Roger Gfrörer, Leiter Career Services der Universität Zürich, sieht den Wechsel seiner Abgänger ins Berufsleben gelassen: «Es scheint, dass unsere Studierenden erstaunlich gut mit der Krise zurechtkommen.» Der dort angebotene Workshop mit dem Titel «Jobsuche in Krisenzeiten» sei jedenfalls nicht ausgebucht und der Beratungsbedarf auch nicht besonders gross.

Es ist anzunehmen, dass sich am diesjährigen Absolventenkongress (siehe Kasten rechts) ein unaufgeregtes und gut informiertes Publikum durch die Hallen der Messe Zürich bewegt; gerechnet wird mit etwa 3000 Besuchern.

Nur 100 statt 123 Unternehmen

Vor einem Jahr stellten 123 Unternehmen aus, so Judith Oppitz, Geschäftsführerin von Staufenbiel. Das deutsche Unternehmen organisiert den Zürcher Absolventenkongress. Dieses Jahr sind noch rund 100 Anbieter anwesend.

Ob ausschliesslich die Krise dazu führte oder Ausstellererwartungen in Bezug auf Kontakte mit den Hochschulabsolventen nicht erfüllt wurden, darüber schweigt der Veranstalter. Trotzdem locken die Unternehmen mit weit mehr als 3000 Stellen und Praktika.

Mit Spannung erwarten Besucher der Messe und Beobachter der Szene vor allem, wie sich die Bankenwelt präsentiert und wie viele Ausbildungs- und Direkteinstiegsstellen nach der Zäsur des Vorjahres angeboten werden. Immerhin signalisieren Finanzinstitute, Versicherungen sowie Beratungsfirmen inklusive Wirtschaftsprüfer und Steuerberater noch den grössten Bedarf an Abgängern.

Aber auch der Nahrungsmittelriese Nestlé macht keinen Hehl daraus, dass er eine grosse Zahl junger Akademiker sucht, bis zu 1000. Oft unterschätzt und doch sehr nachfrageintensiv sind die Angebote des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Total 300 Absolventen werden aus fast allen Bereichen gebraucht. Und die gute Nachricht für Rechtswissenschafter: Etwa 100 angehende Juristen sucht diesmal alleine der öffentliche Dienst der Zürcher Justiz.

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Über 1000 neue Berater gesucht

Bei den Finanzinstituten spiegelt sich am Absolventenkongress die aktuelle Befindlichkeit der beiden Schweizer Grossbanken: Während die Credit Suisse 300 Absolventen braucht, sind es bei der UBS nur 100. Die ebenfalls anwesende Deutsche Bank sucht nach 250 Absolventen in ganz Europa.

Ebenfalls am Absolventenkongress sind die grössten Consulting-Unternehmen dabei. Alleine Accenture, Booz & Company, Boston Consulting, Deloitte, McKinsey, PricewaterhouseCoopers und Roland Berger melden insgesamt einen Bedarf an 750 Akademikern.

Zum ersten Mal anwesend ist die schweizerische Niederlassung von Grant Thornton. Das ambitionierte, derzeit noch 30-köpfige Team bietet fünf neue Arbeitsplätze, davon drei für Absolventen. Rechnet man die beiden grossen Wirtschaftsprüfer Ernst & Young und KPMG dazu, sucht die Branche - kleinere Anbieter, die teilweise keine genauen Angaben über den Bedarf machen, nicht mitgezählt - mehr als 1000 junge Akademiker.

Grosse Dienstleistungsunternehmen der Versicherungsbranche gehören ebenfalls zu den nachfragestärksten Arbeitgebern: Die Axa Winterthur sucht 48 Leute, Swiss Re weltweit 100, Zurich Financial Services etwa 50 bis 60, und bei der Bâloise sind es 35.

Ein weiterer wichtiger Arbeitgeber für Hochschulabsolventen ist der Schweizer Konzern ABB, diesmal mit 100 Stellen. In den Bereichen Elektroindustrie, Energie- und Versorgungswirtschaft, Informatik und Telekommunikation sowie Maschinen- und Anlagebau wird vor allem Bedarf an Akademikern der Fachrichtungen Betriebswirtschaftslehre, Ingenieurswissenschaften oder Wirtschaftsingenieurwesen gemeldet.

Grüne Jobangebote noch selten

Obwohl in Wirtschaft und Politik das Thema Umwelt täglich zur derzeit fast grössten Herausforderung wird und auch für die Unternehmen immer wichtiger ist, fehlt die Nachfrage von der Arbeitgeberseite fast komplett. Umweltwissenschaften werden zwar an der Universität Zürich als Vollstudium angeboten. Auch die ETH Zürich hat ein Studium in Umweltnaturwissenschaften. Hier hat neben einer fundierten interdisziplinären naturwissenschaftlichen Grundlage auch der gesellschaftliche Umbau in Richtung Nachhaltigkeit einen besonderen Stellenwert.

Trotzdem bieten am Absolventenkongress nur einige Aussteller wie die Zürcher Justiz, Synthes, Swiss Re, Axpo oder Syngenta Funktionen in Umweltschutz und Arbeitssicherheit. Professor Peter Suter, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz (siehe «Nachgefragt»), bestätigt, dass Umwelt und Grün zwar im Trend liegen, jedoch die Berufsmöglichkeiten noch beschränkt sind.

NACHGEFRAGT

Peter Suter, Präsident der Akademien der Wissenschaften

«Zusätzlich lebenslang weiterbilden»

Welche Berufe zählen nach Ihrer Erfahrung aktuell zu den aussichtsreichsten für Hochschulabsolventen?

Peter Suter: Die grösste Nachfrage findet weiterhin - und nicht nur in der Schweiz - in den Gesundheitsberufen auf allen Stufen statt. Hier ist das grösste andauernde Wachstumspotenzial zu erwarten. Aufgrund des steigenden Bedarfs werden die Löhne im europäischen Raum in die Höhe gehen.

In welchen Gesundheitssparten?

Suter: Besonders begehrt werden die Arztausbildung und höhere Managementbereiche, Ingenieure und Pflegeberufe sein. Hier wird, wie anderswo auch, ein verstärktes Zusammenspiel von praktischen Kompetenzen und theoretischer Ausbildung stattfinden - und zwar nicht nur zwischen 20 und 35 Jahren, sondern vielfach bis ins fünfte Lebensjahrzehnt.

Welche Chancen haben Ihrer Meinung nach Naturwissenschafter, Techniker und Ingenieure gegenwärtig?

Suter: Sie bilden die zweitwichtigste Gruppe der Zukunftsberufe. Auch hier werden Theorie und die praktische Ausbildung zusammenspielen. Dabei spielt die Eingangspforte nicht mehr eine so grosse Rolle wie bisher.

Gibt es neue Herausforderungen?

Suter: Immer mehr Männer und Frauen werden schon nach der Lehre sich zusätzlich lebenslang weiterbilden - ähnlich wie im Informatikbereich oder bei der Sprachausbildung.