Stimmrechte kaufen, in den Verwaltungsrat vordringen, das Management steuern. Dann unrentable Firmenteile verkaufen. Das ist das Vorgehen des schwedischen Investmentfonds Cevian Capital, wenn dieser in börsenkotierte Konzerne investiert. «Strategisch sinnvoll», bejubeln Medien und Analysten diese Methode. Allein die Ankündigung dieses Vorgehens treibt den Aktienkurs in die Höhe. Das zeigte sich auch heute: Nach dem Bericht der Handelszeitung über die mögliche Aufspaltung von ABB stieg der Kurs um vier Prozent, bis Handelsschluss lag er gut 2,5 Prozent höher.

Cevian hat bereits gezeigt, wie es vorgeht: Und zwar Ende 2012 beim britischen Industriekonzern Cookson Group. Der Konzern mit einer 300-jährigen Firmengeschichte war in den Bereichen Feuerfestkeramik, Spezialchemikalien und in der Metallaufbereitung tätig. Vor drei Jahren spaltete Cevian Capital mit rund einem Fünftel der Aktien Cookson in zwei Firmen auf: Alent und Vesuvius. Beide wurden separat an die Börse gebracht beziehungsweise einzelne Sparten wurden gewinnbringend verkauft.

Aktienkurs von ABB schleppte sich zu lange

Jetzt drohe sich diese Geschichte beim Schweizer Technologieriesen ABB zu wiederholen, sagen mehrere Ex-ABBler und Insider. Unterstützung für Cevians Pläne kommen aus dem Aktionariat. Denn seit Jahren bewegt sich der Aktienkurs von ABB nur seitwärts. Der Börsenstory und dem Papier fehle es an Phantasie, monieren Anleger. Eine Aufspaltung könnte diese Phantasie wieder hineinbringen.

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Kursverlauf vom 5. August:

Konkret geht es um eine separate Betrachtung der beiden ABB-Geschäftsbereiche Energie und Automation. Insbesondere der Verkauf von Teilen der Energiesparte steht im Raum. Dabei geht es unter anderem um Technologien zur Stromübertragung von Offshore-Windparks ans Festland und die Elektrifizierung von Solaranlagen – nicht gerade Bereiche, in denen ABB brillierte. Bei Generatoren, Schaltern und Umrichtern kann die Konkurrenz gut mithalten.

Und mit den grössten Übernahmen der jüngeren ABB-Geschichte hat sich der Konzern teils Mammutaufgaben aufgehalst, die nicht immer zu lösen waren. Ein Beispiel ist die Milliarden-Akquisition von Power One. Mit dieser Übernahme wollte ABB gross ins Solarbusiness einsteigen. Im vergangenen Frühjahr verkaufte ABB davon bereits einen Teil wieder, «da nur begrenzte Synergien mit den anderen Geschäften von ABB bestehen», wie es hiess.

Weitere wenig rentable Sparten von ABB könnten herausgelöst und separat an einem Mitbewerber verkauft oder sogar an die Börse gebracht werden. Diverse ABB-Sparten halten Analysten isoliert betrachtet sogar für werthaltiger als eingebettet in den Konzernverbund.

Grossinvestor Cevian streut seine Absichten

Auch wenn Verkaufsszenarien noch Spekulation sind, streut Grossinvestor Cevian über Kommunikationsberater bereits gezielt seine Absichten: ABB soll dahingehend überprüft werden, ob das Unternehmen in allen Bereichen der beste Eigentümer einzelner Geschäftsfelder ist. Und ob in die richtigen Geschäftsfelder investiert wird. Oder ob Anpassungsbedarf für eine bessere Ertragslage besteht. Spätestens im nächsten Frühjahr soll ein Cevian-Mann im Verwaltungsrat von ABB Einsitz nehmen.

Das Ziel, mit einer Beteiligung von insgesamt rund 20 Prozent Aktienanteil Einfluss auf die operative Führung zu nehmen, soll möglichst gemeinsam mit Jacob Wallenberg erreicht werden, der mit seinen Beteiligungen wieder mehr verdienen will. Dem Vernehmen nach wäre auch ein neu gegründetes Investmentvehikel vorstellbar, in das Wallenberg und Gardell ihre Anteile an ABB einbringen.

