Wie hat sich der Wirtschaftsstandort Schweiz in der Krise gehalten?

Magdalena Martullo-Blocher: Deutlich besser als die übrigen europäischen Länder. Ziel muss es sein, dass das so bleibt. Was Europa angeht, bin ich eher pessimistisch.

Wieso ist die Schweiz besser über die Runden gekommen?

Martullo-Blocher: Das hängt mit den Strukturen unseres Landes zusammen; die demokratisch-politische hat dazu beigetragen, dass wir nur kleinere Konjunkturpakete schnüren mussten und dass die Staatsverschuldung sich in Grenzen hält. Und was die wirtschaftlichen Strukturen angeht: Obgleich der Fokus jetzt auf die Boni-Frage gerichtet ist, bleibt bei der ganzen Diskussion ausser Acht, dass die Schweiz KMU-dominiert ist. Ihre Verantwortlichen zeichnen sich durch ein vorsichtiges Geschäftsgebahren aus - dies oft seit Generationen. Sie achten auf eine hohe Eigenkapitalquote sowie eine geringe Verschuldung und betreiben erfolgreich profitable Nischengeschäfte. Das alles hat dazu beigetragen, dass die Schweiz vergleichsweise gut dasteht.

Warum hat man die Krise nicht kommen sehen?

Martullo-Blocher: Ich kann natürlich schlecht für andere reden, aber was uns betrifft, verfolgen wir die Konjunktur laufend, gerade weil wir in einem zyklischen Geschäft tätig sind. Wir bekamen bereits 2007 erste Signale aus den USA und ergriffen sofort die ersten Gegenmassnahmen.

Konkret?

Martullo-Blocher: Das betraf verschiedene Bereiche. Wir haben uns unter anderem darauf konzentriert, Zusatzgeschäfte zu generieren, damit allenfalls bevorstehende magere Jahre abgefedert werden können. Darunter fielen auch Abschlüsse, bei denen wir eher die Menge im Auge hatten als die Marge. Gleichzeitig wurden die Kosten reduziert, Anfang 2008 folgte ein weltweiter Personalstopp - dies notabene, als das Wort Krise noch nicht in aller Leute Mund war. Im Juli desselben Jahres äusserte ich meine Besorgnis darüber, dass sich ein Szenario wie in den 70er-Jahren wiederholen könnte - Stichworte: Hohe Rohstoff- und Ölpreise sowie Inflation.

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Wurden Sie ausgelacht?

Martullo-Blocher: Das nicht gerade, aber meine Aussagen lösten Irritationen aus und ich wurde als Schwarzseherin betrachtet. Dabei haben wir im Juli 2009 bereits wieder Personal eingestellt, weil wir davon überzeugt waren, dass die Konjunkturprogramme zum Tragen kommen und wir wieder Geld verdienen können. Vor allem auch mit Blick auf die Wachstumsländer. Wir schauen nicht in den Rückspiegel und haben den Mut, die Fakten zukunftsgerichtet auszuwerten. Jene der Vergangenheit zu extrapolieren, kann zu Fehlentscheiden führen.

Welche Lehren haben Siefür Ihre Unternehmen gezogen?

Martullo-Blocher: Eigentlich wenige, wir machten vieles gut. So besuchte ich in der Krisenphase selber noch mehr Kunden, die das geschätzt haben. Ich wollte auch auf ihre Bedürfnisse hören. Und was die Rohstoffe angeht: Als sie günstig waren, haben wir zwar unsere Lager gefüllt, aber im Nachhinein zeigt sich, dass eine noch höhere Aufstockung besser gewesen wäre. Aber alles in allem haben uns die eingeleiteten Vorkehren während der Rezession sehr geholfen. Dazu gehört auch der Support unserer Mitarbeitenden. Auch die temporäre Kurzarbeit wurde mit Verständnis hingenommen, nicht zuletzt, weil wir immer transparent über die Lage informiert haben. Kommunikation ist in solchen Situationen besonders wichtig.

Wie berurteilen Sie die Fähigkeitder Politik, dass sie aus der Krise lernt?

Martullo-Blocher: In Europa haben die Politiker sicher über das Ziel hinausgeschossen und ich bin besorgt darüber, dass dies auch für die Notenbanken in Europa und in den USA zutrifft; die Zügel bei der Geldmengenpolitik sind noch immer zu locker. Ich sähe lieber eine Zinserhöhung, wobei ich die SNB ausnehmen möchte. Sie verhält sich mustergültig. Sorgen machen mir vor allem inflationäre Entwicklungen, die ich in vielen Märkten bereits beobachte, gekennzeichnet durch extreme Preiserhöhungen entlang der ganzen Kette von den Rohstoffen bis hin zu den Gütern. Aber wie eben: Politiker reagieren immer viel zu spät.

Stichwort Chancen in der Krise.Was bedeutet das für Sie persönlich?

