NOBEL BIOCARE. Wenigstens ein Trost ist Domenico Scala geblieben: Sein Unternehmen, der schwedisch-schweizerische Zahnimplantatehersteller Nobel Biocare mit Sitz in Zürich, ist im 3. Quartal dieses Jahres immer noch stärker als der Gesamtmarkt gewachsen. Ansonsten musste Scala am 30. Oktober 2007 den Investoren nicht nur tiefere Zahlen als erwartet kommunizieren, sondern auch die zweite Gewinnwarnung dieses Jahres verkünden. Neu rechnet der Konzern mit weltweit über 2200 Mitarbeitern und einem Umsatz von 601 Mio Euro im Jahre 2006 mit einem Wachstum von 17% – noch im August wurde nämlich mit einem Wachstum in Höhe von 21% gerechnet. Immerhin bleibt die Prognose für den Betriebsgewinn (Ebit) unverändert bei 33%.

«Reiner Tisch» oder Krise?

Noch ist nicht ganz klar, ob Domenico Scala, der seit dem 1. September Nobel Biocare als CEO vorsteht, mit diesen Gewinnwarnungen «reinen Tisch» gemachtund die wohl etwas gar optimistischen Berechnungen seiner Vorgängerin Heliane Canepa auf ein gesundes Mass reduziert hat – oder ob das Unternehmen tatsächlich in ernsthaften Schwierigkeiten steckt.Vieles spricht dafür, dass es sich tatsächlich nur um eine kurzfristige Wachstumsdelle handelt. Erstens ist Nobel Biocare mit einem globalen Marktanteil von 34% unangefochtene Marktführerin. Die direkte Verfolgerin, der Basler Konzern Straumann, hat einen Marktanteil von 26% (siehe Zweittext). Zu den weiteren Konkurrenten gehören Biomet/31 (13% Marktanteil), Zimmer (9%) und Dentsply (5%).

Chefwechsel tat gut

Zweitens sind die fundamentalen Wachstumschancen weiterhin intakt. Dafür sprechen die demografische Entwickung, die steigende Kaufkraft in Ländern wie Russland, Brasilien, China oder Indien sowie das wachsende Bewusstsein für Ästhetik und Schönheit.Drittens scheint der Wechsel an der Konzernspitze dem gesamten Unternehmen gut getan zu haben. Am grossen Investorentag, der Ende September in den USA stattfand, war neben CEO Domenico Scala das gesamte, neu formierte Managementteam vertreten. Auch die Stimmung unter den Mitarbeitern hat sich spürbar verbessert. «Die grössere Eigenverantwortung wird geschätzt», bestätigt Rolf Soiron, Verwaltungsratspräsident von Nobel Biocare. Er ist zufrieden, Scala als neuen Chef eingesetzt zu haben. «Er hat seit seinem Amtsantritt bereits mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte», sagt er gegenüber der «Handelszeitung» (siehe «Nachgefragt»).Domenico Scala, der ehemalige Finanzchef des britisch-schweizerischen Saatgut- und Pflanzenschutzmittelkonzerns Syngenta, kennt Nobel Biocare zwar seit Mai 2006, als er Verwaltungsrat des Unternehmens wurde. Er tritt aber ein schweres Erbe an. Vorgängerin Heliane Canepa galt zwar als impulsiv und manchmal etwas schwierig, aber charismatisch.

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Auch BB Medtech ist zufrieden

Doch der neue Konzernchef hat bereits gehandelt. Er unterhielt sich in Schweden mit Mitarbeitern, Behörden und der Börsenaufsicht in Stockholm. Dort ist die Stimmung besonders angespannt, weil die Implantate «Nobel Direkt» und «Nobel Perfekt» stark kritisiert werden. Deshalb will Scala den Ruf des Konzerns in Wissenschaftskreisen erhöhen. Aktuell kooperiert Nobel Biocare mit weltweit 19 Universitäten. Und er muss laut Soiron «kreative Antworten» auf den wachsenden freien Cashflow finden; Scala hat bereits kleinere Akquisitionen und ein neues Aktienrückkaufprogramm in Höhe von 350 Mio Fr. angekündigt. Kein Wunder, hat die grösste Investorin, (die Beteiligungsgesellschaft BB Medtech) ihren Anteil im 3. Quartal wieder etwas erhöht.

Nobel-Biocare-Verwaltungsratspräsident Rolf Soiron

mit einer ersten Bilanz über den neuen CEO Domenico Scala.

Domenico Scala ist seit 1. September neuer CEO von Nobel Biocare. Mit welchem Eindruck auf Sie?

Rolf Soiron:

Er hat seit seinem Amtsantritt bereits mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte.

Was heisst dies bezogen auf die Probleme in Schweden, wo zwei Produkte in starke Kritik gerieten?

Soiron: Domenico Scala konnte die ziemlich belasteten Kontakte zur schwedischen Agentur für Medizinprodukte und zur Börsenaufsicht in Stockholm schon weitgehend normalisieren.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Herausforderungen für das Unternehmen?

Soiron: Derzeit sind drei Themen besonders wichtig: Erstens die Wachstumsdynamik des Konzerns. Zweitens muss Nobel Biocare auch bezüglich seiner wissenschaftlichen Reputation die klare Nummer eins der Branche sein. Und drittens braucht es kreative Antworten auf den wachsenden freien Cashflow.

Der direkte Verfolger von Nobel Biocare, der Basler Konzern Straumann, stellt die Zahlen seines 3. Quartals am 2. November vor. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) erwartet für diese drei Monate einen Umsatz von knapp 166 Mio Fr. (rund 26% mehr als in der entsprechenden Vorjahresperiode), die Bank Vontobel kalkuliert mit einem Umsatz von 173 Mio Fr. (also 31% mehr als im 3. Quartal 2006).

Interessieren wird vor allem, ob der im 2. Quartal stark verbesserte Geschäftsverlauf in den USA fortgesetzt werden konnte. Spannend wird auch ein Update, wann genau die US-Behörden ihren Importstopp gewisser Straumann-Produkte aufheben. Erwartet wird dieser Schritt Anfang 2008.