Eines ist im Textilmaschinengeschäft so sicher wie das Amen in der Kirche: Der nächste Zyklus kommt bestimmt. Die Frage ist nur, wann und wie heftig. Spätestens nach der Gewinnwarnung des Anlagenbauers Rieter vom vergangenen Montag ist klar: Jetzt gehts abwärts.

Verantwortlich für die allgemeine Nachfrageschwäche sind Veränderungen auf den Märkten in Fernost, wo die beiden führenden Schweizer Anbieter Rieter Textile und Oerlikon Textile über zwei Drittel ihres Umsatzes erzielen. «In den asiatischen Ländern boomte die Nachfrage bis Ende 2007», erklärt Oerlikon-Textile-CEO Carsten Voigtländer. Staatliche Subventionen und Steuererleichterungen führten dazu, dass die Garn- und Textilproduzenten ihre Maschinenparks unter hohem Zeitdruck modernisierten.

Seit Anfang Jahr aber geben die Regierungen Gegenschub. Die Folge: Die Bestellungseingänge brechen ein. Oerlikon Textile verzeichnete im 1. Quartal 2008 einen Rückgang von 38,9%, Rieter Textile nach vier Monaten über 50%. Rieter rechnet deshalb vor allem im 2. Halbjahr mit wesentlich geringeren Umsätzen als erwartet.

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In den nächsten Monaten wird sich weisen, wie Rieter und Oerlikon die Durststrecke bewältigen.Dabei spielt die Marktpositionierung ? die Firmen halten zusammen einen Weltmarktanteil von rund 40% ? eine wesentliche Rolle. Während sich Rieter auf Anlagen zur Garnherstellung aus Naturfasern fokussiert hat, dominiert Oerlikon Textile den Chemiefaser-Markt (Filamente). Bei den Spinnverfahren beherrscht Oerlikon die Rotorspinnerei, mit dem grobe Garne hergestellt werden, sowie den Vliesstoff-Markt. Rieter ist Weltmarktführer im Ringspinnen (inklusive Spinnereivorbereitung), mit dem vorwiegend feine und damit teurere Garne hergestellt werden. Beide Firmen verfügen über eine starkes Service- und Komponentengeschäft, das rund 30% zum jeweiligen Umsatz beisteuert.

Keine Impulse von Itma erwartet

Rieter-CEO Reuter wagt vorerst keine Detailprognosen. Oerlikon Textile-CEO Voigtländer wirft dagegen einen ersten Blick auf 2008. «Für den Chemiefaser- und den Vliesstoffbereich sowie das Komponentengeschäft erwarten wir ein eher durchschnittliches Jahr», erklärt er. «Im Stapelfaserbereich glänzt, wie 2007, die Nachfrage aus Indien für das Spulmaschinengeschäft von Oerlikon Schlafhorst.» China weise grössere Einzelaufträge auf, sei aber wie die Türkei im Vergleich zum Vorjahr «relativ ruhig». Von der Leitmesse Itma, die im Juli in Schanghai stattfindet, erhofft er sich wenig. Angesichts der Marktsituation werde man dort wohl keine Grossaufträge abschliessen.

NACHGEFRAGT

«Wir nehmen die Situation ernst»

Die Schwäche auf den asiatischen Textilmaschinenmärkten hat Hartmut Reuter, CEO des Anlagenbauers Rieter, kalt erwischt.

Förderprogramme in Asien haben Textilmaschinenbauer wie Rieter 2007 zu Glanzresultaten verholfen. Nun treten die Regierungen auf die Bremse. Haben Sie das nicht vorausgesehen?

Hartmut Reuter: Dass Förderprogramme in Indien und der Türkei auslaufen beziehungsweise gekürzt werden, war uns schon klar. Die Veränderungen in China dagegen kamen eher kurzfristig.

Das Textilmaschinengeschäft ist bekanntlich stark zyklisch. Kämpfen Sie jetzt nur gegen eine kurzfristige Schwäche oder hat der Abschwung eingesetzt?

Reuter: Kleinere Dellen in Asien sahen wir 2001 nach dem 11. September sowie 2003 im Zusammenhang mit dem Sars-Virus. Die letzte längere Schwächeperiode liegt rund zehn Jahre zurück. Wie sich das laufende Jahr entwickelt, ist schwierig abzuschätzen. Unsere Gewinnwarnung deutet allerdings darauf hin, dass wir die Situation ernst nehmen.

Was sind die Gründe?

Reuter: Diverse Faktoren spielen derzeit zusammen: Spekulanten an den Finanzmärkten treiben die Rohwarenpreise in die Höhe. Die Garnlager für die Textilproduktion sind voll. Der Dollar notiert auf einem historischen Tief, während sich auf dem Schlüsselmarkt Indien die Rupie stark verteuert hat. All diese Faktoren sind für sich allein gesehen nicht gravierend. Weil sie jetzt zusammenwirken, schwächen sie unsere Märkte massiv.

Wann gewinnen Sie wieder an Fahrt?

Reuter: Wir rechnen frühestens Ende 2008 mit einer Erholung. Obwohl sich in der Vergangenheit das Geschäft überraschend mehrmals kurzfristig wieder erholt hat, bleiben wir jetzt vorsichtig mit unseren Prognosen. Weitere Informationen veröffentlichen wir, wenn Rieter am 13. August 2008 die Halbjahreszahlen vorlegt.