Ein MBA-Markt ohne Ranglisten ist undenkbar geworden. Tatsache ist aber, dass sich viele vor allem europäische Business-Schulen über Umfrage-Forderungen, schwer durchschaubare Auswertungen und fragwürdige Kriterien ärgern – vor allem wenn sie von US-Wirtschaftszeitungen erhoben werden und schwer vergleichbar sind mit europäischen Realitäten. Widerstand formiert sich daher nicht nur in den USA, sondern auch in Kontinentaleuropa – sogar bei Schulen, die in Rankings traditionell vorne liegen.

Äpfel und Birnen verglichen

Unter den 25 von «BusinessWeek» 2005 gerankten Topschulen befinden sich allein aus den USA 21 Institute, teilweise in Partnerschaft mit europäischen und/oder asiatischen Universitäten – ein Schwergewicht, das viele Fragen offen lässt. So belegt IMD Lausanne im «BusinessWeek»-Ranking der Fulltime MBA der Nicht-US-Schulen Platz vier. Im Vergleich dazu liegt die Lausanner Eliteschule im EMBA-«Financial-Times»-Ranking 2006 unter den 75 Spitzenschulen weltweit auf Platz 19, die HSG auf Rang 66, Rochester-Bern auf Platz 67.
Sich an den topgerankten US-Schulen zu messen, ist für viele europäische Schulen schlichtweg nicht nachvollziehbar. Das hat nichts mit der Qualität oder dem Selbstbewusstsein der Europäer zu tun, sondern damit, dass viele Kriterien, beispielsweise der «Financial Times», auch hierzulande völlig andere Bedeutungen haben. Ein Kriterium, das im Ranking der «Financial Times» sehr hoch gewichtet wird, ist das Gehalt und parallel dazu die Position, die vor und nach erfolgreicher Absolvierung eines Programms von den Ehemaligen, den Alumni, erzielt werden.
«Um in diesem Punkt und damit im Ranking der «Financial Times» erfolgreich sein zu können, müssten wir das Anforderungsprofil zur Teilnahme in unserem Programm nach unten anpassen. Wir müssten anstelle der Führungskräfte mit langjähriger Berufserfahrung möglichst viele junge Teilnehmer rekrutieren, welche erst am Anfang ihrer beruflichen Karriere stehen. «Dies entspricht aber nicht der Zielsetzung eines EMBA-Programms an der Uni Zürich», erläutert Michel Fischer, Geschäftsführer des EMBA der Universität Zürich. «Der Unterricht am EMBA der Universität Zürich lebt nicht zuletzt vom intensiven Austausch unter den einzelnen Teilnehmern, und gerade die grosse Berufserfahrung der Teilnehmenden trägt entscheidend zur hohen Qualität des MBA-Programms bei.»
Die Fixierung auf das Gehalt wird vor allem von den europäischen Business-Schulen scharf kritisiert. Europäer tun sich schwer damit, sich an den teils massiven Gehaltssteigerungen der US-Absolventen zu messen. Gravierende nationale Unterschiede finden keine Berücksichtigung. So wird in manchen Ländern die Steuer von den Unternehmen abgerechnet, in der Schweiz wird sie von den Bürgern selbst bezahlt. Auch die Zahlung der Beiträge zur Krankenversicherung und Altersversorgung werden unterschiedlich bemessen. In Europa gibt es rund 30 Urlaubstage, in den USA nur 10. Die Sozialleistungen, wie Länge und Höhe des Arbeitslosengeldes, liegen in Europa weitgehend über dem amerikanischen Level. Da hinken die Vergleiche total, rechnet Andrea Gaspari, Geschäftsführer der SDA Bocconi School in Mailand, vor.
Die US-Business-Schulen gehen sogar noch weiter und möchten die Spendierfreudigkeit der Ehemaligen als Kriterium in ihr Ranking aufnehmen. Doch hat sie nicht nur mit einer engen Bindung an die Schule zu tun, sondern auch mit dem nationalen Steuersystem, das in der Schweiz eher bremsend wirkt. «Es kann nicht der Sinn eines MBA-Rankings sein, dass diese durch unterschiedliche Steuersysteme in den einzelnen Ländern beeinflusst werden», betont Michel Fischer.

