Ob Finanzverwaltung, Office, Personalführung, Planung, Kommunikation oder Security - in vielen Unternehmen gleichen sich die Prozesse, die mit Software abgedeckt werden. Ganz ähnlich sieht es mit branchenspezifischen Programmen etwa bei Banken und Treuhändern aus. Alles, was nicht zur Kernkompetenz eines Unternehmens gehört, so die Einsicht, muss nicht jedes Unternehmen neu erfinden. Man kann diese Software gewissermassen ab Stange einkaufen und spricht deshalb von Standardsoftware oder handelsüblichen Programmen (Commodity). Doch inzwischen tummeln sich immer mehr Unternehmen in dem lukrativen Softwaremarkt und bieten ihre Programme als Standardsoftware an. Die Situation ist unübersichtlich geworden. Grund genug, die Vor- und Nachteile von standardisierten Programmen unter die Lupe zu nehmen.

Langfristige Verfügbarkeit

Auf die Frage, was denn Standardsoftware sei, zuckt Beat Bussmann mit der Schulter. Der Chef der Krienser Softwareschmiede Opacc, die sich seit über 20 Jahren auf Standard-Geschäftssoftware für spezifische Branchen konzentriert, sagt, «Ich weiss nicht, was andere darunter verstehen», und nennt den derzeitigen Umgang mit dem Wort Standard einen «Marketingtrick».

Bussmann nennt immerhin zwei wesentliche Kriterien: «Die Software muss sich trotz Standard an die spezifischen Bedürfnisse adaptieren lassen, und sie muss mit diesen Adaptionen auch nach einem Update auf eine neue Version noch ohne Einschränkungen funktionieren.» Kaum anders schätzt Richard Heinzer, Chef des auf Versicherungen fokussierten Softwareherstellers Adcubum die Diskussion um Standardprogramme ein: «Alle Funktionalitäten müssen langfristig zur Verfügung stehen.»

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Dabei sind sich beide im Klaren darüber, dass es ausgezeichnete Eigenentwicklungen in den Unternehmen gibt, die sicher nicht durch Standardsoftware ersetzt werden müssen. Laut Heinzer war gerade die Versicherungsbranche dafür bekannt, über sehr stabile und leistungsfähige Eigenentwicklungen zu verfügen. Ein Wandel habe sich erst Ende der 90er-Jahre abgezeichnet, als immer öfter die Spezialisten in den Unternehmen in Pension gingen und damit ihr Know-how abfloss. Das sei einer der Gründe, warum Adcubum - «zur richtigen Zeit am richtigen Ort» - die Lücke füllen konnte und heute beispielsweise den Schweizer Markt für Krankenversicherungen nahezu allein mit einer Standardsoftware bedient.

Für Christian Rusche, Chef des rasant wachsenden Softwareherstellers BSI, sind die Grenzen zwischen individueller und standardisierter Software fliessend. BSI gehört zu den wenigen Anbietern, die zwar selber eine Standard-CRM-Lösung verkauft, aber eben auch individuell auf ein Unternehmen zugeschnitte Software baut. Denn laut Rusche ist klar, dass «überall dort, wo man sich als Unternehmen von seiner Konkurrenz unterscheiden möchte, ein sinnvolles Mass an Individualität zu empfehlen ist». Mit Software von der Stange, so seine Erfahrung, könne man nur rund 30% der Unternehmensanwendungen abdecken, und obwohl Individualsoftware immer seltener würde, liege ihr Anteil heute immer noch bei 20 bis 30%. Die BSI-Strategie: «Wir verbinden die Vorteile einer Standardsoftware mit denen einer Eigenentwicklung.» Man setze dazu auf eine relativ schlanke Standardlösung und passe die dann an - so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Rusche stellt dabei klar, dass «für einige sehr spezielle Bereiche vom Produkt wenig übrigbleibt, vielleicht nur die Benutzerverwaltung und eine Schnittstelle, um zu telefonieren». Der Vorteil standardisierter Software liegt laut Rusche darin, dass man nicht bei null beginnen muss und viel Stabilität gewinnt. Wie für Bussmann und Heinzer zählt letztlich auch für Rusche das Ergebnis: Eine intelligente, langfristige Lösung zu dauerhaft tiefen Kosten.

Eigenbau braucht Know-how

Ganz anders sieht es beim Computerhändler Digitec aus. Dort hat man von Anfang an auf den Einsatz von Standardprogrammen verzichtet. Der IT-Händler beschäftigt 164 Mitarbeiter, von denen sechs nur für die IT (ERP, Webshop und Datenbank) arbeiten. Alles wird komplett selbst programmiert, nur die IT-Infrastruktur kommt von Microsoft und IBM (Systemsoftware, Office, Server). Oliver Herren, Informatikverantwortlicher der Digitec, will das Vorgehen allerdings nicht verallgemeinern. Von der Entwicklung eigener Software rät er allen Unternehmen ab, die nicht ein Management haben, das sich intensiv mit IT auskennt und auch über Wissen im Bereich Programmierung verfügt. «Sonst ist das Unterfangen unmöglich, weil die Abläufe genau bekannt sein müssen und ebenso die Möglichkeiten der IT», erklärt er. Zudem sei eine gewisse Unternehmensgrösse nahezu zwingend; oder man muss schnell wachsen, um die Kosten der IT in Relation zum Umsatz tief halten zu können.

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Risiko Upgrade-Garantie

Einig ist man sich darin, dass Standardsoftware auch in Zukunft nicht ohne Anpassungen auskommen wird. Und dafür braucht es Spezialisten. Wer die nicht im eigenen Unternehmen hat, komme ohne externe Hilfe nicht aus. Doch um diese Abhängigkeit möglichst in Grenzen zu halten, müsse man «einen Softwarelieferanten finden, der offen und ehrlich berät und langfristig denkt», sagt Rusche. Die grösste Herausforderung, ergänzt Bussmann, ist und bleibt ohnehin die Release-Fähigkeit einer Software: «Wer die nicht garantieren kann, lässt seine Kunden im Regen stehen.»