Hans Vontobel wollte eigentlich in die Ferien fahren. Abgereist ist er dann doch nicht, weil ihn an diesem Tag ein potenzieller Kunde sehen wollte. «Die Bank ist mein Kind», sagt Vontobel, Ehrenpräsident der gleichnamigen Zürcher Privatbank. Und in diesen sehr herausfordernden Zeiten macht ihm die Arbeit in der Bank besonders Spass: «Wir müssen neue Wege finden und auf diesen neuen Wegen besser sein als die anderen.»

Klar schaue man sich nach weiteren Übernahmemöglichkeiten um, «wir wollen aber keinen grossen Coup machen», sagt Vontobel. Die Grösse sei nicht entscheidend. «Essentiell ist die Integration der Menschen», sagt der Doyen.

So manchen Kampf ausgetragen

Mit seinen 93 Jahren geht Hans Vontobel immer noch jeden Tag zur Arbeit. Als Ehrenpräsident hat er formal keine Entscheidungsmacht. Das bedeutet aber nicht, dass er bankintern nicht den Ton angeben würde. Er selbst formuliert es aber so: «Es ist mir ein Anliegen, mit Mitarbeitenden auf allen Stufen im Gespräch zu bleiben und zuweilen auch kontroverse Themen aufzugreifen.» In seiner Zeit als Präsident der Schweizer Börse habe er immer für einstimmige Beschlüsse gekämpft. Er mag die Auseinandersetzung: In all den Jahren habe er immer wieder Neues aufgebracht, «was unsere Grossbanken nicht immer geschätzt haben».

Heute tritt Vontobel etwas kürzer, aber nur sehr wenig. Bei schönem Wetter spontan eine Wanderung zu unternehmen, das liege nicht drin. «Es gibt so viele Ereignisse, denen ich nicht ausweichen kann.» Immerhin geht er am Dienstagnachmittag in die Sauna und am Mittwochmorgen in einem Hallenbad eine Stunde schwimmen.

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Auch nach 66 Jahren hat der Hauptaktionär der Bank Vontobel noch nicht genug vom Bankgeschäft. Dabei hatte er als junger Mann einen ganz anderen Berufswunsch. Aus einem «lächerlichen Grund» sei er nicht Mediziner geworden. «Ich hätte Chemie büffeln müssen, aber ich hatte genug von diesem Fach.» Dann sei er halt Bankier geworden.

Nicht nur einmal wollte er kündigen. Doch er hatte eine Familie, für die er sorgen musste. Wenn er jeweils mit Problemen nach Hause gekommen sei, habe er zusammen mit seiner Familie auf dem Sofa Lieder gesungen.

Moralische Grenzen verschoben

Von Misstönen war dann der Abgang seines Sohnes Hans-Dieter begleitet. Er räumte im Jahr 2002 seinen Sessel in der Bank, heute züchtet er Pferde. Und die nächste Generation? «Ich forciere niemanden. Das wäre kontraproduktiv», sagt Vontobel und erzählt stolz von seinen zwei Enkelinnen. Eine ist Anwältin und hat bereits ein Praktikum bei Vontobel absolviert, die zweite lässt sich zur Physiotherapeutin ausbilden.

Der älteste aktive Bankier der Schweiz setzt seine Hoffnungen generell auf die Jungen: Es brauche eine neue Generation, die anders geschult sei (siehe «Nachgefragt»).

Es gibt Dinge, die früher als Kavaliersdelikt betrachtet wurden, heute aber nicht mehr toleriert werden. Dazu gehört zum Beispiel, Steuern zu hinterziehen. «Die moralischen Grenzen haben sich verschoben, dem müssen die Banken Rechnung tragen», stellt Vontobel fest. Im Ausland habe man die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug ohnehin nie verstanden. Aber: «Wir sollten viel offensiver darauf hinweisen, dass Länder ihre eigenen Steueroasen pflegen.»

An den automatischen Informationsaustausch glaubt er nicht: «Es ist ein Wunsch der Länder, die in ihren Schulden versinken.» So würden auch viele Deutsche in die Schweiz ziehen oder ihr Geld hier anlegen, weil sie weg wollten aus einem Staat, der sich immer mehr verschuldet und immer mehr Obrigkeitsgläubigkeit verlange.

Hier in der Schweiz existiere noch ein gewisses liberales Denken. Was unser Land aber brauche, sei mehr Selbstvertrauen. Die Chance des Kleinstaats sieht er in der Weltoffenheit. «Wenn wir uns auf eine dumme Art abschirmen, können wir zusammenpacken.»

NACHGEFRAGT Hans Vontobel, Ehrenpräsident der Bank Vontobel, Zürich
«Es braucht eine neue Generation»

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus 66 Jahren Bankerfahrung?

Hans Vontobel: Es ist die Erkenntnis, dass die Finanzkrisen gewisse Gemeinsamkeiten haben. Die Banken gehen Klumpenrisiken ein und kennen ihre eigenen Grenzen nicht. Es sind nicht in erster Linie die finanziellen Grenzen, sondern die personellen. Anders gesagt: Eine Bank darf nur expandieren, wenn sie die richtigen Leute mit der richtigen Ausbildung hat.