Nichtgerankte fürchten Problem

Obwohl die Aussagekraft von Rankings begrenzt ist, ist deren Einfluss auf die zukünftigen Studierenden und auch auf das Management der Business Schools nicht von der Hand zu weisen. Problematisch würde es jedoch, wenn aufgrund des steigenden Drucks Business Schools begännen, ihre Programme nach den Kriterien der Rankings auszurichten, anstelle auf die eigenen Stärken zu vertrauen. Schulen, die Anforderungen der Ranking-Ersteller kontinuierlich ignorieren, finden jedoch keine Berücksichtigung in den wichtigen Rankings und sehen sich unter Umständen mit Rekrutierungsproblemen und Fragen von Unternehmen bezüglich fehlender Rankings konfrontiert. Trotzdem sagt Wharton-Chef Patrick Harker klipp und klar: «Wir müssen unsere Stärken selbst finden und dürfen uns nicht nur darauf stützen, was andere über uns sagen.» Wer sich nur nach Rankings richte, verliere seine Moral und Autorität, betonte er kürzlich in einem Kommentar in «Spiegel online».
Da einige ost- und südeuropäische Business-Schulen ohnehin keine Spitzengehälter ihrer Abgänger vorweisen können, weil diese im Vergleich zu US-Schulen nur einen Bruchteil davon verdienen, träumen sie von einem eigenen Ranking. Der «Hochschulanzeiger» der «Frankfurter Allgemeinen» befragte daher Absolventen einschlägiger MBA in Deutschland – und zwar nach einheitlichen Kriterien.
Inzwischen hat auch die europäische AACSB-Arbeitsgruppe Verbesserungsvorschläge vorgelegt. Europäische MBA-Schulen sollten nicht nur Journale aus dem angelsächsischen Raum berücksichtigen, sondern wichtige europäische Wirtschaftsblätter und Forschungspublikationen informieren. Angeregt wird ein länderspezifischer Koeffizient, der Sozialangaben und Urlaubstage berücksichtigt.
Auch unter dem Fokus Internationalität sind verschiedene Facetten zu betrachten. Internationalität bedeutet nicht nur, das Programm in englischer Sprache abzuhalten. Auch zeichnet sich die Internationalität von MBA-Programmen nicht nur durch die Anzahl der ausländischen Teilnehmer aus, sondern misst sich über die internationalen Erfahrungen der Teilnehmer in den Klassen, über die Internationalität des Unterrichts und der Dozenten.

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Jedem sein eigenes Ranking

«Business Schools und ihr Programm müssen zu den Teilnehmern passen. Dies ist viel wichtiger als die Rangierung im Ranking», urteilt Fischer. Interessenten müssen sich über die Ziele der Weiterbildung und die Bedürfnisse an einen Anbieter bewusst sein. Anhand dieser können eigene Rankings mit eigenen Kriterien erstellt werden.

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Nachgefragt: Ausbildung ist zum persönlichen Brand geworden

Welche Bedeutung hat ein MBA einer hochkarätigen Schule aus Ihrer Erfahrung?

Jacques Amey: Die Unternehmen achten heute sehr genau darauf, welche Schule eine Kandidatin oder ein Kandidat absolviert hat. Eine MBA-Ausbildung ist gleichsam zu einem persönlichen Brand, zu einem Markenzeichen geworden. Je höher das Ranking einer Schule, desto grösser die Chancen, eine Topposition zu erhalten.

Wie zeigt sich das in Ihrem Alltag konkret?

Amey: Heute tobt weltweit der Kampf um die Talente. Wenn ein Talent ein Top-MBA absolviert hat, wird es für den potenziellen neuen Arbeitgeber viel attraktiver. Die Chancen auf die offene Position steigen markant an.