Martullo-Blocher: Im ersten Moment habe ich immer gedacht: Was soll dieser Spruch? Wenn die Umsätze sich von heute auf morgen halbieren, niemand mehr kauft, weil zuerst die Lager abgebaut werden, dann fällt es schwer, eine Chance zu sehen. Dann habe ich erkannt, dass ich in der Krise Chancen packen kann, die sich erst später als solche erweisen: Ich kann Rohstoffe bunkern, in Aktien oder Unternehmen einsteigen, wenn sie günstig sind. Kurz: Erst im Nachhinein erweist sich, was ein Gewinn war. Aber man muss finanziell und personell die Mittel haben, um diese Chancen wahrzunehmen.

Wird der Wirtschaftsstandort Schweiz geläutert aus dieser Katharsis hervorgehen?

Martullo-Blocher: Wir müssen uns mehr von Europa emanzipieren, davon sind wir politisch weit entfernt. Die grossen Märkte liegen ausserhalb dieser Region. Nehmen wir nur China, 2% der Bevölkerung besitzen ein Auto, in Deutschland sind es 50%, nicht zu reden vom Handy-Elektronik- oder Haushaltgerätemarkt in vergleichbaren Wachstumsmärkten. Europas Zukunftsaussichten verblassen angesichts dieser Möglichkeiten. Die Schweiz als kleines Land könnte sich dem entziehen, cleverer sein und in Nischen mitspielen.

Was könnte die Politik tun, um den Freiraum der Wirtschaft auszuweiten?

Martullo-Blocher: Ich wäre nur schon froh, wenn er nicht weiter eingeschränkt würde! Aber jetzt im Ernst: Ich denke etwa an das Freihandelsabkommen, wie es mit Japan abgeschlossen worden ist, dann an jenes mit China, das derzeit aufgegleist wird, dann an eine Politik, welche den Eigentumsschutz respektiert, sich für eine freie Arbeitsmarktpolitik und eine günstigere Steuersituation für Unternehmen sowie weniger Regulierungen einsetzt - vor allem bei den Letzteren muss dringend angesetzt werden.

Welcher Politiker setzt sich dafür mit mehr als Worten und Vorstössen ein?

Martullo-Blocher: Da liegt das Problem. Es gibt wenige, die einen internationalen Durchblick haben. Zwar reisen viele in der Welt herum, aber das genügt nicht. Die Europäer fahren voll auf die Zentralisierungsschiene ab. Wenn sie der Meinung sind, Wirtschaftswachstum lasse sich «schaffen», irren sie. Das gilt auch für die Schweiz. Wirtschaftswachstum entsteht, wenn Unternehmer nicht durch unnötige Vorschriften und bürokratische Korsetts eingeengt werden und wenn sie einen freien Zugang zu den Märkten haben.

Nennen Sie ganz konkrete Forderungenan die Politik.

Martullo-Blocher: Nehmen wir die Alternativenergie: Wir bezahlen bei Ems-Chemie pro Jahr mehr als 1 Mio Fr. Alternativenergiezuschlag, obwohl wir bereits zu 80% CO2-frei produzieren. Derzeit werden viele Projekte unterstützt, obwohl in ein paar Jahren viel effizientere Technologien verfügbar sind; man schiebt Arbeitsplatzbeschaffung vor. Das ist falsch. Wir sollten nicht das europäische Argumentarium übernehmen: Wer gut ist, setzt sich ohne Staatskrücken durch, abgesehen davon, dass China auf diesem Gebiet uns den Rang abläuft. Oder nehmen wir die Mehrwertsteuer, die technischen Handelshemmnisse - allein für die Zollabwicklung mit der EU mussten wir ein eigenes Software-Programm installieren - oder die Abgaben im Strassenverkehr. Überflüssige Regulierungen, wo man hinschaut! Die Politik hat einfach noch nicht erkannt, dass Wettbewerb in einem solchen Klima erstickt wird.

Aber Sie wollen doch nicht behaupten, dass es nicht ernsthafte Bemühungen und auch Fortschritte gegeben hat?

Martullo-Blocher: Das nicht, aber wir müssen die künftigen Bedingungen einer schweizerischen Wirtschaftslandschaft betrachten, die nicht am Nachvollzug von europäischen Vorschriften und Gesetzen, sondern an den dann zumal herrschenden Bedingungen für Unternehmen zu messen sind. Und die gehen weit über das schweizerische und europäische Bürokraten-Denken hinaus.

Die KMU klagen, dass die Realwirtschaft unter den Fehlern der Finanzwirtschaft zu leiden hat.

Martullo-Blocher: Vergessen wir nicht, dass die Unternehmen in guten Zeiten auch von den Banken profitiert haben. Und was die Boni-Diskussion angeht, habe ich meinen eigenen Standpunkt: Angenommen, der von mir geforderte freie Wettbewerb zwischen Unternehmen und Märkten spielte auch für die Banken - übrigens der am dichtesten regulierte Sektor -, würden solche Exzesse gar nicht erst möglich sein. Wer ein besseres Produkt günstiger, zu geringeren Kosten und effizienter anbietet, würde überleben.

Wo sehen Sie die Schweiz in zehn Jahren?

Martullo-Blocher: Vorausgesetzt, all das würde beherzigt, was ich moniere, werden wir wiederum besser abschneiden als der Euro-Raum.