Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. «Das muss nicht sein», sagen die Mediatoren. Mit ihrer Vermittlungsmethode bieten sie Streithähnen ein Lösungsmodell an, bei dem gemeinsam eine tragfähige Schlichtung ausgearbeitet wird.

Längst hat sich Mediation als Alternative zu Gerichtsprozessen, aber auch als Instrument zur Entschärfung innerbetrieblicher Konflikte etabliert. Gerade im Human-Resources-Bereich liegen die Vorteile auf der Hand: «Ein Personalwechsel kostet eine Firma etwa ein Jahressalär. Wenn dank Mediationen Job-Probleme frühzeitig erkannt und entschärft werden, dann sinken die Kosten für Personalfluktuation massiv», erklärt der Wirtschaftsanwalt Markus Hünig, Präsident des Mediationsforums Schweiz.
Auch im Vergleich zu einem Gang vor Gericht koste eine Mediation nur den Bruchteil eines Prozesses durch alle Instanzen, betont Hünig. Erfahrungswerte des Mediationsforums beziffern den Prozessaufwand bei einem Streitwert von 10000 Fr. auf total 32500 Fr. Wird der Fall jedoch einvernehmlich via Mediation gelöst, schrumpfen die Kosten auf 2250 Fr.

«Selbstständigkeit – vergiss es»

Kein Wunder, kommen immer mehr Anwälte, Personalchefs und Behördenvertreter auf den Geschmack der Mediation – mit der Kehrseite, dass sich in der Szene vermehrt auch schwarze Schafe tummeln. Der Schweizerische Dachverband Mediation (SDM) versucht deshalb, diesem Wildwuchs einen Riegel zu schieben und gewisse Standards durchzusetzen. Dazu gehört etwa eine qualitativ einwandfreie Ausbildung durch vom SDM anerkannte Institute sowie eine Internetliste von anerkannten Mediatoren.
Doch auch so werden zurzeit mehr Personen zu Mediatoren ausgebildet, als dann tatsächlich zum Einsatz kommen. «Rein wirtschaftlich betrachtet ist der Markt zu klein, als dass man ausschliesslich von der Wirtschafts- und Verwaltungsmediation leben könnte», konstatiert Rolf Schaeren, der Ende der 90er Jahre an der Fachhochschule Nordwestschweiz den landesweit ersten Nachdiplomlehrgang für Mediation in Wirtschaft, Umwelt und Verwaltung aufbaute. Schaeren kommuniziert seinen Studenten daher ganz offen: «Wenn du denkst, du kannst damit reich werden: Vergiss es!»
Wirtschaftlich interessant wird es hingegen, wenn man die neu erlernten Techniken in eine schon bestehende Berufstätigkeit integrieren kann. Am Anfang waren es daher vor allem Anwälte, die sich in Wirtschaftsmediation weiterbildeten: «Viele hatten es satt, vor Gericht um jeden Preis gewinnen zu müssen. Sie suchten nach anderen Ansätzen, die der Konfliktsituation besser gerecht werden», erinnert sich Schaeren.
Ein noch weitgehend brach liegendes Potenzial bestehe bei Führungskräften. Dort sei das Thema Konflikt besonders verpönt, denn viele Chefs gaukelten sich eine heile Welt vor nach dem Motto: «In meinem Betrieb herrscht ein super Klima, weil ich ein toller Boss bin.» Das sei eine Illusion, Konflikte gebe es in jedem Unternehmen. Mit Mediation lasse sich verhindern, dass sich die Spannungen hochschaukelten und das Klima vergifteten. Als neuralgische Punkte nennt Schaeren Probleme innerhalb von Arbeitsteams sowie Grabenkriege zwischen Team und Vorgesetzten. Auslöser sind häufig Fusionen oder Nachfolgeregelungen. Daher empfiehlt Schaeren, hier von Anfang an einen Mediator beizuziehen, der dafür sorgt, dass alle Fragen transparent auf den Tisch kommen. Das gilt auch für Neugründungen.

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Keine Schuldigen suchen

Letztlich besteht das Erfolgsrezept der Mediation darin, dass sie – anders als ein Gerichtsverfahren – nicht nach dem Schuldigen für vergangenes Unrecht sucht: «Die Mediation ist zukunftsorientiert. Man schaut gemeinsam nach vorn und überlegt sich, wie eine sinnvolle Entwicklung aussehen könnte und was jeder dazu beitragen kann», erklärt Rolf Schaeren. Deshalb sei Firmenmediation insbesondere dort ein vielversprechender Ansatz, wo die Parteien trotz Meinungsverschiedenheiten weiterhin miteinander geschäften wollten.
Die Verantwortung für die Lösungsfindung liege allerdings nicht beim Mediator, sondern bei den Streitparteien. Schaeren: «Wir liefern keine salomonischen Lösungen. Unsere Aufgabe ist es bloss, die Parteien zu ermächtigen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen und selbst eine Lösung für ihr Problem zu entwickeln. Damit funktioniert Mediation genau umgekehrt wie ein Gerichtsprozess. Dort treten die Parteien die Lösungsfindung an den Richter ab.

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SDM: www.infomediation.ch
Mediationsforum Schweiz:
www.mediationsforum.ch

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Weiterbildung: Vier Hochschulen bilden Mediatoren aus

Zurzeit offerieren in der Schweiz vier Hochschulen Ausbildungen in Mediation:
Die Fachhochschule Nordwestschweiz bietet das berufsbegleitende Nachdiplomstudium «Mediation in Wirtschaft, Umwelt und Verwaltung» an. Die vom Schweizerischen Dachverband Mediation (SDM) anerkannte Ausbildung umfasst 31 Kurstage und 40 Stunden Supervision sowie eine Diplomarbeit. Sie wird mit einem Certificate of Advanced Studies abgeschlossen. Kosten 16200 Fr.
An der Hochschule für Sozialarbeit HSA in Bern kann über den vom SDM anerkannten Zertifikatslehrgang in Mediation hinaus
(Kosten 10 500 Fr.) auch der Titel «Master of Advanced Studies der Berner Fachhochschule in Mediation» erworben werden.
Der Studiengang dauert berufsbegleitend vier bis sechs Jahre und entspricht einem Jahr Vollzeitstudium. Die Kosten betragen 33000 Fr.
An der Fachhochschule Zentralschweiz gibt es das «Zertifikat Nachdiplomkurs Mediatorin, Mediator». Der berufsbegleitende Lehrgang ist auf die Ausbildungsanforderungen des SDM abgestimmt und dauert 24 Monate. Die Kosten: 19500 Fr.
Das Institut für Rechtswissenschaft der HSG offeriert eine Ausbildung in «Mediation für Wirtschaft, Arbeitswelt und den öffentlichen Bereich». Der Kurs umfasst 27 Tage auf eineinhalb Jahre verteilt und ist vom SDM anerkannt. Kosten 19800 Fr.

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Buchtipp Esther Haas, Toni Wirz:
Mediation – Konflikte lösen im Dialog. 112 Seiten, 24 Fr. Beobachter-Verlag 2006. Der Ratgeber zeigt, wie sich mit dem aussergerichtlichen Vermittlungsverfahren Konflikte konstruktiv lösen lassen.