So jung und schon so dick. Die Gratiszeitung «20 Minuten» müsste längst «40 Minuten» heissen, wenn man das endlose Blättern durch Stellenanzeigen, Publireportagen und Werbungen zur Lesezeit hinzuzählen würde. Täglich erreicht der Gratistitel aus dem Hause Tamedia über 1 Mio Leser. Kein Wunder, zeigen sich die Werber begeistert.
2006 hat Ringier mit der Abendzeitung «Heute» und der Wirtschaftszeitung «Cash Daily» ebenfalls zwei Gratiszeitungen ins Rennen geschickt. «Heute» hat in den ersten sechs Monaten mit einer Auflage von 140000 Exemplaren durchschnittlich 211000 Leser erreicht. In der Westschweiz kämpfen mit «Le Matin Bleu» der Edipresse-Gruppe und «20 minutes» von Tamedia zwei Gratiszeitungen um die Gunst der Leser.

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Kaufzeitungen verlieren Leser

Ganz anders präsentieren sich die Leserzahlen der Traditionszeitungen. Vom «Blick» über den «Tages-Anzeiger» bis zur «NZZ» müssen alle Federn lassen. Die NZZ-Gruppe interessiert sich nicht für einen Einstieg ins Gratis-Geschäft. Conrad Meyer, NZZ-Verwaltungsratspräsident, hat aber kürzlich die Hoffnung geäussert, dass die Gratispresse die kommenden Generationen leichter an das tägliche Zeitungslesen heranführen könnte.
Tatsächlich hängt vieles im Mediengeschäft davon ab, welche Gewohnheiten die vollends im digitalen Zeitalter aufgewachsene Jugend entwickeln wird. «Es herrscht eine grosse Verunsicherung über die Zukunft», bringt Verleger Michael Ringier den seelischen Zustand der Schweizer Medienindus-trie auf den Punkt.

Mit «Online First» gewinnen

Mit der Strategie «Online First» will sich beispielsweise der deutsche Axel Springer Verlag, zu dem auch die Verlagsgruppe Handelszeitung gehört, für die Zukunft rüsten. Aktuelle Inhalte sollen im Internet kostenlos zur Verfügung stehen, bevor sie auf bedrucktem Papier erscheinen. Vor einer Woche haben «24 heures» und «Tribune de Genève», zwei Edipresse-Titel, ihre Web-Auftritte erneuert. Umfragen, Videos und neueste Nachrichten auch aus der Region sollen die Nutzer auf der Homepage halten. Ringier und Tamedia versuchen, mit den Internetplattformen ihrer Gratiszeitungen ebenfalls den elektronischen Verbreitungskanal auszubauen.
Ein Sieger im Internetgeschäft ist noch nicht auszumachen. Ausserdem sind die Bruttowerbeausgaben im Internet immer noch gering. Sie nahmen 2006 im Vergleich zum Vorjahr zwar um 44% zu. Doch die laut Media Focus 52 Mio Fr. Werbeausgaben im Internet sind verglichen mit 1328 Mio Fr. bei den Zeitungen ein Klacks. Michael Ringier ist überzeugt: «Wir haben noch Zeit, die neue Welt hat uns noch nicht erreicht.»
Neben der Verschiebung der Aufmerksamkeit von den traditionellen Medien hin zum Internet ist die Aufsplitterung des Publikums eine weitere Herausforderung für Medienunternehmen weltweit. In einer kürzlich erschienenen Studie der Columbia University über die amerikanische Medienlandschaft ist die Botschaft klar: Alle nachrichtenvermittelnden Medien
verzeichnen einen Rückgang in ihrer Nutzung oder stagnieren. Das Publikum ist zunehmend zerstückelt, deshalb können einzig Nischenprodukte Wachstum generieren.
In der Schweiz verhält es sich nicht anders. Abgesehen von den neuen Gratiszeitungen konnte einzig im Regionalzeitungsgeschäft und mit Spartenprodukten zugelegt werden. Das haben auch die grossen Player der Schweizer Medienwelt gemerkt. Tamedia will mit einer aggressiven Strategie im Geschäft mit Regionalinformationen den Raum Zürich erobern. Die NZZ-Gruppe versucht zaghaft, mit ihren Beteiligungen an der «Zürichsee-Zeitung», am «Zürcher Oberländer» und «Zürcher Unterländer» zu kontern.
Die Basler Medien Gruppe will mit mehr Lokal-News aus dem Baselbiet die «Basellandschaftliche Zeitung» verdrängen. Diese hat sich in den Mantel der AZ Medien Gruppe und deren «Mittelland Zeitung» gehüllt. Mit der Mantel-Strategie vereinen sich kleine Zeitungen unter einem gemeinsamen Dach. Dies ermöglicht ihnen eine Konzentration auf den ertragreicheren Regionalteil.

