Der reichste Mann der Welt macht sich eigentlich nicht viel aus Geld: Trotz eines Vermögens von 73 Milliarden Dollar steuert Carlos Slim sein Auto gerne selbst durch den halsbrecherischen Verkehr seiner Heimatstadt Mexiko-City, wohnt in einem bescheidenen 6-Zimmer-Haus in der Nähe seines Büros und hat nicht einmal einen Computer auf seinem Schreibtisch. Zu seinen Leidenschaften zählen Baseball, Rodin-Skulpturen und Zigarren aus Kuba.

Doch hinter dem Bild des geerdeten Familienunternehmers verbirgt sich ein knallharter Stratege, der auf dem mexikanischen Telefonmarkt seit Jahrzehnten die Preise hochhält und mit den Einnahmen aus seinen zahlreichen Geschäften in die weltweite Expansion finanziert. Nach erfolgreicher Eroberung der Mobilfunkmärkte von Mexiko bis Feuerland macht er sich seit gut einem Jahr im beschaulichen Europa breit.

Ohne Slim geht nichts

Wer ist der 73-jährige, der in den Niederlanden den traditionsreichen Telefonbetreiber KPN schlucken will und ohne den beim österreichischen Ex-Monopolisten Telekom Austria nichts geht? Erst am Montag machte er den Weg frei für den Verkauf der KPN-Tochter E-Plus an O2 - nachdem die O2-Mutter Telefonica ihr Angebot um eine halbe Milliarde Euro aufgestockt hatte.

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In der Presse wurde er schon als «Meister des Schlussverkaufs», als «Mister Monopoly» tituliert - nicht unbedingt schmeichelhafte, aber treffende Namen. «Er hat nie für irgendetwas zu viel gezahlt», sagt sein Freund und Historiker Hector Aguilar Camin.

Nach der Sanierung von mehreren Unternehmen in den sechziger und siebziger Jahren mit einem ansehnlichen Vermögen ausgestattet, landete Slim vor 30 Jahren seinen ersten Riesencoup: Mexiko rutschte wegen des Ölpreisverfalls damals in die Krise, die Regierung verstaatlichte daraufhin Banken, weshalb Investoren fluchtartig das Land verfliessen.

OECD: Slim schröpft Mexikaner

Slim kaufte zum Spottpreis eine Firma nach der anderen - die Unternehmen, darunter der grösste Versicherer des Landes - waren wenige Jahr später im Aufschwung ein Vielfaches wert. Der zweite Glücksgriff gelang ihm Anfang der Neunziger, als Mexiko sich von vielen Staatsunternehmen trennte, darunter dem Telefon-Monopolisten Telmex. Der durfte auch nach der Privatisierung jahrelang als einziger Anbieter landesweit Orts-, Fern- und Handygespräche anbieten. Wettbewerber hatten kaum eine Chance. Erst Jahre später schuf die Regierung die erste Regulierungsbehörde.

Die Folgen spürt das Land bis heute: Telmex kontrolliert noch 80 Prozent des Festnetzmarkts in Mexiko, und der dortige Slim-Mobifunkableger Telcel kommt auf 70 Prozent Marktanteil. Das sind Werte, von denen andere Ex-Monopolisten nur träumen können. Nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zählen die Preise für Telefongespräche in Mexiko zu den höchsten unter allen Mitgliedsländern: Der Volkswirtschaft gingen zwischen 2005 und 2009 jährlich 129 Milliarden Dollar oder 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) verloren. Slims Telefon-Holding America Movil bestreitet die Vorwürfe.

Der Gegenwind wird stärker

Die hohen Gewinne aus dem Heimatmarkt nutzte Slim, um in so gut wie jedem Land Lateinamerikas eigenen Ableger zu gründen - häufig unter der Marke «Claro». Mit mittlerweile 260 Millionen Nutzern ist sein Konzern der grösste Handynetz-Betreiber in Mittel- und Südamerika.

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Slims Machtfülle wurde nun auch der mexikanischen Regierung zuviel. Staatspräsident Enrique Pena Nieto brachte vor einigen Monaten neue Gesetze und eine härtere Regulierung auf den Weg, um Slim und andere Quasi-Monopolisten in die Schranken zu weisen. Die America-Movil-Titel sind seitdem auf Talfahrt. Nach Ansicht von Analysten ist das einer der Gründe, warum der Telekom-Krösus den Sprung nach Europa wagte.

Auswandererkind Slim

Unternehmen begeistern Slim seit seiner Kindheit. 1940 als fünftes von sechs Kindern einer libanesischen Auswandererfamilie geboren, half er schon früh im Handelsunternehmen seines Vater aus und entdeckte dort seine Liebe zu Zahlen und Bilanzen. Später startet er eine Karriere als Börsenhändler, doch das blosse Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren interessierte ihn nicht - er wollte die Firmen leiten. Das werden wohl auch bald die Chefs seiner europäischen Firmen zu spüren bekommen.

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