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«Mehr Schweizer haben gar keinen Platz»

Der Sprung des Schweizer Frankens nach dem gestrigen SNB-Entscheid macht Einkaufen im Ausland noch attraktiver. Ein Augenschein in Konstanz.

Von Gabriel Knupfer
am 16.01.2015

Im Zug zwischen Kreuzlingen und Konstanz braucht am Freitagvormittag niemand zu stehen. Und auch am Grenzübergang zwischen der Schweizer und der deutschen Stadt am Bodensee herrscht Normalbetrieb. Zwar sind die Strassen der Altstadt gegen Mittag schon gut gefüllt. Aber der grosse Ansturm bleibt am Tag eins nach dem Ende des Mindestkurses in Konstanz noch aus.

Die Schweizerische Nationalbank gab am Mittwoch nach dreieinhalb Jahren den Kampf gegen die Frankenstärke auf. Das versetzte die Börsen und Schweizer Exporteure in Panik. Für die Einkaufstouristen indes war die Nachricht eine frohe Botschaft. Auf einen Schlag waren Produkte 20 Prozent billiger geworden. Denn der Euro kostet nur noch 1.01 Franken statt wie bis anhin 1.20. Noch ist in Konstanz von einer wilden Schnäppchenjagd aber wenig zu spüren. Die kommt erst noch.

«Schlechtes Gewissen»

Wenig überraschend ist Schweizerdeutsch an diesem 16. Januar die überwiegende Sprache auf den verkehrsberuhigten Strassen und Plätzen des idyllischen Städtchens am Bodensee. Darüber sprechen, warum sie hier sind, wollen nur die wenigsten. Ein Kopfschütteln oder ein brüskes «Näi» oder «Käi Ziit» sind die häufigsten Antworten. Die mitgeführten Einkaufstaschen verraten dann aber doch einiges über ihre Pläne. Und auch die Entscheide von SBB und Basler Verkehrsbetrieben. Sie bauen ihre Kapazitäten bei den Verbindungen nach Süddeutschland fürs Wochenende markant aus. Man verstärke «wichtigste Züge von Zürich nach Konstanz am Samstag mit zusätzlichen Wagen, um genügend Sitzplätze anbieten zu können», twitterten die Bundesbahnen.

Ein älterer Mann wartet vor dem Optikergeschäft Krass auf seine Frau. Er gibt offen zu, dass er wegen der Freigabe des Frankens gekommen ist. «Nun habe ich schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen», sagt der Rentner. «Denn für die Schweizer Betriebe, die Schweizer Löhne und Sozialabgaben bezahlen müssen, ist die Situation hart.» Andererseits sei der Preisunterschied schlichtweg «verrückt». Drei Brillen würde sie hier zum Preis von einer in der Schweiz bekommen, fügt seine Frau an, die inzwischen hinzu gestossen ist.

Nur ein Nebeneffekt?

Das Schuldbewusstsein hat seinen Grund. Tatsächlich beklagen sich Schweizer Betriebe nicht erst seit gestern über die preisbewussten Landsleute. Die Kampagne «Ja zur Schweiz – Hier kaufe ich ein» des Gewerbeverbandes aus dem Jahr 2012 dürfte vielen noch in Erinnerung sein. Der Verzicht auf den Einkauf im Ausland sei ein bewusster Entscheid und ein Zeichen von Stolz auf die Schweiz. Wer im Inland konsumiere, sage Ja zur Schweizer Gesellschaft, proklamierten die Gewerbler damals.

Dass der billige Einkauf im Ausland dem Schweizer Gewerbe nicht gut tut, wissen die Schnäppchenjäger genau. Viele betonen aber, dass der Einkaufstrip nichts mit dem gestrigen Entscheid der Nationalbank und der Hausse des Frankens zu tun habe. «Ich komme einmal im Monat her um Kleidung und Kosmetik zu kaufen», sagt eine Schweizerin aus St. Gallen. Für eine andere Passantin stimmt in Konstanz einfach «der Service». Dass alles viel billiger sei, «ist nur ein schöner Nebeneffekt».

Konstanzer haben keine Freude

Und wie stehen die Konstanzer zu ihren besten Kunden? Nicht alle freuen sich auf noch mehr Tagesgäste aus dem Süden. Bereits heute seien die Strassen am Wochenende vollgestopft und an der Kasse dauere alles viel länger, seit die Schweizer gekommen seien, hört man auf der Strasse. «Noch mehr Schweizer hätten gar keinen Platz hier», betont ein Student.

«Es reicht schon jetzt mit dem Einkaufstourismus», sagt eine ältere Dame, «Vor allem die Sache mit den Ausfuhrbescheinigungen ist eine Zumutung für uns Deutsche.» Mit den grünen Zetteln können sich Einkaufstouristen an der Grenze die Mehrwertsteuer zurückzahlen lassen. Und so noch einmal bis zu 19 Prozent sparen.

Zehn Prozent mehr Schweizer erwartet

Freuen dürfen sich dagegen die vielen Geschäfte in Konstanz. Im Einkaufszentrum Lago, direkt neben dem Bahnhof, habe man die Auswirkungen des SNB-Entscheids bereits am Freitag gespürt, sagt Manager Peter Herrmann. Freitage im Januar seien normalerweise ruhig. «Diesen Freitag waren die Ladenstrassen dagegen ziemlich gut bevölkert.»

Ein Plus von zehn Prozent sei durchaus realistisch, so Herrmann. Für den möglichen Ansturm am Wochenende sei man jedenfalls bereit: «Unsere Mieter haben wir umgehend informiert und unseren Sortenwechsler und alle Kassensysteme im Parkhaus und in den Läden auf den neuen Kurs umgestellt.»

Wirtschaftlicher Auftrieb

Trotz aller Klagen können auch andere Konstanzer der Situation etwas Gutes abgewinnen. «Meine Frau würde jetzt sagen, dass sie nun nochmals länger anstehen muss», sagt ein Arbeiter in der Altstadt. Doch die Invasion habe auch positive Seiten: «Schliesslich hat der Einkaufstourismus der Stadt wirtschaftlich enormen Auftrieb gegeben».

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