls wasserdicht ist, und danach der Sprung zu sportlicher Outdoorbekleidung, die dank der Integration einer Membran in der Schulterpartie gut 40% atmungsaktiver sein soll als konventionelle Outdoorjacken. In naher Zukunft ist zudem die Lancierung einer Sportschuhlinie geplant. Mit den neuen Produkten will Geox zu einem weltweit führenden Anbieter der Schuh- und Bekleidungsindustrie werden.
Doch sollte sich ein Erfinder, wie sich Moretti Polegato selber bezeichnet, nicht bereits wieder neuen Projekten widmen? Der Norditaliener winkt ab. «Geox ist wie ein Kind für mich, weil ich es erschaffen habe», begründet er. Und wenn man ein Kind gezeugt habe, dann sollte man es auch aufziehen. Zum Vergleich zieht er eine Metapher aus der Weinkultur bei: Nur ein Rebstock, der gepflegt werde, trage Trauben, die einen guten Wein ergeben. Seine persönlichen Wurzeln und die Erfahrungen aus der Weinkunde hallen in den Worten nach.
Noch ist Geox für Moretti Polegato ein junges Pflänzchen, welches sich langsam zu einem ausgewachsenen Rebstock entwickelt. Bis dahin will er auf jeden Fall dabei sein. Und seinen Erfolg auch ausgiebig geniessen. Denn heute erhält er Unterrichtsaufträge von zahlreichen Universitäten weltweit und Einladungen zu Kongressen, wo er Freunde wie Rudolph Giuliani oder Bill Gates trifft. «Wenn sich diese Leute meine Story erzählen, dann ist das für mich eine sehr grosse Befriedigung.»

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ZUR PERSON

Steckbrief


Name: Mario Moretti Polegato
Funktion: VR-Präsident Geox
Alter: 55
Wohnort: Montebelluna
Familie: Verheiratet, einen Sohn
Karriere:
- 1966–1972 Gymnasium und Fachhochschule für Önologie
- 1972–1977 Jurastudium an der Universität von Ferrara
- 1978–1994 Geschäftsführer Weingut «La Gioiosa»
- 1995–2004 Geschäftsführer und Inhaber von Geox
- Seit Dezember 2004 Chairman und Hauptaktionär
Seit 1997 Honorarkonsul von Rumänien

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Führungsprinzipien

1. Verantwortung übertragen und Freiräume lassen.
2. Unterstützung annehmen.
3. Kreativität und Durchhaltewillen fördern.
4. Mitarbeiter an den Erfolgen teilhaben lassen und Enthusiasmus weitergeben.

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Firma

Geox S.p.A
Die 1995 gegründete Firma setzt in 68 Ländern gut 10 Mio Paar Schuhe ab und erzielte Ende 2006 einen Umsatz von 612,3 Mio Euro. Der Gewinn kletterte um 29% auf 97,3 Mio Euro. In der Schweiz betreut Geox neun eigene Monobrand-Stores.