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Cevian macht Wind bei Bilfinger und ThyssenKrupp

Ein Verkauf von Unternehmensteilen ist schon deshalb nicht unwahrscheinlich, weil der in der Branche als aktivistisch verschriene Fonds Cevian derzeit bei einem Aktienanteil an ABB von 5,16 Prozent steht und stets darauf aus war, sämtliche Beteiligungen aufzuwerten oder zu einem höheren Preis zu verkaufen. So geschehen bei den Versicherungsgesellschaften Skandia und Münchener Rück, beim Technologiekonzern Metso, beim Nutzfahrzeughersteller Volvo und beim Telekomriesen TeliaSonera. Die jüngsten Investments sind Bilfinger und ThyssenKrupp, wo Cevian sich bei der Beteiligungsquote in Richtung 20 Prozent bewegt und im Management kräftig Wind macht. Stagnierende Aktienkurse gehören schlicht nicht zum Programm von Cevian.

Hinzu kommt, dass der zweite Grossaktionär bei ABB, die Familie Wallenberg mit der Gesellschaft Investor AB, ab sofort «eine aktivere Rolle» bei seinen Beteiligungen plant. Der neue Chef von AB, Johan Forssell, liess Mitte Juli aufhorchen, als er ankündigte, «Eigentümerstrukturen» und «Wertschöpfungspläne» sämtlicher Beteiligungen genau zu prüfen.

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Kampfansage an ABB-Chef Spiesshofer

Bis jetzt äussert sich Cevian dazu nicht in der Öffentlichkeit, aber eines wird deutlich: Das ist eine Kampfansage an ABB-Chef Ulrich Spiesshofer und seine Strategie. Dieser setzt mehr denn je auf Synergien im Konzern und auf ein integriertes Angebot. «Die gesamte Abdeckung von Energieversorgung und Automation aus einer Hand ist ein Alleinstellungsmerkmal von ABB und einer der Gründe, warum wir Aufträge gewinnen», sagt eine Sprecherin.

Wird Spiesshofer zur mageren Aktienperformance befragt, ist meist das konjunkturelle oder das Börsenumfeld schuld. Aus dem Umfeld von Cevian-Chef Christer Gardell heisst es dagegen fast schon patenhaft: «Das ist für Spiesshofer auch eine Chance, wenn er auf Cevian hört.» Wohl wissend, dass der Konzernchef nicht für die eigene Strategie kämpfen kann, um dann einfach auf die Linie von Cevian umzuschwenken. Den Investoren genügen Spiesshofers Erklärungen nicht mehr. Und Cevian schwingt sich so zum Anwalt der Aktionäre und zum Kämpfer für eine bessere Rentabilität auf.

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Peter Voser hat wenig Geduld mit unrentablen Bereichen

Ausserdem hat ABB seit zirka hundert Tagen einen neuen Verwaltungsratspräsidenten, Peter Voser. Er wird sich gegebenenfalls entscheiden müssen, ob er der bisherigen Strategie oder einem Herausschälen rentabler Konzernteile den Vorzug gibt, wenn es zu einer Konfrontation zwischen dem Management und den grössten Eigentümern kommt. Ein Weggefährte hat Vosers Zeit als Konzernchef des Erdölmultis Shell noch miterlebt: «Er war der, welcher das Portfoliomanagement eingeleitet, durchgezogen und 20’000 Tankstellen verkauft hat. Auch wenn das ausserhalb des Konzerns seinerzeit niemand verstanden hat.»

Der Weggefährte meint, Voser würde Sympathie haben für ein «straffes Portfolio bei ABB, das Bottom-Line-orientiert ist». Und Voser sei kein Mann, der an weniger rentablen Bereichen festhalten wolle. «Er wird Druck ausüben auf Projektgeschäfte, die Verlust machen, was derzeit noch zu häufig passiert.» Ausserdem seien die Risiken zwischen ABB und ihren Lieferanten nach wie vor zu ungleich verteilt, was den VR-Präsidenten stören müsste, meint der ABB-Kenner und Voser-Intimus.