Sie haben acht Finanzkrisen miterlebt. Worin unterscheidet sich die aktuelle Krise von den früheren?

Vontobel: Die Krise ist global. Und die Banken haben dem Irrglauben gehuldigt, man könne mit modernen Kommunikationsmitteln ein Unternehmen weltweit beherrschen. Doch das funktioniert nicht. Eine Bank, die auf der ganzen Welt die Nummer eins sein will, lässt sich nicht führen und ist nicht kontrollierbar.

Sind die Grossbanken also ein Auslaufmodell?

Vontobel: Das Debakel ist programmiert, wenn die Grossbanken wieder aus der Schweiz heraus das Geschäft in den USA aufbauen wollen. Wenn Sie auf dem amerikanischen Markt die Nr. 1 sein wollen, müssen sie mit Amerikanern arbeiten. Die haben andere Werte und ein anderes Verhältnis zum Risiko. Eine Grossbank sieht auch immer die ganz grosse internationale Konkurrenz. Es gibt eine Krankheit, die heisst «Rangliste». Gewisse Leute müssen immer die Nummer eins sein. Warum? Dort fängt es an. Es braucht einen Kulturwandel.

Dafür gibt es aber noch keine Anzeichen.

Vontobel: Ich bezweifle auch, dass die jetzigen Manager andere Werte haben als ihre Vorgänger. Es braucht eine neue Generation, die anders geschult ist. Die Kinder müssen schon in der Schule lernen, dass es nicht nur auf die Zahlen ankommt. Entscheidend ist der Glaube an die Menschen. Heute geht es darum, dass die Resultate kurzfristig stimmen. Die Manager wollen in jedem Quartal von der Finanzgemeinde gute Noten erhalten.

Wie könnten die Anreize innerhalb der Banken langfristiger ausgerichtet werden?

Vontobel: Jetzt ist Eigeninitiative gefragt. Man könnte einen Sozialkodex schaffen, dem eine Firma beitreten kann. Aus diesem Kodex ergeben sich Konsequenzen betreffend Geschäfts- und Lohnpolitik. Bei den Banken, die diesen Kodex nicht unterzeichnet haben, werden die jungen Leute dann je länger, je mehr kein Geld mehr anlegen.

Auch die Finma will langfristige Anreize setzen. Sie spielt eine Vorreiterrolle beim Setzen von Mindeststandards bei der Vergütung. Finden Sie dies richtig?

Vontobel: Die Banken selbst sollen sich Regeln auferlegen, nicht die Aufsichtsbehörden. Früher bestand die Bankenkommission nur aus einem Sekretär und einer Sekretärin. Und in Bankenkreisen hat man alles unternommen, dass die Bankenkommission nicht grösser wurde. Das rächt sich jetzt. Die Angestellten der Aufsichtsbehörde verstehen nicht immer alles. Dies ist allerdings auch sehr schwierig in dieser Zeit des Wandels.

Finden Sie persönlich die hohen Boni stossend?

Vontobel: Die Befürworter von hohen Boni sagen immer: Wenn wir mit den Amerikanern nicht mitmachen, verlieren wir die Spitzenkräfte. Das glaube ich nicht. Die Schweiz ist zum Beispiel wegen der Stabilität und den guten Schulen ein attraktiver Wohnort. Die Frage ist, gibt ein Manager all dies auf, um irgendwo in Übersee mehr zu verdienen?

Verhindern lassen sich Krisen nicht. Doch aus Ihrer Sicht sind sie sogar lebensnotwendig.

Vontobel: Wir Menschen können nur durch Krisen wachsen. Auch die Wirtschaft braucht Krisen, und wir müssen dies akzeptieren.

Was erwarten Sie noch?

Vontobel: Die Stimmung könnte noch eine Weile freundlich bleiben, dann dürfte es aber weitere schlechte Nachrichten aus dem Bankensektor geben. Ich glaube nicht, dass es zu einer Inflation kommt.

Wie meinen Sie das?

Vontobel: In der Regel tritt etwas nicht ein, wenn alle davon sprechen. Sorge macht mir vielmehr der Irrglaube, dass die Krise bereits wieder ausgestanden sei. So weit sind wir aber noch nicht. Im Gegenteil: Wir gehen einen neuen, sehr gefährlichen Weg. Dies zeigt sich daran, dass die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Finanzkrisen immer kleiner werden.

Warum ist der Weg gefährlich?

Vontobel: Wir meinen, wir müssten den gleichen Weg gehen wie die USA. Wir wollen mit grossen Krediten Konkurrenten aufkaufen und auf alle Arten versuchen, kurzfristig reich zu werden. Das wird unser Volk nicht akzeptieren. Es wird nicht mehr akzeptieren, dass die Manager ihr Sonderzüglein fahren.