Umkämpfter Sonntagsmarkt

Momentan plant die AZ Me-dien Gruppe eine Sonntagsausgabe, wie es die Südostschweiz Me-diengruppe im vergangenen Jahr vorgemacht hat. Damit wird auch der Sonntagsmarkt, der den grossen Medienhäusern lange Jahre dicke Inserateeinnahmen beschert hat, härter umkämpft.
Ausserdem hat der Axel-Springer-Konzern seinen Besitzstand in der Schweiz ausgebaut. Mit der Akquisition von Jean Frey und der bereits früher übernommenen Verlagsgruppe Handelszeitung ist der führende Schweizer Verlag für Wirtschaftsmedien und Zeitschriften entstanden.

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Nachgefragt: «Bald werden Zeitungen nicht mehr gedruckt»

Präsident Schweizer Presse und Verleger der Südostschweiz
Mediengruppe AG, Chur.

Wird es in Zukunft noch Zeitungen geben?

Hanspeter Lebrument: Ich glaube, dass es sie in anderer Form geben wird. Zeitungen werden bald nicht mehr in gedruckter, sondern in elektronischer Form erscheinen. Die nachfolgenden Genera-tionen, die mit dem Handy aufwachsen, könnten bald auf den Kauf von Zeitungen und auch auf Gratiszeitungen verzichten.

Welche Zeitungen haben weniger Schwierigkeiten, in der digitalen Welt zu bestehen?

Lebrument: Die Zeitungen, die seit Jahren vermehrt auf regionale Berichterstattung umgestellt haben. Das bekommt der Konsument sonst nirgends. Ich glaube, auch Spartenprodukte haben gute Chancen. Die «General News» erreichen die Leute auf allen Kanälen und billiger als über
Zeitungen.

Hat es sich für Sie gelohnt, eine Sonntagszeitung herauszubringen?

Lebrument: Auf jeden Fall. Man darf den wichtigsten Lesetag nicht einfach der Konkurrenz überlassen. Die Herausgabe einer «Südostschweiz am Sonntag» hat aber auch publizistische Gründe: Durch die Probleme im Anzeigenmarkt werden Tageszeitungen immer schmaler. Für grössere Geschichten, die laut neuesten Studien sehr gefragt sind, hatten wir schlicht keinen Platz. In der Sonntagsausgabe bringen wir sie unter.

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Die grössten Verlage

Edipresse
Der Lausanner Verlag gibt in 17 Ländern 150 Publikationen heraus. Aushängeschild in der Westschweiz ist die «Matin»-Familie mit Sonntags-, Werktags- und Gratiszeitungen. Der Geschäftsbericht folgt am 12. April.

Tamedia
Die Erfolgsstory «20 Minuten» macht dem haus-
eigenen «Tages-Anzeiger» zu schaffen. Dieser befindet sich im Grossraum Zürich in einem aufwendigen Verdrängungskampf mit der NZZ-Gruppe.

NZZ
Mit Beteiligungen an der «Zürichsee-Zeitung», am «Zürcher Oberländer» und am «Zürcher Unterländer» will die NZZ Paroli bieten. Erfolgreicher sind ihre Regionalplayer «Neue Luzerner Zeitung» und «St. Galler Tagblatt».

Ringier
Das in Familienbesitz stehende Unternehmen hat im vergangenen Jahr grosse Investitionen getätigt. Neben den Gratiszeitungen «Heute» und «Cash Daily» sind über 20 weitere Titel lanciert worden. Dies vor allem auch in Osteuropa und Asien, wo Ringier stark vertreten ist. In Osteuropa wurde im vergangenen Jahr mit einem Wachstum von 15% rund ein Drittel des Umsatzes generiert. Im Gegensatz zu den früheren Zugpferden «Blick» und «Sonntagsblick», die an Boden verloren, konnte «Blick Online» seine Umsätze um 75% steigern.