Seit längerem ist klar: In der Schweiz ist ein grenzüberschreitender Urbanisierungsprozess im Gange, der sich nicht mehr durch administrative und politisch-territoriale Grenzen aufhalten lässt. Spätestens seit der Publikation «Die Schweiz - ein städtebauliches Portrait» des ETH Studio Basel (2006) stellt sich die Schlüsselfrage, ob die Gemeinde als zentrale Trägerin von schweizerischer Identität in der Lage ist, diese Veränderungen zu absorbieren.

Gefährlicher Alleingang

Will man vermeiden, dass sich als Folge des Globalisierungsprozesses die Räume vereinheitlichen und die vielfältige Identität des Landes verloren geht, müssen rasch grossmassstäblichere Entscheidungsmechanismen erarbeitet werden. Die letzten Jahren zeigen in aller Deutlichkeit: Wenn jede Gemeinde für sich alleine plant, entsteht nicht nur überall Dasselbe, dieser Prozess wird durch die gegenseitige Konkurrenzierung gar noch beschleunigt. Dabei ist in der Schweiz die räumliche Ausgangslage besser als in manchem Nachbarland. Da in den 1960er- und 1970er-Jahren weitgehend auf grosse städtebauliche Experimente verzichtet wurde, hat die Schweiz praktisch keine monströsen Vorstadtquartiere oder Satellitenstädte zu korrigieren.

Als Architekten und Planer sind wir immer wieder mit der Diskrepanz zwischen stets grösseren Funktionsräumen und politischen Grenzen konfrontiert. In der Regel werden wir von Gemeinden mit dem Zonenplan ausgestattet und beauftragt, ihre lokalen baulichen oder planerischen Probleme zu lösen. Analysieren wir die Zusammenhänge, in denen die Aufgabenstellungen stehen, stellen wir jedoch eines fest: Landschaftliche Räume, wirtschaftliche Verflechtungen oder Infrastrukturnetzwerke reichen weit über den Zonenplan hinaus. Um nachhaltige Lösungen zu entwickeln, drängt sich darum eines auf: Die überholten Zonenpläne und die häufig überforderten lokalen Bauverwaltungen müssen zunehmend durch grenzüberschreitende Planungsmittel und professionalisierte Baubehörden abgelöst werden.

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Die Herausforderung für uns Planer und Architekten hat sich ebenfalls verändert und besteht darin, übergeordnete strategische Entwürfe mit präzisen qualitativen Zielsetzungen zu definieren. Die Entwürfe müssen offen genug sein, um unterschiedliche Massstäbe sowie spätere Ergänzungen und Anpassungen berücksichtigen zu können. Dabei ist der sorgfältigen Planung von qualitativen und gut vernetzten öffentlichen Räumen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, da der öffentliche Raum das schwächste Glied in der zunehmend unkoordinierten und fragmentierten Umgebung ist.

Die Planung in einer grösseren Massstabsebene ist also dringend notwendig. Doch es braucht Alternativen zur gängigen Forderung nach einer Auflösung der Gemeindeautonomien. Hier empfiehlt es sich, die unterschiedlichen und oft wirtschaftlich motivierten Lösungsansätze einiger Schweizer Gemeinden näher anzuschauen. Auf der politischen Ebene haben die Gemeinden der Kantone Glarus und Bern Aufsehen erregt. In Glarus reduzierten sich vor vier Jahren 25 Gemeinden auf 3, im Kanton Bern schlossen sich letztes Jahr 100 Gemeinden freiwillig zur Regionalkonferenz Bern-Mittelland zusammen. Als wirtschaftlich motivierter Interessenverband wurde bereits 1990 die Gemeindekooperation «glow. das Glattal» gegründet, welcher heute acht Gemeinden angehören und welche die Planung unterdessen massgebend beeinflusst. Schliesslich zeigt die Gemeinde Köniz, dass ab einer gewissen Grösse eine professionelle Planungsabteilung auch innerhalb der Gemeindegrenzen möglich ist und für eine langfristige Siedlungsstrategie sorgen kann.

Diese Beispiele belegen: Die Gemeinde als Trägerin schweizerischer Identität ist wandlungsfähiger, als man es sich noch vor wenigen Jahren vorstellen konnte. Unter enormen Druck geraten, hat sie sich jüngst in diversen Konstellationen zu grösseren Einheiten verbunden, ohne ihre Autonomie vollständig aufzugeben. Durch diese Tendenz können nicht nur grenzüberschreitende Planungen erarbeitet und Ressourcen effizienter genutzt werden. Zugleich wird auch die urschweizerische Idee des Interessenausgleichs unter den Gemeinden wieder zu neuem Leben erweckt.