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Druck von den Grossaktionären

Als ob das Management ahnte, was da auf den Konzern zukommt, tritt die ABB-Mannschaft in offiziellen Statements die Flucht nach vorne an. Da heisst es: «Aktives und systematisches Portfoliomanagement ist seit jeher Bestandteil unserer Unternehmensstrategie.» Oder: «Ein optimal abgestimmtes Portfolio ist entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von ABB.» Für eine Kurspflege reicht das offenbar noch nicht. Seit Jahresbeginn verlor die ABB-Aktie 5 Prozent, 2014 waren es 9 Prozent. Das im Herbst 2014 lancierte Aktienrückkaufprogramm von vier Milliarden Dollar hat die Trendwende nicht gebracht.

Derweil haben Wallenbergs AB und Cevian den ABB-Anteil auf fast 15 Prozent oder einen Wert von 6,5 Milliarden Dollar erhöht. So können die beiden Grossaktionäre das Management schrittweise dazu drängen, die eigenen Vorstellungen umzusetzen.

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Potenzielle ABB-Käufer gäbe es genug

Beispielsweise Käufer für Sparten von ABB zu finden, was nicht allzu schwierig sein dürfte. Bereits kolportiert wird ein Interesse der Konkurrenz an der Energiesparte – und hier speziell am Kabelgeschäft. Als Käufer kommen dafür am ehesten die Konzerne Siemens, Alstom, Eaton und Toshiba in Frage. Teilbereiche der Sparte Automation wären wohl für die US-Riesen Rockwell und Honeywell interessant, hier insbesondere die Bereiche Antriebe, Motoren und Software. Rentable Firmenteile aus beiden Sparten könnten auch für die indischen Unternehmen Bharat Heavy Electric und Crompton Greaves attraktiv sein. Eine Zukunftsperle von ABB ist die Entwicklung und Produktion von Industrierobotern. Für deren Übernahme könnten sich Fanuc aus Japan oder die deutsche Kuka ins Spiel bringen.

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Auch wenn eine Übernahme für die beiden kleineren Roboterspezialisten ein finanzieller Kraftakt wäre, würden diese wohl ohne Probleme ihre Geldgeber von den guten Zukunftsaussichten dieses Geschäfts überzeugen und dafür das notwendige Kapital aufbringen.

Konkurrenz kann bessere Aktienentwicklung aufwarten

Im Aktionariat von Kuka etwa sind mit insgesamt 40 Prozent der Industrielle Friedhelm Loh, der Maschinenbauer Voith und der Versicherungskonzern Axa vertreten, die zusammen rund 100 Milliarden Euro Umsatz auf die Waage bringen. Das Robotergeschäft von ABB setzt rund acht Milliarden Euro um.

Kurz: Die potenziellen Käufer sind auch die Konkurrenz von ABB. Und die meisten haben im Schnitt eine bessere Aktienentwicklung als der Konzern mit Sitz in Zürich. Mitunter deshalb traut man allfälligen neuen Eigentümern aus der Industrie auch eine bessere Performance mit ABB-Sparten im eigenen Portfolio zu.

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Schweizer Standort gilt als sicher

Um den Schweizer Standort der ABB müsste man sich wohl keine allzu grossen Sorgen machen. Hierzulande liegt das Herz des Konzerns für Forschung und Entwicklung (F&E). Rund 270 Millionen Franken fliessen jährlich in F&E. Insgesamt arbeiten in der Schweiz mehr als 6600 Personen für ABB. Bei einer Aufspaltung oder Zerschlagung wäre wohl der Hauptsitz in Zürich-Oerlikon am stärksten betroffen. Das ist ein kleiner Teil der Belegschaft an insgesamt 18 Standorten.

Beim Management in Zürich dürfte die Botschaft der aktivistischen Teilhaber aus Schweden angekommen sein. Dort heisst es: «Wir verstehen unter Zusammenarbeit den regelmässigen Austausch mit unseren Investoren.» Über den Inhalt wird vielleicht am 9. September beim Capital Markets Day im Luxusambiente des Londoner «Hilton» mehr verraten.

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