Gibt es eine Schere zwischen den Top- und den anderen MBA-Schulen?

Amey: Wir sehen diesen Trend. Die Schule ist in den letzten Jahren viel wichtiger geworden. Die Unternehmen gehen zu Recht davon aus, dass ein neuer Mitarbeiter mit einem Abschluss einer solchen Schule mehr an Wissen und Renommee mitbringt als einer aus einer mittelmässig bewerteten Schule.

Können Sie Kandidaten überhaupt noch in Toppositionen ohne einen MBA-Abschluss einer Topschule vermitteln?

Amey: Ja. Nur: Der Anspruch steigt.

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Ausgerechnet Harvard hat alle Umfragen während Jahren untersagt

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Der grosse Verweigerer ist ausgerechnet Harvard, eine Schule, bei deren Namensnennung noch immer nicht nur Harvard-Veteranen glänzende Augen bekommen. Dass ausgerechnet diese US Business School, die in den Rankings unangefochten jahrelang die Siegerposition behauptete und daher über jeden Verdacht erhaben sein sollte, Rankings fürchten zu müssen, sich diesen verweigert, erstaunt. Harvard verwehrte bereits 2004 Zeitungen und Magazinen, die eine Rangliste zusammenstellen wollten, den Kontakt zu ihren Studenten. Dabei ist jedes Ranking – wie auch das der «Financial Times» – auf die Mitarbeit von Studenten und Absolventen angewiesen, um etwa Karriere, Gehälter und Image abzufragen.
Schon vor Harvard hatten mehrere Business-Schulen dem Magazin «Business Week» eine Umfrage unter Studenten untersagt. Harvard forderte die Medien auf, sich auf anderen Wegen an die Studenten zu wenden. Die offiziell dargelegten Gründe für Harvards Zurückhaltung erklärt David Lampe, Leiter für Marketing und Kommunikation der Kaderschmiede: «In erster Linie glauben wir nicht, dass es die Nummer eins unter den Business-Schulen gibt, wie es die Ranglisten der Presse suggerieren. Ausserdem ist nun einmal Fakt, dass die Business-Schulen sehr unterschiedliche Stärken und Ausbildungskonzepte aufweisen. Das für beide Seiten Wichtigste ist, dass die Studenten und die Schule zusammenpassen.» Als weiteren Grund nennt Lampe die Geheimhaltung von Studentendaten und Harvards Bemühungen um Schutz der Privatsphäre. Schon bei früheren Umfragen hatte die renommierte Institution aus Massachusetts die Namen unter Verschluss gehalten und die Fragebögen lieber selbst an ihre Schützlinge verteilt. Heute müssen Zeitungen und Magazine die Harvard-Studenten direkt anschreiben, falls sie an deren Daten herankommen. Die Wharton School der Universität Pennsylvania verweigerte sich einem Ranking der «Economist Intelligence Units».
Der Dean von Wharton ärgert sich darüber, dass inzwischen mehrere Mitarbeiter nur damit beschäftigt seien, die von Medien erwünschten Daten für die über 20 gängigsten Rankings zusammenzustellen. Auch Wharton verweigert den Medien die Herausgabe von Daten ihrer Studenten und Absolventen, die schon häufig verärgert auf Anfragen reagiert hätten. Im derzeit noch aktuellen Executive-MBA-Ranking 2005 der «BusinessWeek» (das EMBA-Ranking wird von «BusinessWeek» im Oktober eines Jahres mit ungerader Zahl, das nächste Mal also im Oktober 2007, publiziert) hat Wharton offenbar eine Ausnahme gemacht und steht auf Platz zwei der weltweit Top 25 gerankten EMBA-Programme. In der «Financial Times» führt Wharton das Ranking auf Platz eins an.
Harvard ist in den aktuellen EMBA-Rankings von 2005, der Top 25 von «BusinessWeek» und der Top 75 der «Financial Times» nicht gelistet.

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