Hat die europaweite Bologna-Reform die Arbeitsmarktchancen für Hochschulabsolventen effektiv verbessert, wie dies vor zehn Jahren angekündigt wurde? «Noch nicht überall», sagt Jean-Marc Rapp, Präsident der European University Association (EUA). Der Schweizer ist quasi Europas höchster Akademiker. In seiner Organisation sind mehr als 800 Hochschulen aus 46 Ländern organisiert.

Rapp erklärt diesen Missstand wie folgt: «Der erste Titel, der Bachelor, befähigt grundsätzlich zur Berufsausübung. Doch viele Arbeitgeber begreifen erst nach und nach, was die vereinheitlichten Diplome der Bologna-Reform bedeuten. Viele haben ihre Anstellungsgrundlagen noch nicht angepasst. Das gilt erstaunlicherweise auch in vielen öffentlichen Verwaltungen.» Vielleicht verstärke die Grundhaltung vieler Universitäten diese Geringschätzung des Bachelors in der Arbeitswelt: «Verbreitet gilt erst der Master als richtiger Abschluss», weiss Rapp.

Hierzulande falle die ungleiche Wahrnehmung aber nicht so stark ins Gewicht: «In der Schweiz, wo nur 25 bis 30% der jungen Erwachsenen studieren, mag das verkraftbar sein», führt Rapp aus, «in Ländern wie Deutschland oder Frankreich mit weit über 50% ist unabdingbar, dass ein bedeutender Teil nach dem Bachelor in den Arbeitsmarkt eintritt.»

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In diesem Kontext fragt sogar er sich: «Ist wirklich für alle Berufe der hohe wissenschaftliche Anspruch einer Hochschulausbildung gerechtfertigt und sachlich begründet.» Seis drum. Wichtiger dürfte den Absolventen sein, was ihnen ihre Ausbildung beim künftigen Arbeitgeber einbringt. Diesbezüglich gibt es nach den Krisenjahren 2008 und 2009 gute Nachrichten: Die meisten Unternehmen in Europa bezahlen 2010 wieder höhere Einstiegssaläre, wie die jährliche Erhebung des Beratungsunternehmens Towers Watson ergibt (siehe Seite 57).

Über die einzelnen Branchen betrachtet fallen die Lohnerhöhungen hierzulande tendenziell am moderatesten aus: In der Schweiz betragen die Zunahmen zwischen 0,4 und 1,0%, während Berufseinsteiger in anderen Ländern zumindest prozentual stärker dazuverdienen können. Die einzige Ausnahme bildet die Pharmaindustrie. In absoluten Zahlen gleicht sich dies in den meisten Fällen aus, weil sich die hiesigen Löhne im europäischen Vergleich in praktisch allen untersuchten Branchen schon am oberen Ende befinden.

Positiver Nebeneffekt: Die Vergütungen für Nachwuchskräfte gelten in Fachkreisen als verlässliches Abbild der ökonomischen Entwicklung. Und hier zeigt es sich, dass es wirtschaftlich wieder aufwärts geht.